Burnout, Stress & Co. – Macht uns die Arbeit völlig krank?

von in Arbeitsleben am Mittwoch, 8. Juni 2011 um 11:45

Es sind Zahlen, die alarmieren: Jede dritte Frau und jeder fünfte Mann in Österreich muss wegen psychischer Erkrankungen frühzeitig in Pension. Seit Mitte der 90er-Jahre verdoppelten sich die Krankenstandstage wegen Psycho-Drucks. Durchschnittlich 37 Arbeitstage lang fallen Betroffene wegen seelischen Erkrankungen im Job aus. Stress, Burnout und Konsorten sind längst keine Berufskrankheiten von Top-Managern mehr. Sie haben die Mitte der arbeitenden Gesellschaft erreicht. karriere.at sprach mit Experten: Warum steigt der Druck auf Arbeitnehmer immer weiter? Können Arbeitgeber überhaupt gegensteuern? Wenn ja, wie?

Es kam ganz plötzlich, am Fahrscheinautomaten auf dem Weg in die Werbeagentur. Eva K. (32) hatte einfach kein Kleingeld dabei. Eigentlich eine Lappalie. Die Key-Accounterin begann zu weinen, brach noch auf der Straße in sich zusammen. Mit den Nerven völlig am Ende. Diagnose: Burnout. Bevor sie wieder zu arbeiten beginnen konnte, vergingen vier Monate. „Es war einfach keine Kraft mehr da“, sagt die Grazerin. Ihren alten, gut bezahlten Job hängte die Mutter eines Vierjährigen daraufhin an den Nagel.

Psychische Erkrankungen kosten Volkswirtschaft Milliarden

Eva ist kein Einzelfall. Wie eine aktuelle Studie der Deutschen Gesellschaft für Personalführung (DGFP) belegt, gaben 85 Prozent der befragten Unternehmen an, dass die Fehlzeiten ihrer Mitarbeiter in den vergangenen beiden Jahren gestiegen sind.
Und auch in Österreich schlagen Psychologen, Arbeitnehmer- und Arbeitgeberorganisationen gleichermaßen Alarm. Allein die simple Aneinanderreihung von Fakten verdeutlicht die Auswirkungen von Burnout & Co. auf die arbeitende Bevölkerung (Quelle: Österreichischer Bundesverband für Psychotherapie): 44,5 Prozent aller im Jahr 2010 in Österreich für arbeitsunfähig erklärten Angestellten mussten aus psychischen Gründen aus dem Erwerbsleben ausscheiden. In vier von zehn Büros wird laut IMAS-Studie zur Arbeitsmotivation der Österreicher gemobbt. 1,5 Millionen Österreicher sind Burnout-gefährdet, doppelt so viele leiden an Schlafstörungen. Psychische Erkrankungen kosten der österreichischen Volkswirtschaft jährlich in etwa sieben Milliarden Euro. Rund eine Million ist alkoholkrank oder zumindest -gefährdet. In Deutschland hat jeder fünfte Arbeitnehmer innerlich gekündigt.

Die Gründe für die steigende Arbeitsbelastung sind vielfältig: Die von der DGFP befragten Unternehmensvertreter beispielsweise schätzen die Faktoren „Konflikte im Team“ (28 Prozent), „Fehlerhäufung“ (27 Prozent) und auch die Tatsache, dass Mitarbeiter trotz Krankheit arbeiten gehen (25 Prozent) als die am häufigsten auftretenden ein, wie untenstehende Grafik zeigt. Zu letzterem erschien übrigens ganz aktuell eine Studie – Fazit: Wer aus übersteigertem Pflichtgefühl heraus krank in die Arbeit geht, schadet seinem Unternehmen letztlich mehr, als er bringt. Logisch zwar, trotzdem ein Faktum, das man als Krank-Arbeiter gern verdrängt.

Immer mehr, immer mehr, immer mehr

Dr. Paul Jiménez, Leiter der Fachsektion Arbeits-, Wirtschafts- und Organisationspsychologie im Berufsverband Österreichischer PsychologInnen (BÖP) bringt es auf den Punkt: „Hauptsächlicher Hintergrund für die steigende Anzahl an psychischen Erkrankungen von Arbeitnehmern ist mit Sicherheit ein Ansteigen des Drucks insgesamt in der Gesellschaft, der auch die Arbeitswelt miteinschließt. Wir alle wollen immer mehr Dinge immer rascher haben. Es steigen die Ansprüche generell, man will selbst immer bessere Dinge haben, es wird immer mehr von einem Arbeitnehmer gefordert. Das äußert sich beim normalen Essen-Gehen, beim Einkaufen und im Beruf.“ Am Beispiel einer alleinerziehenden Mutter: Zu ihrem Vollzeit-Job, den sie benötigt um den Lebensunterhalt für sich und ihr Kind zu bestreiten und den zusätzlichen Stressfaktoren wie der Organisation der Kinderbetreuung, kommt ein weiterer Faktor zu tragen, weiß der Psychologe: „Es besteht zusätzlich auch der Druck, dass sich ihr schulpflichtiges Kind in der Klassengemeinschaft wohlfühlt.“ Von den Skaterschuhen bis hin zu den Kinobesuchen, Sportwochen und einem gewissen Lebensstandard, der vermittelt werden will.

Besonders betroffen: Marketing, Produktion, Kundenservice

Hoher Konkurrenz- und Erfolgsdruck in Vertrieb und Marketing, anstrengende Tätigkeiten in nicht optimalen Arbeitsumgebungen in der Produktion oder eine hohe Frequenz an belastenden Kundenkontakten von Mitarbeitern im Telefonservice: Mögliche Erklärungen für die Reihung von besonders betroffenen Mitarbeitergruppen in Unternehmen. Wie aus der Grafik links ablesbar ist: Sämtliche Berufsfelder sind von psychischen Überbelastungen am Arbeitsplatz betroffen.

Oftmals Berufsfelder, die ihre eigenen Bedürfnisse zugunsten der Arbeitsbelastung zurückstellen. Berufe, die besonders Burnout-gefährdet sind, weiß auch Psychologin Christa Schirl-Russegger: „Mittendrin in der Burnout-Spirale (siehe Grafik rechts, Anm.) ist man oft bereits, wenn sich der Körper meldet. Schlafstörungen, Rückenschmerzen, Tinnitus sind da häufige Signale. Wenn man sich so überarbeitet fühlt, dass sich der eigene, langfristig auf Hochtouren laufende Motor überhaupt nicht mehr zu erholen scheint. Wenn man sein Handy keine Minute des Tages auszuschalten wagt, Freunde und soziale Kontakte vernachlässigt.“

Einen hilfreichen, wissenschaftlich fundierten Selbsttest zum Thema Burnout-Gefährdung hat die Universität Graz entwickelt: http://www.argeburnout.at/

Was die Führungskraft belastet, muss für den Mitarbeiter kein Problem sein

Was aber genau ist es, das Mitarbeiter belastet? Sind Führungskräfte und „normale“ Mitarbeiter gleichermaßen betroffen? Schenkt man den DGFP-Daten Glauben, zeigt sich deutlich, dass sich die Belastungsmuster relativ stark voneinander abgrenzen: Erfolgsdruck macht eher Managern zu schaffen, private Probleme und Streit mit Kollegen in verstärktem Ausmaß einfachen Angestellten. Ständige Erreichbarkeit hingegen ist ein klassisches Führungskräfte-Problem.

Arbeitgeber müssen gegensteuern

Gibt es jedoch Möglichkeiten für Arbeitgeber, dem Trend entgegenzusteuern? Sind Führungskräfte nicht auch selbst Opfer des „Systems“? Es gibt sie – und zwar auf mehreren Ebenen, erklärt Psychologe Jiménez:

  • Hinhören: „Die erste und beste Möglichkeit ist, als Führungskraft genau hinzusehen, ob Mitarbeiter in ihrem Verhalten wie gewohnt agieren, oder ob sie leiser werden. Werden Menschen in der Arbeit immer ruhiger, immer zurückhaltender, ist das in der Regel gefährlich. Wer laut ist, wer sich über Missstände aufregt, hat auch noch die Kraft dazu“, betont Jiménez.
  • Paul Jiménez, BÖP

    Paul Jiménez, BÖP

    Analysieren: Oftmals liegt jedoch auch ein strukturelles Problem in der Firma vor, das Mitarbeiter an die Grenzen ihrer psychischen Belastbarkeit führt. „Hier können Organisationspsychologen helfen, die sich nicht nur den betroffenen Einzelfall anschauen, sondern die ein gesamtes System einer Analyse unterziehen“, rät der Experte: „Es geht darum, in einem Unternehmen eine Entwicklung in Gang zu setzen, die bewirken soll, dass Arbeit den Mitarbeitern eine Freude machen darf. Wir wissen aus Studien, die der Frage „Warum wechseln Mitarbeiter ihren Job?“ nachgehen, dass Geld immer relativ weit hinten in der Ergebnisliste steht. Auf den vorderen Plätzen finden sich hingegen immer die Heausforderung und die Entwicklungsmöglichkeiten in einem Job. Arbeit soll Spaß machen können. Und wenn jemand in seinem Bereich etwas gut erledigt, soll er auch die Chance haben, in andere Bereiche hineinzuwachsen.“

  • Freiräume: Eine wesentliche Frage dafür sei, inwieweit Mitarbeitern in ihrem Fachgebiet gewisse Spielräume zugestanden würden. Mitarbeiter mit hoher Arbeitsbelastung und einem gewissen Ermessensspielraum, den sie kompetent ausschöpfen können, würden diese mit ihrem Arbeitsdruck vergleichsweise leichter fertig. „Am Beispiel eines Callcenter-Mitarbeiters, der den ganzen Tag Beschwerden entgegennimmt: Darf dieser die Beschwerden lediglich entgegennehmen und an irgendwelche Abteilungen weiterleiten, ist er relativ alleine. Hat er aber beispielsweise die Möglcihkeit, selbst zu entscheiden, für welche Fälle er den Kunden einen gewissen Bonus für ihre Beschwerden zugesteht, hat er Spielraum und Kompetenz“, weiß Jiménez. Es gehe in erster Linie darum, dass Menschen selbst denken und entscheiden dürfen: „Das Delegieren von primitiven Aufgaben ist auf lange Sicht tödlich.“

Diskutieren Sie mit!

Macht uns die Arbeit krank? Ist es überhaupt möglich, eine ausgeglichene Work-Life-Balance zu leben? Haben Sie in Zeiten von Smartphone, Laptop und Internet Probleme damit, abends abzuschalten? Was kann man tun, um dem immer größer werdenen Druck in Arbeits- und Privatleben standzuhalten? Oder sind Burnout, Work-Life-Balance & Co. nichts mehr als „Modewörter“? Wir sind gespannt auf Ihre Kommentare!

 

Christoph Weissenböck

Christoph Weissenböck macht Kommunikation bei karriere.at. Und dazwischen Blogposts. Schreiben ist für ihn mehr als ein Job.

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