Autismus im Job: Potenzial geht in Österreich oft verloren

von in Arbeitsleben, HR am Freitag, 1. April 2016 um 10:35

Am 2. April ist wieder Welt-Autismus-Tag – ein guter Anlass, um Arbeitgebern diese Menschen mit besonderen Fähigkeiten wieder in Erinnerung zu rufen. Was Autisten im Berufsleben so besonders macht und warum Unternehmen nicht auf sie verzichten sollten:

Ein Arbeitnehmer, der hochkonzentriert an einer Sache arbeiten kann, sich in Spezialbereiche bis ins kleinste Detail einarbeitet oder am liebsten Routinearbeiten erledigt – klingt nach dem idealen Mitarbeiter, oder? Trotz dieser Qualifikationen gibt es in Österreich zahlreiche Menschen, die keinen Job finden. In Österreich finden sich rund 80.000 Menschen mit Autismus, rund jeder Dritte hat das Asperger Syndrom. Obwohl diese Personen spezielle Talente besitzen, sind rund 80 Prozent von ihnen arbeitslos. „Das große Potenzial von Menschen mit Autismus geht in Österreich verloren“, sagt Elisabeth Krön, Geschäftsleiterin von Specialisterne Österreich. Der Verein hat es sich zum Ziel gesetzt, autistische Arbeitnehmer mit Unternehmen zusammenzubringen, die genau diese Fähigkeiten benötigen.

Bitte kein Small Talk!

„Menschen mit Autismus besitzen die herausragende Fähigkeit, Details wahrzunehmen und sich auch zu merken. Viele haben einen außergewöhnlichen Blick für Details und haben oft ein sehr gutes Zahlengefühl. Sie sind Experten, die sich wenn möglich auf ein Thema konzentrieren und Small-Talk keinen Wert beimessen. Selbstpräsentation und soziale Interaktion bereiten ihnen Schwierigkeiten, was schon das Bewerbungsgespräch zu einer großen Hürde werden lässt“, erläutert Katharina Pachernegg, klinische Psychologin für Specialisterne. Die Probleme in der sozialen Interaktion sind von Person zu Person unterschiedlich ausgeprägt. Betroffene kennen die ungeschriebenen Gesetze des menschlichen Zusammenlebens nicht immer, dadurch kann es im Arbeitsleben auch zu Missverständnissen mit Kollegen oder Kunden kommen: Ironie wird nicht verstanden, manchmal fällt es schwer, dem Gegenüber in die Augen zu sehen.

Hindernisse im Berufsleben

Einer der Gründe für die hohe Arbeitslosigkeit unter Autisten ist auch das Fehlen geeigneter Ausbildungen. Für begabte Jugendliche und Erwachsene gibt es in Österreich keine barrierefreien Ausbildungsoptionen. Anders z.B. in Dänemark, wo es spezielle Programme für junge Menschen mit Autismus gibt. Eine abgeschlossene höhere Ausbildung oder einen erlernten Beruf haben die wenigsten Arbeitnehmer bei Specialisterne. Mehr als die Hälfte hat ein Studium zumindest begonnen. Eine Fortbildung auch wirklich abzuschließen, das scheitert oft an Hindernissen wie das selbstständige Einteilen des Stundenplans, notwendigen sozialen Kontakten wie Gruppenarbeiten oder dem Aufenthalt einem überfüllten Hörsaal. Wer es bis zur Abschlussarbeit schafft, tut sich oft schwer mit dem Bestimmen des erforderlichen Detailgrades. Die Gestaltung von Lehrstellen kommt Autisten ebenfalls nicht sehr entgegen. Einen Betrieb im Rotationsprinzip zu durchlaufen, das kommt Menschen, die nach Stabilität streben und am liebsten alleine für sich arbeiten, nicht entgegen.

„Ich bin gut mit komplexen Strukturen.“

Unternehmen, die auf die Bedürfnisse autistischer Arbeitnehmer eingehen, gewinnen jedoch wertvolle Mitarbeiter. T-Mobile Austria setzt beispielsweise auf Mitarbeiter von Specialisterne, um ein kleines Team an IT-Experten aufzubauen, die Daten- und Prozessanalysen als Vorbereitung für IT-Projekte durchführen. Alexandra Martinu ist als Datenspezialistin mit Asperger-Syndrom bereits bei T-Mobile im Einsatz: „Ich bin gut mit komplexen Strukturen, Systemen und großen Datenmengen, egal ob Waren- und Transportströme in der Logistik oder Gesprächsdaten und umfangreiches Tarifportfolio wie in meinem jetzigen Job. Je mehr Details und Wechselwirkung es gibt, desto besser. Dafür bin ich weniger gut mit Menschen und insbesondere mit neuen Kontakten.“

Zu Specialisterne Austria
Gegründet wurde Specialisterne von Thorkil Sonne in Dänemark, das Konzept wird in mehreren Ländern weltweit umgesetzt. Specialisterne bringt Menschen aus dem Autismus Spektrum, die spezielle Fähigkeiten haben, mit Unternehmen zusammen, die diese Talente dringend benötigen. Specialisterne Austria wurde 2011 als gemeinnütziger Verein zur Förderung der Integration von Menschen im Autismus Spektrum gegründet.

Bildnachweis: Gonzalo Aragon / Shutterstock

Martina Kettner

Martina hat zwei Leidenschaften: Schreiben und Fotografieren. Für karriere.at macht sie Ersteres und bloggt am liebsten über alles, was den Arbeitsalltag schöner und Karriereplanung einfacher macht.

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