Aufräumen für die Karriere: Mehr als nur ein leerer Schreibtisch

von in Arbeitsleben am Dienstag, 29. November 2016 um 11:18

Als „Die Aufräumerin“ bringt Julia Neubauer Ordnung in das Chaos auf Schreibtischen, in Schränken und Laden. Wie Ordnung die eigene Karriere ankurbeln kann, warum sich kreatives Chaos und Aufgeräumtheit nicht ausschließen und mit welchen 5 Basics ein gutes Maß an Struktur erreicht werden kann: Wir haben bei der Aufräumerin nachgefragt.

Minimalismus, Capsule Wardrobe, Decluttering – in sozialen Netzwerken boomt das Aufräumthema wie noch nie. Auch ein Blick in die Bestsellerlisten zeigt, dass sich Lesestoff zum Thema Ordnung sehr gut verkauft. Mit „Magic Cleaning“ hat die Japanerin Marie Kondo ein Manifest übers Aufräumen verfasst und ihre Art und Weise des Ordnungschaffens methodisiert.

Julia Neubauer Die Aufräumerin

Julia Neubauer

Aus dem Bedürfnis vieler Menschen, Ordnung in ihr Leben zu bringen, hat Julia Neubauer einen Beruf gemacht. „In den USA boomen die Professional Organizer bereits und ich dachte: Warum gibt es so etwas nicht auch bei uns? Die Idee erschien mir anfangs noch blöd, aber sie hat mich nicht mehr losgelassen“, erzählt Neubauer. Sie greift jenen unter die Arme, die Ordnung ins Chaos bringen möchten – und nicht wenige holen sich Hilfe von außen: „Ein Klient meinte zu mir einmal: Natürlich könnte ich das alles selbst machen, aber ich könnte auch meine Wohnung selber ausmalen statt einen Maler zu holen.“

Das Thema Minimalismus trendet, der Wunsch nach mehr Ordnung und Einfachheit ist sichtlich da. Woran liegt’s?

Neubauer: Manche betreiben Minimalismus schon sehr extrem, andererseits glaube ich, dass wir generell zu viele Dinge besitzen. Der Klassiker ist ja, vor dem vollen Kleiderschrank zu stehen, aber nichts zum Anziehen haben. Zu viel Besitz kann belasten und ich muss mir das alles auch erst leisten können. Aber was brauche ich wirklich? Viele Dinge zu besitzen oder haben zu wollen, das hetzt uns auch. Auch Krimskrams, der gut sortiert ist, bleibt Krimskrams. Es geht aber nicht darum, sofort alles wegzuwerfen und sich von allen Besitztümern zu trennen. Ich rate jedoch dazu, bewusst darauf zu achten, was man besitzt und in seinem Umfeld hat – privat genauso wie beruflich.

„Wir tappen in die Aufbewahrungsfalle.“

Neubauer: Im Büro sind persönliche Besitztümer selten das Problem, dafür häuft man berufliche Dinge an: E-Mails, Unterlagen, Folder, Zeitungen, Newsletter und vieles mehr. Dabei tappen wir in die Aufbewahrungsfalle: Das hebe ich auf, das möchte ich später noch lesen. Besser, ich speichere das ab, ich könnte es noch einmal brauchen. Diese E-Mail drucke ich lieber aus, sonst vergesse ich darauf. Diese Dinge legt man irgendwo ab, darauf kommt der nächste Zettel und der übernächste… Was Stress auslöst, sind diese wachsenden Stapel, in denen wir immer wieder nach Dingen suchen müssen.

Es hapert also an der persönlichen Ablage, die fehlt?

Neubauer: Ich denke nicht, dass es am System fehlt sondern daran, es ordentlich zu warten. Viele haben eine Art System oder eine Idee, nach der sie sich organisieren. Aber sie evaluieren ihr System nie. Man überlegt sich ein Ordnungssystem und hinterfragt danach nicht mehr, ob es so überhaupt funktioniert. Ein oft vorherrschendes Missverständnis ist, dass die Zeit für Organisation oder Aufräumen verlorene Zeit ist. ‚Wenn der Kollege Zeit hat, um aufzuräumen, hat er wohl nicht viel Arbeit.‘ Das Gegenteil ist der Fall: Es steigert meine Produktivität und mein Wohlbefinden.

Tipps: Büro richtig aufräumen

Deine Tipps: Mit welchen Routinen gelingt es, laufend Ordnung zu halten?

  • Den Arbeitsplatz ordentlich verlassen
    So muss ich nicht erst am nächsten Tag beginnen zu überlegen, wo ich am Vortag eigentlich aufgehört habe. 15 Minuten Zeit am Ende eines Tages reichen dafür meistens, um sich zu überlegen: Was habe ich geschafft, was habe ich nicht mehr erledigen können? Erledigtes wird weggeräumt, die Unterlagen für den nächsten Tag gleich bereit gelegt. Diese kurze Evaluierung hilft auch, den Kopf frei zu bekommen und keine To-Dos mit nach Hause zu nehmen.
  • System laufend evaluieren
    Meist scheitert es am Abarbeiten aller fälligen Dinge innerhalb seines Systems. Hier schaffen fixe Zeitpunkte Abhilfe: Zeitfenster, um E-Mails zu bearbeiten, Bookmarks zu bereinigen oder Unterlagen abzulegen. Wichtig ist, sich diese Zeit zu nehmen und dann Entscheidungen zu treffen: Bearbeiten, wegwerfen, delegieren.
  • Brain Dump
    Ich bin ein großer Fan von „Getting things done“ von David Allen: Unser Kopf ist kein guter Arbeitsspeicher. Ich benötige also etwas, um mir Dinge aufzuschreiben und wo ich jederzeit wieder nachsehen kann. Das kann ein Notizbuch sein oder eine digitale Lösung. Notfalls kann man sich selbst eine E-Mail schreiben oder einen Block neben das Bett legen, um Dinge dort auch abends schnell festzuhalten.
  • Monotasking
    Das Leben besteht aus Unterbrechungen, auch im Berufsleben kann spontan etwas dazwischen kommen, das sofort erledigt werden muss. Trotzdem: Möglichst nur einzelne Aufgaben bearbeiten und nicht zwischen Tasks switchen. Nach Unterbrechungen sofort wieder zur Ausgangsaufgabe zurückkehren und seinem System treu bleiben.
  • Loslassen, wegwerfen, reduzieren
    Viele Besitztümer, im Arbeitsumfeld sind das z.B. Arbeitsunterlagen, haben ihren Zweck erfüllt. Es ist Zeit, sich von ihnen zu verabschieden. Abgesehen von der Aufbewahrungspflicht mancher Unterlagen, kann vieles entsorgt werden. Was man ein Jahr lang nicht angesehen hat, kann meist getrost weggeworfen werden. Das trifft auch auf den Privatbereich zu. Was unser Besitz uns „sagt“, kann auch sehr energieraubend sein: Mich wolltest du auch noch anziehen! Ich war so günstig und du verwendest mich nie!

Kann eine aufgeräumte Umgebung auch der Karriere auf die Sprünge helfen?

Neubauer: Menschen, die Ordnung schaffen, haben sicher andere Denkmuster oder Lösungskompetenzen. Eine aufgeräumte Umgebung kann auch der eigenen Karriere helfen. Wer organisiert ist, behält den Überblick und ist frei genug, sich Gedanken über die eigene Situation zu machen: Wie lange bin ich schon im Job, was machen andere in der Branche oder im Unternehmen, welcher Arbeitstyp bin ich und wo will ich hin?  Gut organisiert zu sein hilft auch bei der Suche nach einem neuen Job: Interessante Stellenanzeigen im Blick haben, keine Fristen übersehen, Arbeitgeber recherchieren – das fällt alles leichter, wenn man sich gut organisiert. „Tidy space, tidy mind“ habe ich als Motto gewählt, denn für mich ist Ordnung im Äußeren auch Ordnung im Inneren. Schaffe ich Ordnung, fühle ich mich innerlich ruhiger und kann offen sein für Neues.

Das Genie beherrscht das Chaos: Haben Kreativität und Spontaneität bei aller Aufgeräumtheit auch noch Platz?

Neubauer: Natürlich, man darf sich nicht permanent unter Druck setzen mit dem Anspruch, von früh bis spät aufgeräumt sein. Chaos ist in Ordnung, solange an etwas gearbeitet wird. Dann dürfen auch Unterlagen herumliegen, Material oder was auch immer man benötigt. Gerade Kreativität braucht diesen Raum. Es geht eher, darum zu sagen: Wenn ich die Arbeit abgeschlossen habe, organisiere ich mich so, dass ich am nächsten Tag sofort weitermachen kann.

Bei aller Ordnung: Denke außerhalb der Box!

Zwischen totaler Aufgeräumtheit und dem Chaos gibt es viele Wege, zu arbeiten. Ich meine nicht, dass man täglich in vollkommener Ordnung arbeiten muss, wo jeder Stift seinen fixen Platz hat. Wichtig ist ja, außerhalb der Box zu denken! Es geht aber um die Befreiung: Wie bringe ich Ordnung in meine Papierflut. Ich denke, ein gewisses Maß an Ordnung ist für jeden wichtig – im Job genauso wie privat.

Bildnachweis: Inspiring/Shutterstock; Stokkete/Shutterstock

Martina Kettner

Martina hat zwei Leidenschaften: Schreiben und Fotografieren. Für karriere.at macht sie Ersteres und bloggt am liebsten über alles, was den Arbeitsalltag schöner und Karriereplanung einfacher macht.

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