Erstellt am 28. März 2019 · Arbeitsleben · von

Kreativ arbeiten: Eine Designerin über Ordnung, Kreativitäts-Hacks und die Zukunft

Lesezeit: 4 Minuten

Wie bleiben Kreative so kreativ und was können Normalsterbliche davon lernen? Und haben auch kreativ Schaffende Angst vor der Digitalisierung und Robotern, die ihren Job einnehmen könnten? Wir haben mit Irene Pereyra, einer Designerin mit Agentur in Brooklyn und Kunden wie Spotify oder BBC, darüber gesprochen und erfahren, warum das kreative Chaos wohl doch nicht der Weisheit letzter Schluss ist:

Kreativität braucht viel Raum. So kommt es, dass das Gros der kreativ Schaffenden nach Jahren der Arbeit für eine Agentur sich etwas ganz Eigenes wünschen. Wär es nicht wunderbar, ein eigenes urbanes Office zu haben, mit coolen Kunden zusammenzuarbeiten und nur Projekte anzunehmen, die man wirklich machen möchte – ganz ohne seine kreative Seele verkaufen und ständig Kompromisse eingehen zu müssen?

Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht: Irene Pereyra hat gemeinsam mit Anton Repponen in Brooklyn, New York die Designagentur „Anton & Irene“ gegründet und dabei viele Erfolge gefeiert, aber trotzdem anstrengende Phasen durchgemacht. Mit uns hat sie über ihre Kreativitäts-Booster und die Zukunft der Arbeit für Kreative gesprochen.

Wie war für dich der Wandel von der kleinen Kreativagentur zum eigenen Projekt?

Irene Pereyra: Als wir mit unserem Unternehmen gestartet sind, haben wir uns eine Regel auferlegt: 60 Prozent unserer Zeit sollte für Arbeit mit Kunden reserviert sein und die restlichen 40 Prozent wollten wir für persönliche Projekte nutzen. Das hat uns erlaubt zu experimentieren und Dinge auszuprobieren, für die in der Zusammenarbeit mit Kunden kein Platz (oder kein Geld) dagewesen wäre. Wir sehen unsere Agentur in diesem Sinne als ein lebenslanges „Projekt“. Und wir versuchen herauszufinden, wie das schlussendliche Ergebnis visuell gut wird und wir als Designer trotzdem dazulernen können.

Was waren die größten Erfolge, Lieblings-Projekte und Misserfolge auf eurem Weg?

Irene Pereyra: Du kannst mit den coolsten, größten Marken arbeiten und trotzdem eine unglaublich schlechte Arbeitserfahrung mit ihnen haben. Auf der anderen Seite kannst du mit kleinen, ganz unbekannt

Kreativarbeit, Designerin Irene Pereyra

Designerin Irene Pereyra

en Brands, die auf den ersten Blick eher langweilig wirken, ein großartiges Produkt erschaffen. Wir sind nicht auf der Jagd nach den ganz großen Fischen – wir wollen zu unseren Kunden passen und sie sollen uns schließlich auch machen lassen, was wir für richtig halten. Mittlerweile sind wir einfach viel besonnener und wählen bewusster aus, mit wem wir zusammenarbeiten.

 

„Auch coole Marken können anstrengend sein. Wir wählen mittlerweile sehr bewusst aus, mit wem wir zusammenarbeiten wollen und mit wem nicht.“

Für mich persönlich waren die größten Erfolge immer die Projekte mit jenen Kunden, mit denen wir eine wunderbare Zusammenarbeit geschafft haben. Diese haben uns immer unser Ding machen und auch wichtige Entscheidungen treffen lassen. Bei all unseren Projekten in unserem Portfolio ist das der Fall. Die größte Zufriedenheit haben wir aber immer in den ganz persönlichen Projekten erlebt. Ganz besonders war das so bei der interaktiven Dokumentation „ONE SHARED HOUSE“ (Anm. d. Red.: ein interaktives Projekt über Co-Living), aber auch die analoge NU:RO Armbanduhr, die man jetzt im MoMA (Museum of Modern Arts, New York) Store kaufen kann, war ein toller Arbeitsprozess.

Hast du Tipps oder Kreativitäts-Hacks für uns, die jedem zu mehr Kreativität verhelfen können?

Irene Pereyra: Ich gehe nicht im Wald spazieren oder ins Museum, um mich inspirieren zu lassen. Um in eine kreative Grundstimmung zu kommen ist es für mich persönlich sehr wichtig, dafür zu sorgen, dass meine Freizeit und damit mein Zuhause, aber auch mein Arbeitsplatz absolut organisiert und aufgeräumt sind. Das hört sich womöglich sehr seltsam an, aber wenn es irgendwo nicht ordentlich ist, können meine Gedanken nicht zur Ruhe kommen. Beispielsweise ordne ich meine Mails nach Priorität, ich mache Checklisten für alles, was ich erledigen muss an einem bestimmten Tag zu einer gewissen Zeit, mein Zuhause ist absolut makellos – so in etwa läuft das bei mir. Fokussiert zu bleiben und das richtige Mindset zu haben ist für mich ein richtiger Lifestyle und alles, was ich in der Arbeit, aber auch privat mache, hilft mir dabei, das weiterzuentwickeln und zu optimieren.

„Kreativität ist wie ein Muskel – man muss sie trainieren!“

Aber noch viel wichtiger: Kreativität ist wie ein Muskel. Wenn du jeden Tag Probleme lösen musst, gewöhnt sich dein Gehirn daran und es wird zum Training. Wenn ich lange auf Urlaub gehe, werde ich zum Beispiel so entspannt, dass ich ungefähr zwei Wochen brauche, um zurück am Arbeitsplatz wieder auf das gleiche Produktivitäts- und Kreativitäts-Level zu kommen wie zuvor. Deadlines sind für mich unglaublich wichtig, genauso wie Querdenken: Was ist der am wenigsten offensichtliche Weg, das Problem zu lösen? Kann es etwas ganz anderes sein, einen ganz anderen Zweck verfolgen? Das sind die Fragen, die man sich stellen sollte, wenn man versucht, kreativ zu arbeiten.

Wie siehst du die Zukunft der Arbeit im Allgemeinen – wird es mehr Zusammenarbeit, Vernetzung und Co-Creation geben?

Irene Pereyra: Ja, und das passiert auch momentan schon, in allen möglichen Branchen. In unserer Agentur arbeiten wir beispielsweise wie ein Kooperativ mit Kreativen, die selbstständig sind.

Digitalisierung ist momentan ein großes Thema und obwohl es heißt, dass Maschinen (noch) keine Kreativität an den Tag legen können wie der Mensch, wird das Thema für Kreative zunehmend relevanter. Hast du Angst davor, dass ein Roboter dir auf lange Sicht den Job wegnehmen könnte oder wir mit dem immer gleichen Design einer Maschine konfrontiert werden?

Irene Pereyra: In der Produktion wird vieles automatisiert werden, aber nicht im Konzeptbereich. Ich denke nicht, dass es jemals eine Art von Computer geben wird, die etwas aus Nichts erschaffen kann.

 

Über die Person

Irene Pereyra ist in Amsterdam aufgewachsen. Für sie ist großartiges Design auch praktisch und kann auf das Einfachste heruntergebrochen werden. Gemeinsam mit Anton Repponen ist sie den Weg von der Junior Designerin zur Gründerin einer eigenen Agentur gegangen. Ihre Kreativ-Agentur „Anton & Irene“ ist weit über die Grenzen von Brooklyn bekannt und ihr Portfolio umfasst Kunden wie Spotify, SPACE10/IKEA, BBC oder Nickelodeon. Außerdem geben Anton & Irene Workshops und Lesungen auf der ganzen Welt. Sie nennen über zahlreiche hochrangige Preise, etwa den Webby, Emmy, Red Dot oder den Löwen von Cannes, ihr Eigen. Die beiden werden beim Forward Festival in Wien am 4. April 2019 auf der Bühne stehen und von ihrem Designer-Alltag mit allen Schwierigkeiten und schönen Seiten berichten.

Bildnachweis: Rawpixel.com/Shutterstock; Irene Pereyra

Tanja Karlsböck

Tanja macht Instagram, YouTube & Co. für karriere.at und als Abwechslung Blogposts, denn Schreiben ist ihre liebste Kulturtechnik.

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