Erstellt am 21. Oktober 2021 · Arbeitsleben, HR · von

Employee Assistance Program: Mentale Unterstützung als Benefit

Lesezeit: 5 Minuten

Mentale Belastungen können unterschiedliche Ursachen haben, doch sie alle wirken sich negativ auf unsere Gemütslage und unsere Leistungsfähigkeit aus. Gut, wenn man in diesen Zeiten Unterstützung bekommt – und noch besser, wenn diese Unterstützung vom Arbeitgeber oder der Arbeitgeberin zur Verfügung gestellt wird. Wie Employee Assistance Programme (kurz: EAP) funktionieren, erfahrt ihr im Blog:

Beziehungskrisen, ein krankes Kind oder Zukunftsängste in unberechenbaren Zeiten: Es gibt Situationen im Leben, die unsere psychische Belastbarkeit hart auf die Probe stellen. Um besser damit fertig zu werden und Schlimmeres zu vermeiden, ist psychologische Unterstützung sinnvoll. Aus Scham oder Überforderung scheuen viele jedoch davor zurück.

Genau hier setzen EAP, Employee Assistance Programme, an, die Mitarbeiter*innen und deren Angehörigen den Zugang zu psychologischer Beratung als Teil der betrieblichen Gesundheitsförderung ermöglichen. Dr. Cornelia Martens, Leiterin des eap-instituts erklärt, wie das funktioniert.

Mentale Gesundheit fördern: Eine Aufgabe von Arbeitgeber*innen

Frau Dr. Martens, die Psyche ist etwas sehr Privates. Sollte die Förderung mentaler Gesundheit überhaupt eine Aufgabe der Arbeitgeber*innen sein?

Dr. Martens eap-institute

Dr. Cornelia Martens, EAP institut

Dr. Martens: Nachdem wir einen Großteil unseres Lebens am Arbeitsplatz verbringen und für unsere Arbeitgeber*innen Leistung erbringen, würde ich das mit Ja beantworten. Auch der Gesetzgeber hat diese Frage mit Ja beantwortet, indem er 2013 in einer Novelle des Arbeitsschutzgesetzes eine verpflichtende Evaluierung der psychischen Belastung am Arbeitsplatz in Auftrag gegeben hat. Nächstes Jahr gibt es zudem eine Gesetzesnovelle im ICD11, dem Handbuch der Psychologen, in dem Burnout erstmals als Krankheit festgelegt wird und wo psychische Belastung in direkten Zusammenhang mit Arbeitsbedingungen gebracht wird. Wobei ich nicht unterschreiben würde, dass Burnout ausschließlich von der Arbeit verursacht wird.

Mehr Bewusstsein, mehr Bedarf: Corona macht psychische Gesundheit zum Thema

Selten wurde so viel über psychische Gesundheit in den Medien berichtet wie in Corona-Zeiten. Ist auch das Interesse der Arbeitgeber*innen an diesem Thema gestiegen?

Dr. Martens: Wenn man der Krise etwas Positives abgewinnen will, dann ist es das gesteigerte Bewusstsein vieler Firmen, dass der Faktor mentale Gesundheit auch für uns als Arbeitgeber*innen relevant ist. Bisher wurde dieser von vielen Firmen eher ins private Eck geschoben. Die Auswirkungen waren zwar bewusst, aber sich darum zu kümmern, wurde in erster Linie als Privatangelegenheit der Mitarbeiter*innen empfunden.

„Sich um die psychische Gesundheit zu kümmern, wurde bisher als Privatangelegenheit empfunden.“

Mit der Novelle des Arbeitsschutzgesetzes 2013 wurde dann mehr bewusst, dass mentale und psychische Gesundheit Themen sind, die Arbeitgeber*innen etwas angehen. Aber die Corona-Krise war noch mal ein Verstärker. Viele der Unternehmen, die wir unterstützen, konnten in der Krise rasch und unkompliziert auf uns zurückgreifen und die Angebote wurden viel stärker genützt als vorher.

Liegt das am stärkeren Bewusstsein oder daran, dass die Krise mehr Bedarf verursacht hat?

Dr. Martens: Das kann ich nicht eindeutig beantworten, aber ich glaube, dass die Hemmschwelle gesunken ist, weil wir alle betroffen sind und das weltweit. Eines der Unternehmen, das wir begleiten, hat Niederlassungen in Mexiko, Kolumbien, Polen und Russland und die Themen, die Menschen in der Coronakrise belasten, sind überall sehr ähnlich. Die Belastungen sind vor allem in Familien viel höher als zuvor und – was uns sehr schockiert hat – auch bei Kindern.

„Die Hemmschwelle ist gesunken, weil wir alle betroffen sind und das weltweit.“

Vor Corona wäre kaum jemand auf die Idee gekommen, sein zehnjähriges Kind zur psychologischen Beratung zu schicken. Hier sind die Anfragen enorm gestiegen und das belastet natürlich auch die Eltern extrem. Angststörungen und Panikattacken sind mehr geworden, gleichzeitig ist das Bewusstsein, dass die mentale Gesundheit wichtig ist und man sich Hilfe holen sollte, gestiegen. Die Anonymität eines EAP macht das noch einfacher.

Wie Employee Assistance Programme funktionieren

EAP soll psychische Gesundheit am Arbeitsplatz fördern

Wie funktionieren Employee Assistance Programme?

Dr. Martens: Zunächst möchte ich klarstellen, dass ein EAP kein „Programm“ im Sinne eines IT-Programms ist. Das wird oft missverstanden, es ist aber eine Serviceleistung und die funktioniert so: Ein Unternehmen kauft für einen Pauschalbetrag im Monat pro Mitarbeiter*in das Recht ein, dass sämtliche Mitarbeiter*innen und die engsten Angehörigen ohne Umweg über Vorgesetzte oder HR-Abteilung sich direkt an uns wenden können: „Mein*e Arbeitgeber*in hat einen Vertrag mit euch, ich bräuchte jetzt Beratung oder ein Coaching.“ – Die Serviceleistung ist quasi schon bezahlt, der*die Mitarbeiter*in muss sie nur nützen. Das beinhaltet Coaching und Beratung im psychologischen Bereich, Psychotherapie ist ausgenommen. Die Mitarbeiter*innen bekommen die Leistungen im vertraglich vereinbarten Umfang pro Thema, zumeist sechs Sitzungen.

Entlasten in fordernden Zeiten: Ziel des EAP

Zu welchen Themen kann man sich beraten lassen?

Dr. Martens: Von Erziehungsberatung bis hin zu Themen, die stark an der Psychotherapie kratzen, ist alles dabei. Unsere Berater sind zu zwei Dritteln Psychotherapeuten und können diese Themen entsprechend abdecken, ein Drittel sind Lebens- und Sozialberater. Also wenn ich im Jänner eine Ehekrise habe, kann ich sechsmal zur Beratung kommen – nämlich auch wirklich physisch in eine unserer Beratungseinrichtungen. Wenn im September dann ein Todesfall in der Familie eintritt und im November ein Teamkonflikt, hätte ich jedes Mal Anspruch auf sechs Stunden Beratung durch einen unserer Psychologen. Die Beratung kann auch online über Videocall oder Chat stattfinden.

„Was vorrangig kein Thema der mentalen Gesundheit ist, kann schnell eines werden.“

Das vorrangige Ziel dieser Beratungen ist es, dem oder der Klient*in eine Last abzunehmen, den Kopf freizumachen. Dazu gehören auch so einfache Unterstützungen wie die Recherche zu Kinderbetreuungsmöglichkeiten. Das ist vorrangig kein Thema der mentalen Gesundheit, kann aber schnell eines werden: Man hat keine Zeit zu recherchieren, muss das dann vielleicht geheim in der Arbeitszeit machen, damit es niemand merkt … Gleichzeitig bleibt die Arbeit liegen, man ist nicht bei der Sache und es kommt zu Überstunden – das ist ein Teufelskreis und eine große psychische Belastung.

Was haben Arbeitgeber*innen davon?

Was erfahren die Arbeitgeber*innen über die Beratungen ihrer Mitarbeiter*innen?

Dr. Martens: Die Sensibilität in Richtung Datenschutz ist in den vergangenen Jahren sehr gewachsen und Mitarbeiter*innen fragen sich zurecht: Was darf mein*e Arbeitgeber*in überhaupt wissen? Je weniger er oder sie weiß, umso mehr werden die Angebote genützt. Seit der DSGVO haben wir unser ganzes System auf den Kopf gestellt, damit der Datensatz in unserer Datenbank nie mit einer konkreten Person in Verbindung gebracht werden kann. Das ist uns ganz wichtig. Im Leistungsbericht für die Arbeitgeber*innen steht lediglich, wie viele Beratungsstunden in Anspruch genommen wurden und zu welchem Thema. Welche Mitarbeiter*innen das EAP genützt haben, bleibt geheim.

Das sind ja auch keine unwesentlichen Infos für Arbeitgeber*innen …

Dr. Martens: Ich glaube, das Wesentlichste, was ein EAP für Unternehmen ausmacht, ist ein aussagekräftiger, anonymisierter Leistungsbericht. Sie möchten am Ende des Tages ja wissen, ob ihr Angebot auch genützt wird und in welcher Form. Damit bekommen die Arbeitgeber*innen einen guten Überblick darüber, wie es um die Gesundheit der Organisation bestellt ist und auf welche Themen sie den Fokus legen sollten. Geht es in den Beratungen beispielsweise oft um Teamkonflikte, Mobbing oder sexuelle Belästigung, können die Unternehmen mit entsprechenden Führungskräftetrainings, Seminaren oder Workshops gegensteuern.

„Arbeitgeber*innen bekommen einen guten Überblick, wie es um die Gesundheit der Organisation bestellt ist und auf welche Themen sie den Fokus legen sollten.“

Warum sind Employee Assistance Programme bei uns noch so wenig bekannt?

Dr. Martens: Ich denke, das liegt einerseits daran, dass psychische Gesundheit bei uns immer noch ein Tabuthema ist. Ich habe aber das Gefühl, dass dieses Tabu gerade aufbricht. Dazu kommt, dass die Unternehmen, die es anbieten, viel zu wenig nach außen kommunizieren. Kaum ein*e Arbeitgeber*in führt EAP dezidiert als Mitarbeiterbenefit an. In Stelleninseraten in Großbritannien oder Deutschland findet man EAP hingegen sehr häufig. In Österreich fällt es oft allgemein unter „Gesundheitsmaßnahmen“, wird aber nicht extra ausgewiesen. Dabei wäre es sehr attraktiv für Bewerber*innen und es würde dadurch auch bekannter werden.

Über Dr. Cornelia Martens

Mag.a Dr.in Cornelia Martens ist Geschäftsführerin der EAP-Institut Management Consultancy GmbH, Juristin, Mediatorin, Dipl. Psychologische Beraterin und Systemischer Wirtschaftscoach. Zusätzlich ist sie Lehrbeauftrage an der EALP Europäische Akademie für Logotherapie und Psychologie und widmete sich bis 2019 ehrenamtliche dem Kriseninterventionsteam Österreichisches Rotes Kreuz.

Bildnachweis: shutterstock/Halfpoint, SewCream

Lisa-Marie Linhart

Lisas Liebe gilt dem Wort und der Musik. Bei uns kombiniert sie beides zu wohlklingenden Blogbeiträgen mit dem richtigen Groove für Themen, die das Arbeitsleben leichter und die Karriereplanung einfacher machen.

Bitte stimme unseren Cookie-Richtlinien zu, um dieses Video anzuzeigen.

Zustimmung geben