Erstellt am 11. November 2019 · Arbeitsleben · von

Arbeiten trotz Schlafmangel? Tipps gegen Müdigkeit und ein Selbstexperiment

Lesezeit: 6 Minuten

Schlafentzug ist eine Foltermethode und deshalb auch verboten. Es gibt allerdings Situationen im Leben, die verlangen uns nahezu Unmögliches ab … zum Beispiel arbeiten zu gehen, wenn man quasi nicht geschlafen hat. Der Grund für den Schafmangel (ein Neugeborenes, ein kranker Partner, eine zu gute Party …) ist dann auch schon egal. Wir haben 6 Tipps für dich, um den Tag zu überstehen, und berichten von einem unschönen Selbstexperiment.

Die Party war richtig gut, irgendwie bist du hängengeblieben und schwupps … schon ist es fünf Uhr früh. Das Blöde ist nur, dass du eigentlich in die Arbeit musst – und zwar in zwei Stunden. Die Gretchenfrage: Ab nach Hause und dem Chef Bescheid geben, dass er dich heute nicht sehen wird, oder dem Ernst des Lebens tief in die Augen blicken und schnurstracks ab in die Arbeit?
Wer kennts? Und wer hat sich schon mal für Letzteres entschieden?

Für alle, die unsere Frage mit „ja“ beantworten: Gratulation – ihr habt unseren vollen Respekt. Weiter unten findet ihr unsere Top-Tipps, um den Arbeitstag trotz Schlafmangel zu meistern. Für alle anderen: Wir haben euch diese Erfahrung abgenommen und berichten hier, wie es uns dabei ergangen ist. Spoiler: Der menschliche Körper ist schon ein faszinierendes Ding.

2 Tage wach – von der Party direkt in die Arbeit

Zu meiner Verteidigung: Geplant war es nie, dass ich mit Schlafentzug und den Resterscheinungen einer guten Party in den Arbeitstag schlittere. Der letzte Zug war nur leider der falsche und hat mich nicht dort hingebracht, wo ich eigentlich hinwollte – in mein Bett nämlich. Stattdessen hatten die Kollegin und ich die (uns zu diesem Zeitpunkt so erscheinende) kongeniale Idee, einfach an einer Hotelbar am Bahnhof durchzumachen, bis der erste Zug frühmorgens uns direkt in die Arbeit bringen sollte. Um hier Missverständnisse zu vermeiden: Wir haben uns nicht die ganze Nacht lang betrunken, geschlafen haben wir aber trotzdem nada und nachdem 24 Stunden ohne Schlaf auf den Körper in etwa wie vier Gläser Rotwein wirken, war das durchaus nicht ohne.

24 Stunden ohne Schlaf wirken auf den Körper wie vier Gläser Rotwein.

Hier lasse ich euch teilhaben an meinem darauffolgenden Arbeitstag (unter der ständigen Beteuerung, dass wir schließlich nicht am offenen Herzen operieren, sondern „nur“ einen Tag im Büro überleben müssen):

Selbstexperiment: Tagebucheintrag aus der Hölle

7.00 Uhr Ankunft im Büro – ohne die letzten 24 Stunden davor ein Bett (geschweige denn eine Dusche oder Zahnbürste) gesehen zu haben. Wahnsinn, so früh kann man also anfangen zu arbeiten. (Normalerweise starte ich nämlich erst gegen 8.30 Uhr in den Arbeitstag). Wir sind die ersten im Büro und noch fühlen wir uns eigentlich ganz okay. Die Prio-Liste ist klar: Kaffee – Kaugummi – Deo-Dusche.

7.30 Uhr Das Fenster stand eine Viertelstunde offen (obwohl draußen Temperaturen gegen Null herrschen) und der erste halbe Liter „Fresh Mind“-Tee ist konsumiert – man tut, was man kann, um die Geister wach zu halten.

8.00 Uhr das Büro füllt sich langsam und bisher scheint noch niemandem von unseren Kollegen aufgefallen zu sein, dass wir dieselbe Kleidung wie am Vortag tragen, mit Dutt am Kopf (um die ungekämmten Haare zu verbergen) und müden Augen in unseren PC starren und versuchen, uns krampfhaft auf die Mails zu konzentrieren.

8.15 Uhr Der erste Kollege fragt, warum wir eigentlich so früh da sind – wo wir doch gestern gesagt haben, dass wir heute später kommen. Meine Kollegin und ich schauen uns kurz an und brechen in einen Lachflash aus. Spätestens jetzt – so glauben wir – haben wir unsere Tarnung verloren. Doch nein – übernächtigt und übermütig, wie wir mittlerweile sind, fragen wir unsere Kollegen, ob ihnen etwa nichts auffalle an uns. „Nein, wieso?“ Wir sind überrascht, dass fehlende Körperhygiene im täglichen Miteinander offenbar weniger relevant zu sein scheint, als wir bisher annahmen. Gut, ab jetzt morgens also weniger Zeit mit Äußerlichkeiten verschwenden, wenns den Kollegen ohnehin nicht auffällt.

8:40 Uhr Schwach, weil der Kaffee nicht mehr kickt oder weil Schlafmangel einfach mürbe macht, knicken wir ein … wir können einfach nicht mehr und müssen unser „Geheimnis“ den Kollegen offenbaren. Wir erzählen die Geschichte mit einer Lautstärke und einer Heiterkeit, wie nur Menschen mit eingeschränkter Wahrnehmung (was in diesem Moment definitiv auf uns zutrifft) es tun würden. Was wir ernten: Teils Respekt, teils Unverständnis und ganz viel Gelächter. Uns ist das aber grade herzlich egal …

9.00 Uhr Gott sei Dank, Kaffeepause!

9.45 Uhr Gedanklicher Schwenk ins Nirvana. Was wollte ich grade machen? Meine Mails muss ich heute dreimal checken – in den einfachsten Wörtern schummeln sich Tippfehler ein.

11.00 Uhr Meeting mit einer Kollegin steht an. Ich briefe mich selbst: Nicht zu viel reden, nicht zu wenig reden und möglichst „normal“ erscheinen.

12.00 Uhr Mittagspause! Und es gibt Nudeln. Falls es einen Gott gibt – Danke!

12.50 Uhr Das soeben erlebte Hoch – zusätzlich gepusht durch einen weiteren Kaffee – scheint Fahrt aufgenommen zu haben und rast mit mir die Achterbahn hinunter in die steilste Biegung. Puh, ein Nachmittagstief der Sonderklasse kündigt sich an. Wo ist die Leidensgenossin? Ihr Arbeitsplatz ist leer … schläft sie etwa schon irgendwo und lässt mich hier ganz alleine zurück?

„Es wird ganz warm, bevor man erfriert – ungefähr so fühle ich mich jetzt.“ Schlafentzug scheint poetisch zu machen.

13.55 Uhr Durchhalten – nur noch eine Stunde! Um 15 Uhr bin ich hier weg und falle direkt ins Schlafkoma, von dem ich frühestens 12 Stunden später wieder erwachen werde.

14.35 Uhr Der Kollege braucht noch dringend meine Meinung zu einem Text. Ich nicke und versuche meine Augen zielgerichtet wirken zu lassen. Einfach nicken und nicht einschlafen …

14.55 Uhr Nur noch fünf Minuten – oh Gott, die längsten fünf Minuten meines Lebens! Die Leidensgenossin ist wieder aufgetaucht und faselt irgendwas von Erfrieren.

15.25 Uhr Der Weg nachhause war beschwerlich, die Busfahrt eine Tortur, aber die Aussicht auf Schlaf motiviert mich und versorgt meinen Körper mit Adrenalin und Endorphinen. So müssen sich Marathonläufer in ihren letzten 100 Metern fühlen!
Schon lange nicht mehr war ich so dankbar für eine Dusche und ein Bett. Wir sollten das viel mehr wertschätzen, aber keine Zeit, um sentimental zu werden – der Schlaf überkommt mich und trägt mich weit weg an einen Ort, der weich und warm ist und ich schwöre mir: „Nie wieder, ich werde das nie wieder tun!“ (Wer schließt Wetten auf mich ab?)

Arbeiten trotz Schlafmangel: 6 Tipps, um den Tag zu überstehen

schlafmangel in der arbeit

Schlafexperten sagen, dass uns Schlafmangel körperlich und geistig sofort ein Defizit beschert. Wer sein Mindestschlafbedürfnis (bei den meisten Menschen rund 8 Stunden) regelmäßig unterschreitet, stört den Stoffwechsel und riskiert Krankheiten. Bereits nach 48 Stunden ohne Schlaf erlischt die Konzentrationsfähigkeit für die einfachsten Dinge, nach drei schlaflosen Tagen kommen noch Hör- und Sehschwierigkeiten sowie Halluzinationen hinzu. Für den Körper ist Schlafentzug also ein echter Kraftakt. Deshalb ist es umso wichtiger, gerade dann alles andere richtig zu machen.

Das Hirn braucht Schlaf, um zu funktionieren.

Wer also nach einer kurzen Nacht keine Wahl hat und in die Arbeit muss, sollte sich an die folgenden Tipps halten:

1. Das Wichtigste am Morgen erledigen!

Morgens ist unser Energielevel am Höhepunkt (wenn auch nicht vergleichbar mit ausgeschlafenen Tagen) – diese Zeit solltest du dafür reservieren, die wirklich wichtigen Punkte auf der To-do-Liste abzuhaken. Ab Mittag fällt unsere Leistungskurve auch an ausgeschlafenen Tagen ab, bei Schlafmangel spüren wir dieses Tief noch viel ausgeprägter. Lange Meetings und wichtige Entscheidungen oder Gespräche (z. B. eine Gehaltsverhandlung) sind heute gar nicht ideal – hier hilft nur verschieben.

2. Kaffee!!!

… ist unser Freund und Helfer, wenn der Schlafmangel richtig kickt. Allerdings ist zuviel des Guten auch wieder nicht gut. Circa 30 Minuten solltest du dem Koffein schon Zeit geben, bevor du  aus purer Verzweiflung mehrere Tassen leerst. Je nachdem, wieviel Kaffee du regelmäßig konsumierst, spricht dein Körper vielleicht auch nicht mehr so sehr auf den Koffeinkick an. Dann hilft dir der nächste Tipp:

3. Beweg dich!

Den ganzen Tag nur auf den Monitor zu starren macht auch Ausgeschlafene müde. In deiner Lage solltest du besonders auf Bewegung achten. Meide den Lift und gehe so viel mit möglich zu Fuß, arbeite an einem Stehtisch und nutze Pausen, um wirklich aufzustehen. Frische Luft (vor allem ein Spaziergang draußen) und ein kühler Raum halten dich zusätzlich fit.

4. Iss das Richtige!

Wer seinen Körper und seinen Kopf schon durch Schlafmangel herausfordert, sollte sie zumindest mit gutem Treibstoff versorgen. Schweres Essen und ein Übermaß an Kohlenhydraten sorgen für einen Insulin-Peak, auf den schließlich ein Down folgen muss. Heute besser ein gesundes Müsli als Frühstück, einen Salat zu Mittag und als Snack ein Stück Obst wählen.

5. Verfalle nicht dem Powernap!

Ein Mittagsschläfchen ist was Feines! Dabei solltest du es aber nicht zu gut meinen. Maximal 30 Minuten tragen zu mehr Fitness bei, alles darüber hinaus ist kontraproduktiv. Eine Tiefschlafphase solltest du hier nämlich vermeiden, die gehört in die Nacht. Ein Mittagsschlaf in der Arbeit ist nicht drin? Auch eine Viertelstunde ruhige Musik oder eine kurze Meditation haben denselben Effekt.

6. Sei freundlich!

Oder besser gesagt: superfreundlich! Wer zu wenig Schlaf bekommen hat, ist leichter gereizt, launisch und nimmt alles persönlicher. Das Konfliktpotenzial in der Arbeit ist dann besonders hoch! Bemühe dich also besonders, den Kollegen gegenüber nett zu sein, dann verzeiht man dir in Zukunft auch mal die ein oder andere unausgeschlafene Bemerkung. ;-)

Und zuhause sofort ab ins Bett!

 

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Bildnachweis: Shutterstock

Tanja Karlsböck

Tanja macht Instagram, YouTube & Co. für karriere.at und als Abwechslung Blogposts, denn Schreiben ist ihre liebste Kulturtechnik.

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