Ein Blick in die Krankenbetten: Sind wir ein Land der Blaumacher?

von in Arbeitsleben, Arbeitsrecht am Dienstag, 17. Juli 2012 um 07:13

„Hand aufs Herz: Schon mal blau gemacht?“, lautete die Frage einer karriere.at-Umfrage, deren Ergebnis heute präsentiert wurde. Insgesamt jeder dritte Arbeitnehmer (36 Prozent) würde demnach auch mal blau machen, die meisten davon (25 Prozent) jedoch nur in Notsituationen. Jeder Neunte (11 Prozent) der 604 Befragten sagt hingegen: „Sicher – andere machen das doch auch.“ Aus Sicht der Unternehmen hingegen scheint „Krankfeiern“ laut der Umfrage kein großes Problem zu sein. Trotzdem gibt es immer mehr Firmen, die sogar Detektive zur Kontrolle einsetzen und jede vierte Kontrolle durch die Gebietskrankenkasse endet mit einer Verwarnung.

Gewissensbisse und Zufriedenheit im Job

42 Prozent der Befragten gaben an, dass „ärgste Gewissensbisse“ sie daran hindern würden, einen oder mehrere Tage nicht zur Arbeit zu erscheinen, obwohl sie es könnten. Für weitere 22 Prozent ist die Tatsache, dass sie in ihren Jobs glücklich sind, Grund genug, jeden Tag hinzugehen. In Notsituationen würde jeder Vierte als Grund für sein Fernbleiben „Krankheit“ angeben, für jeden Neunten ist Blaumachen kein Problem, weil „andere es auch machen“. Erschummelter Krankenstand bzw. das Thema Krankenstand an sich scheidet seit Jahren die Geister – unter Kollegen ebenso wie seitens der Wirtschafts- under Arbeiterkammer. Von den Unternehmen hingegen dürfte das Blaumachen nicht als großes Problem gesehen werden.

„Schwarze Schafe“ & Co.

50 Prozent der 183 befragten Unternehmensvertreter gaben an, dass ihre Mitarbeiter nur in Einzelfällen gesund zu Hause bleiben würden, weitere 40 Prozent sagten, dass das „Tachinieren“ in ihrem Unternehmen kein Problem sei, da „das Arbeitsklima stimmt“. Nur in Ausnahmefällen (fünf Prozent) wurde ein Anstieg der „Krankenstände“ besonders rund um die Feiertage beobachtet, weitere fünf Prozent der Unternehmensvertreter mussten strenge Regeln bezüglich Krankenstand einführen, da es in der Vergangenheit weniger erfreuliche Vorkommnisse gab.

Achtung Kontrolle!

Doch wie sieht es in der Realität aus? Die jeweils zuständige Gebietskrankenkasse kontrolliert stichprobenartig die Krankenstände – sprich: stattet krank gemeldeten Personen unangemeldet einen Hausbesuch ab. Allein in Oberösterreich werden pro Jahr rund 4000 Krankenbesuche bzw. Kontrollen durchgeführt. Dies entspricht knapp 20 Besuchen pro Arbeitstag. In rund einem Viertel der Fälle wird eine Verwarnung ausgeprochen. Als eine der Hauptursachen gilt das Nichteinhalten der ärztlichen Anordnungen.

Keine Krankheit, kein Geld

Ist bei dem Besuch alles in Ordnung, passiert freilich nichts. Es kann jedoch auch sein, dass der Krankenstand durch den Versicherten selbst beendet wird oder der Arbeitnehmer zum Chefarzt vorgeladen wird. Wer eine solche chefärztliche Kontrolle ohne triftigen Grund versäumt, muss mit Sanktionen bis hin zur Streichung der Entgeltfortzahlung oder dem Ruhen des Krankengeldes rechnen, wie Gregor Smejkal von der GKK erklärt. Auch er fügt jedoch hinzu, dass es in Anbetracht der Gesamtsumme der Krankenstände nur sehr wenige sind, welche Krankenstand-Missbrauch betreiben.

Einfluss von Jobzufriedenheit und Arbeitsklima

Zusammenfassend kann mal also sagen, dass 90 Prozent der Unternehmen ihren Mitarbeitern was das Blau machen betrifft Vertrauen entgegenbringen und dieses Vertrauen in einem Großteil der Fälle auch gerechtfertigt ist. Weiters zeigt sich, dass es auch einen Zusammenhang zwischen Jobzufriedenheit bzw. Arbeitsklima und dem „Krankfeiern“ gibt. Dies bestätigt sich auch in vorangegangenen Umfragen, die etwa die Arbeitsmotivation oder die Wechselbereitschaft eines Mitarbeiters abgefragt haben.

Krank zur Arbeit? Für viele Realität!

Das Thema Krankenstand ist also kein einfaches und sorgt fast immer für hitzige Diskussionen, auch wird darüber gestritten, ob Ärzte zu schnell und leichtfertig krank schreiben – oder eben nicht. Laut Arbeiterkammer gibt es nur wenige schwarze Schafe, die sich durch Blau machen den Urlaub verlängern oder lange Wochenenden erzeugen. Dem gegenüber stehen vier von zehn Arbeitnehmern, die sogar krank zur Arbeit gehen würden – motiviert durch hohes Pflichtbewusstsein oder im schlimmsten Fall Angst vor Kündigung. Fakt ist, die Krankenstandstage nehmen laut Statistik Austria ab. Fakt ist aber auch, dass sie passieren. Die Wirtschaftskammer OÖ rechnet für ganz Österreich mit jährlich mehr als 15 Millionen Euro Zusatzkosten für die Betriebe betont jedoch ebenfalls, dass es „wenige schwarze Schafe“ seien, die der Wirtschaft so enorm schaden würden.

Kündigungsschutz gibt es keinen

AK-Experte Peter Hosner

AK-Experte Peter Hosner

Aus rechtlicher Sicht, wie Peter Hosner von der Arbeiterkammer in OÖ erklärt, gibt es in Österreich keinen Kündigungsschutz im Krankenstand. „Eine Abwesenheit ohne gerechtfertigten Grund zieht Folgen nach sich.“ Es gibt jedoch nur wenige Fälle, in denen Arbeitnehmer aufgrund von falschem Krankenstand gekündigt oder entlassen werden, so der Rechtsexperte. Er rät Arbeitnehmern auf jeden Fall dazu, den Arbeitgeber im Krankheitsfall unverzüglich zu informieren sowie einen Arzt aufzusuchen und sich krankschreiben zu lassen.

Wenn der Detektiv ermittelt

Die Gründe, weshalb Arbeitnehmer blau machen, sind individuell verschieden – keiner ist jedoch davor gefeit, einer Stichprobe der zuständigen Gebietskrankenkasse ins Netz zu gehen. Weiter gibt es, so Hosner, auch immer mehr Firmen, die Detekteien einschalten, um „schwarzen Schafen“ auf die Schliche zu kommen. Nicht immer aber ist das Aufdecken von „erschummelten“ Fehlzeiten mit so viel Aufwand verbunden: Wie berichtet hat sich erst jüngst eine Kellnerin während ihres Krankenstandes mit Disco-Fotos auf Facebook selbst geoutet. Diesen Fall nahm die Wirtschaftskammer übrigens zum Anlass, derartige Fälle künftig publik machen zu wollen.

Blau machen wäre nicht nötig

Um selbst „erlaubte“ Urlaubstage zu vermeiden oder einzudämmen, rät karriere.at-Geschäftsführer Jürgen Smid zu einem möglichst flexiblen Zeitmanagement in Unternehmen. „Viele Mitarbeiter, wie in etwa alleinerziehende Eltern, kann es durchaus vor Probleme stellen, sämtliche private und familiäre Verpflichtungen außerhalb der Arbeitszeiten wahrzunehmen. Sind Gleitzeitregelungen im Unternehmen wenig flexibel, kann dies möglicherweise dazu führen, dass Arbeitnehmer in Notsituationen eher Krankenstände beanspruchen.“

 

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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