23. Januar 2017 · Arbeitsleben, HR · von

Arbeiten mit Asperger-Syndrom: „Ablenkung ist wie ein Systemabsturz“

Die Arbeitswelt ist voll von ungeschriebenen Gesetzen, definierten Ritualen und Regeln. Für Menschen mit Autismus machen sie die Jobsuche oder das Verweilen in einem Job oft schwer. Dabei können Teams und Arbeitgeber von den besonderen Fähigkeiten dieser Mitarbeiter profitieren – vorausgesetzt, sie lassen sich auf die Bedürfnisse dieser Arbeitnehmer ein. Leszek Chmielewski ist Software-Tester mit Asperger-Syndrom und kennt die Hürden als Bewerber aus eigener Erfahrung.

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Geht’s auch ein wenig genauer?

Dinge wie ein hoher Geräuschpegel im Großraumbüro oder Arbeitsanweisungen, die nicht ganz klar sind, sind für jeden ein Ärgernis. Für Menschen mit Asperger-Syndrom kann so etwas im Arbeitsalltag zum unüberwindbaren Hindernis werden. Die Schwierigkeiten beginnen aber bereits früher. Schon im Bewerbungsprozess gibt es Rituale und Gegebenheiten, die die Jobsuche für diese Personengruppe richtig erschweren. Leszek Chmielewski arbeitet als Software-Tester für ANECON, auf dem Weg dorthin hat ihn der Verein Specialisterne Austria begleitet. Wir haben ihn gefragt, wie sich Jobsuche und Arbeitsalltag für Spezialisten mit Asperger-Syndrom gestalten.

Welche Erfahrungen haben Sie auf Jobsuche gemacht? Denken Sie, dass sich der Prozess für Menschen mit Asperger-Syndrom besonders schwierig gestaltet?

Leszek Chmielewski: Ich war mehrere Jahre lang erfolglos auf Jobsuche. Die dabei angebotenen Kurse waren für mich oft nicht geeignet. Ich erhielt z.B. widersprüchliche Informationen, wie man Bewerbungsunterlagen zu gestalten hat. Es gibt natürlich kein Universalrezept, aber es war schwer für mich zu entscheiden, woran ich mich zu halten hätte. Nur wenn ich meinen eigenen Stil befolgte, kam es öfters zu einer Einladung. Und dann scheiterte es aber manchmal an meiner Nervosität und an gewissen Bewerbungsgesprächsritualen. Ich meine, ich kann zwar Englisch, aber bei Nervosität dann noch ein Vorstellungsgespräch auf Englisch zu absolvieren, hat mich überfordert.

„Ich wünschte, die Fragen im Bewerbungsgespräch wären konkreter.“

„Erzählen Sie etwas über sich“ ist schon oft eine unüberwindliche Frage. Alles, was der Arbeitgeber über mich wissen muss, steht im Lebenslauf beziehungsweise im Bewerbungsschreiben. Soll ich es also redundant vortragen? Das würde bedeuten, ich unterstelle dem Arbeitgeber, dass er sich mit meinem Lebenslauf nicht auseinandersetzte. Das wäre nicht professionell. Aber andererseits, was soll ich dann vortragen? Alles Wichtige steht ja im Lebenslauf. Ich wünschte, die Fragen wären konkreter. Mit konkreten Fragen kann ich viel besser umgehen, als mit unklaren Anforderungen. Ich schätze, andere Bewerber mit Asperger-Syndrom haben damit die gleichen Probleme. Viele Unternehmen nehmen auch lieber Universitätsabsolventen auf. Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung brechen Studien oft ab, weil sie mit der Selbstorganisation überfordert sind. Bei mir war es auch so. Ich habe die Schule für Datenverarbeitungskaufleute abgebrochen, obwohl ich in einigen Fächern zu den Klassenbesten gehörte.

Sie haben eine Lehre zum Metallverarbeitungstechniker absolviert und arbeiten jetzt als Software-Tester. Wie kamen Sie auf dieses neue Arbeitsgebiet?

Leszek Chmielewski: Ich hatte schon als Kind eine Affinität zu Computertechnologie. Meine ersten Computer waren ein Sinclair Spectrum und ein Commodore 64. Ich wollte auf jeden Fall eine Lehre abschließen. Mir wurde eine Intensivlehre als Metallbearbeitungstechniker angeboten, mit dem Beisatz, dass man mit einem Lehrabschluss auch in anderen Berufen eine bessere Bezahlung bekommt. Da ich mich auch für Technologie zur Materialbearbeitung interessierte, nahm ich es dankbar an. Diese schloss ich mit gutem Erfolg ab. Eine Auszeichnung hätte ich erreicht, wenn die Schweißnähte besser gewesen wären. Einige Monate nach dem Abschluss erlitt ich einen Oberschenkelhalsknochenbruch. Somit war ich nicht mehr in der Lage, schwere Metallplatten zu heben. Nach der Genesung kehrte ich zu meiner Leidenschaft zurück, den Computern. Nachdem Specialisterne mich aufgenommen hat und ich mein Interesse an Computern bekundet habe, wurde mir angeboten, dass ich einen Softwaretestlehrgang machen kann. Danach, ging es sehr rasch. Softwaretesterkurs mit ISTQB-Zertifizierung erfolgreich absolviert und schon hatte ich einen Job.

Größtenteils habe ich mir alle Kenntnisse selbst angeeignet. Ich habe zwar in den 90ern einen BASIC-Programmierkurs bei der VHS besucht, aber das meiste Wissen hatte ich bereits davor autodidaktisch aufgesaugt. In dem Kurs wurden nur die kleinen Wissenslücken aufgefüllt. Mittlerweile hat sich die Computertechnologie stark gewandelt. Die alten Kenntnisse werden kaum noch gefragt, aber viel daraus ist auch bei den neueren Programmiersprachen anwendbar. Der Umstieg von prozedurbasierenden Programmiersprachen zu objektorientierter Programmierung war nicht ganz so leicht, wie ich geglaubt habe, aber keineswegs unmöglich. Das Softwaretestwissen beruht auf logisch definierten Abläufen. Man muss sich nur die Reihenfolge merken. Da bin ich doch dankbar, dass ANECON den ISTQB-Kurs für Specialisterne Autisten gerecht aufbereitet hat, mit Eselsbrücken und Visualisierung der Vorgänge. Autodidaktisch hätte ich vermutlich viel länger benötigt, um mir dieses Wissen anzueignen.

Logisches Denken als wertvoller Gewinn für Arbeitgeber

Welche Stärken bringen Sie mit und was macht Sie in Ihrer Arbeit so gut und besonders?

Leszek Chmielewski: Meine besondere Stärke ist die Logik. Ich konnte Logikaufgaben schon immer besser bewältigen, als Kollegen. Das hat sich nicht erst in den AMS-Kursen gezeigt. In einem wurde etwa ein Test mit Logikaufgaben gezeigt, die Bewerber bei einem Unternehmen lösen mussten. Mir bereitete es nur geringe Mühe die gestellten Aufgaben zu lösen. Auch der Aufnahmetest in der Schule für Datenverarbeitungskaufleute war ein derartiger Logiktest.

Wenn ich diese Logik für ein Unternehmen einsetze, bin ich ein wertvoller Gewinn für den Arbeitgeber. Was Genauigkeit betrifft, so ist diese nicht immer vorteilhaft. Ist etwa eine Testfallbeschreibung unklar, zweideutig, oder nicht an die aktuelle Version der Software angepasst, habe ich bereits Probleme. Der Vorteil, der sich daraus ergibt ist, dass diejenigen Kollegen, die die Testfälle schreiben, durch mein Feedback und Randnotizen mehr darauf achten, eindeutigere Testfallbeschreibungen zu verfassen. Das ist natürlich auch ein Vorteil für das Unternehmen, weil sich dadurch Fehler und Rückfragen in der Zukunft reduzieren.

Was schätzen Sie an Ihrer Arbeit und Ihrem Arbeitsplatz? Unter welchen Bedingungen können Sie besonders gut arbeiten und was brauchen Sie im Job?

Leszek Chmielewski: An meiner Arbeit liebe ich, dass sie geschätzt wird. Sie entspricht meinen Interessen. Man hat auch viele Freiheiten. Mit ANECON habe ich den Jackpot geknackt. Das Umfeld ist sehr kollegial. Man kann zur Not auch mal von Zuhause aus arbeiten. Der Arbeitsplatz ist kein Großraumbüro, es arbeiten höchstens vier Leute gleichzeitig im Raum. Unter diesen Bedingungen kann ich sehr gut arbeiten. Mittlerweile bin ich auch schon bei Kundenprojekten vor Ort – das ist zwar eine Überwindung, aber ich kann das gut bewältigen. Was ich noch brauchen würde, wäre eine bessere Schallisolierung der Fensterscheiben, aber man kann nicht alles haben. Der Lärm von draußen ist ja zum Glück kein Dauerzustand und das Wichtigste ist, dass meine Schwierigkeiten vom Team ernst genommen werden und wir das Fenster z.B. schließen, wenn die Lärmbelastung zu groß wird.

„Der Umgang mit Ablenkung fällt mir manchmal schwer.“

Was fällt am Arbeitsplatz manchmal schwer?

Leszek Chmielewski: Der Umgang mit Kollegen war bei anderen Arbeitgebern so gut wie immer ein Problem. Mobbing war zwar nicht an der Tagesordnung, aber doch vorhanden. Das ist bei ANECON ganz anders. Hier wird man von den Kollegen so akzeptiert, wie man ist. Während des vergangenen halben Jahres – also so lange wie ich hier arbeite – gab es kein einziges negatives Erlebnis. Einzig der Umgang mit Ablenkung fällt mir manchmal schwer. Das Unternehmen ist in der Nähe des AKH beheimatet, und so bekommt man es ganz deutlich mit, wenn Einsatzfahrzeuge vorbeifahren. Es dauert zwar nur ein paar Sekunden, beeinflusst aber die Konzentration. Manchmal ist es wie ein Systemabsturz. Ich komme aus dem Arbeitsrhythmus heraus und weiß minutenlang nicht mehr, wie ich wieder hineinkomme.

Zum Verein

Specialisterne Austria wurde 2011 gegründet, um das international bewährte dänische Modell Specialisterne in Österreich umzusetzen. Der Verein setzt sich zum Ziel möglichst viele Menschen aus dem Autismus Spektrum auf den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren.

Bildnachweis: Khakimullin Aleksandr / Shutterstock

Martina Kettner

Martina hat zwei Leidenschaften: Schreiben und Fotografieren. Für karriere.at macht sie Ersteres und bloggt am liebsten über alles, was den Arbeitsalltag schöner und Karriereplanung einfacher macht.

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