Arbeiten ohne Chef – geht das?

von in HR am Mittwoch, 11. Juni 2014 um 07:22

Kein Chef sondern flexible Teams, die sich selbst organisieren und entscheiden, wer mitmachen darf und wer nicht. Freiwillige Mitarbeit an Projekten, die Spaß machen. Keine Unterforderung oder Langeweile, sondern die eigene Arbeitskraft als Investitionsentscheidung. All das gibt es wirklich und zwar bei der Berliner Beraterfirma partake AG. Deren Gründer Jürgen Erbeldinger erzählt im Interview von dem „spannenden Experiment“, Arbeit anders zu leben.

„Bei uns herrscht weder Anarchie noch Ponyhof“

2012 haben Sie die Organisation bei Partake komplett umgestellt und die Hierarchiestufen abgeschafft. Wie kann man sich das vorstellen?

Jürgen Erbeldinger

Jürgen Erbeldinger

Jürgen Erbeldinger: Wir haben nicht so sehr die Hierarchiestufen abgeschafft, sondern gesagt, dass jeder Mitarbeiter völlig frei entscheiden kann, mit wem er arbeitet, wo er arbeitet und woran er gerade arbeitet. Die Teams finden sich also selbst und innerhalb der Teams gibt es sehr wohl noch Hierarchiestufen. Da gibt es zum Beispiel den Teamleiter, der bei uns Häuptling (Hopi) heißt. Wir setzen sehr stark auf das Prinzip der Freiwilligkeit. Das bedeutet: Wenn ich etwas gerne tun möchte, bringe ich mich stark ein. In so eine Sache geht man mit komplett anderem Commitment, als wenn mir jemand anderes sagt, was ich tun muss. Faktisch führt das dazu, dass wir keine festen Hierarchien mehr haben, sondern dass sich die Teams immer wieder neu organisieren. Bei uns herrscht aber weder Anarchie noch Ponyhof, nur kann ich eben niemanden anweisen und sagen: „Du musst jetzt an dieser Sache arbeiten.“ Wenn es einen Mitarbeiter nicht mehr freut, geht er zu einem anderen Team oder bildet selbst eines.

Beförderungen, Mitarbeitergespräche & Co.? Fehlanzeige!

Gibt es bei Ihnen Probleme wie Unterforderung und Langeweile also gar nicht?

FeedbackJürgen Erbeldinger: Genau, das ist auf den Punkt formuliert. Bei uns gibt es kein Schimpfen auf die Struktur. Wenn jemand sagt, er möchte dieses oder jenes anders machen, dann heißt es: „Ja dann mach doch!“ Nicht jeder kommt aber damit klar, denn manchen fällt dann, wenn sie selbst entscheiden dürfen, nicht wirklich etwas ein. Andere wiederum fühlen sich damit wie der Fisch im Wasser und sind total begeistert davon, die eigenen Ideen einzubringen und sich selbst ein Team aufzubauen.

Welche Konsequenzen hat das?

Jürgen Erbeldinger: Ich kann zum Beispiel niemanden befördern. Wer in einer gewissen Position an etwas arbeiten will, muss die Leute dafür finden. Dadurch bekommen wir auch eine ganz andere Beurteilung von Führungskräften aber auch Mitarbeitern.

Beförderungen, Gehaltsverhandlungen oder Mitarbeitergespräche gibt es also nicht mehr?

Jürgen Erbeldinger: Genau, das haben wir nicht mehr.

„Arbeit ist eine Investitionsentscheidung“

Wie geht es den Mitarbeitern damit? Kommt jeder damit klar?

Arbeiten ohne ChefJürgen Erbeldinger: Nein, nicht jeder. Das liegt wohl daran, dass wir alle ganz klassisch ausgebildet sind und über Jahre hinweg Rollenbilder – etwa: Chef sagt Mitarbeiter was zu tun ist – erlebt und auch trainiert haben. Wenn solche Dinge nicht mehr klar geregelt sind, ist das Arbeiten etwas ganz anderes. Es gibt bei uns den Mechanismus des Portfolios, welches definiert, dass jeder Mitarbeiter in Summe an 180 Tagen im Jahr in Projekten gewesen sein muss. Jeder muss sich selbst überlegen, wo er mitmachen möchte und wie er seine persönliche Quote erfüllt. Man muss sich fragen: „Welche Projekte interessieren mich?“ „Glaube ich daran?“ und „In welchem Ausmaß kann und möchte ich mich einbringen?“ Arbeit ist also eine Investitionsentscheidung, und kein Auftrag von außen mehr.

Direktes Feedback kann für manche zu hart sein

Welche Anforderungen und Fähigkeiten muss man dazu mitbringen?

Jürgen Erbeldinger: Ich muss mich selbst organisieren können und mir klar werden, was ich will und worin ich gut bin. Ich muss mich auch sehr direktem Feedback stellen: Zum Beispiel wenn ich wo mitmachen möchte, und das Team sagt nein. Das ist oft ein sehr harter Wettbewerb, den die meisten aber auch bestreiten wollen. Wenn man gut in seiner Sache ist, dann ist das irre. Man sieht sofort:  Ich bin nachgefragt, ich bin überall mit dabei. Aber umgekehrt gibt es auch die Erkenntnis: Keiner will mit mir arbeiten – ich muss etwas ändern. Und das ist hart und nicht für jeden das Richtige.

Wie sieht es mit Konflikten im Unternehmen aus?

Jürgen Erbeldinger: Konflikte werden bei uns ganz anders ausgetragen. Es gibt kein schimpfen über den Chef oder einen Mitarbeiter, Konflikte sind unmittelbarer und werden dort ausgetragen, wo sie hingehören. Dadurch ist auch die Unternehmensstimmung viel besser, weil es zum Beispiel keine Gerüchte gibt. Bei uns ist alles transparent, keiner von oben kann etwa Personal abbauen, dass kann nur das direkte Team, in dem ich arbeite.

„Die Arbeitsmodelle vom letzten Jahrhundert passen einfach nicht mehr“

Kann Ihrer Meinung nach jedes Unternehmen so funktionieren?

Arbeiten TeamsJürgen Erbeldinger: Auf jeden Fall. Es gibt auch viele große Unternehmen wie etwa der Textilproduzent Gore (Goretex), die sich bereits so organisieren und äußerst erfolgreich sind. Interessanterweise werden es auch immer mehr. Die Arbeitsmodelle, die es sonst gibt, sind sehr vom letzten Jahrhundert geprägt. Im Zeitalter der Digitalisierung und Individualisierung passt das einfach nicht mehr. Wir haben heute ganz andere Aufgaben und Anforderungen. Es ist wesentlich effizienter in Teams zu arbeiten, die sich selbst organisieren.

Bei so viel Begeisterung für die Arbeit: Wer kontrolliert eigentlich, ob zu viel gearbeitet wird?

Jürgen Erbeldinger: Es gibt natürlich das Risiko der Selbstausbeutung, das kennt jeder, der schon einmal an einem Thema gearbeitet hat, dass ihn wirklich interessiert. Es gibt da den Begriff: „To fall in love with your baby“. Gute Mitarbeiter bei uns, die führen können, gehen dann schon einmal hin und sagen: „Weniger ist mehr.“ Die werden auch sehr geschätzt und oft gebeten, ein Team zu führen.

Führungskräfte müssen auf ihre Leute vertrauen

Ist die Lust am Arbeiten generell ein Schlüsselthema für die Arbeit der Zukunft?

Jürgen Erbeldinger: Ja, denn es macht wesentlich mehr Spaß für die Dinge zu arbeiten, für die man sich interessiert und die man gerne tut. Man ist motivierter und arbeitet auch besser. Für Führungskräfte liegt wohl der größte Lernwert darin, dem Team zu vertrauen und nicht zu glauben, dass man selbst alles bestimmen und einteilen muss. Das habe ich in den vergangenen zwei Jahren oft gelernt. Man muss darauf vertrauen, dass man gute Leute hat. Und zwar ehrlich, und nicht nur als Lippenbekenntnis.

Zur Person: Jürgen Erbeldinger

Jürgen Erbeldinger beschäftigt sich seit zehn Jahren mit Innovations-Management. Er ist Gründer und CEO der partake AG mit 60 Mitarbeitern und Sitz in Berlin. Mit seinem Team erarbeitet er für seine Kunden Innovationskonzepte und begleitet deren Implementierung. Dazu zählen unter anderem: Allianz SE, Commerzbank AG, Deutsche Bank, EADS, E.ON AG, LBBW, Siemens, Swisscom. Erbeldinger studierte Volkswirtschaftslehre und Mathematik an der Freien Universität Berlin. Zusammen mit dem Wirtschaftstheoretiker Professor Ulrich Baßeler beschäftigte er sich mit der Simulation von ökonomischen Prozessen und promovierte über die Zusammenhänge zwischen Geldpolitik und Ökonomie.

Bildnachweis: partake, The Last Word /Quelle Shutterstock, Pressmaster /Quelle Shutterstock, Barbaroses /Quelle Shutterstock, Aaron Amat

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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