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Vergesslich? Vergiss es! 3 Methoden vom Gedächtnismeister

Produktivität Erstellt am: 04. Oktober 2017 6 Min.

Wo ist der Schlüssel schon wieder? Hab ich mit der Kollegin schon über das neue Projekt gesprochen? Und wo ist eigentlich der Schlüssel? Warum vergessen wir (und das gefühlt ständig…)? Der Arbeitsalltag und ganz bestimmt auch das restliche Leben wären doch so viel einfacher, würde sich unser Gehirn nicht manchmal auf ominöse Weise scheinbar willkürlicher Erinnerungen entledigen. Kann man dagegen nicht ankämpfen und sich ein Superbrain antrainieren? Gedächtnisweltmeister Boris Nikolai Konrad erklärt in seinem Buch „Alles nur in meinem Kopf – Die Geheimnisse unseres Gehirns“ wie unser Kopf funktioniert und hat eine gute Nachricht: „Ein gutes Gedächtnis ist erlernbar!“ – 3 Methoden dazu:

Wir nutzen es jeden Tag, vergessen dabei aber oft, dass man es auch pflegen sollte: Unser Gehirn. Es leistet unglaublich viel – wie das alles genau funktioniert, konnte selbst beim heutigen Stand der Wissenschaft noch nicht zu einhundert Prozent erforscht werden. Wie gut unser Hirn trotz manch sonderbarem Fehler funktioniert, merkt man beispielsweise, wenn man bewusst versucht, etwas zu vergessen. Und dabei kläglich scheitert.

Wenn du zu den Menschen gehörst, die ihr Handy dreimal täglich verzweifelt suchen, haben wir gute Neuigkeiten für dich: „Dass die eine oder andere Information mal verloren geht, ist ganz normal. Das ist auch gut so“, meint der Hirnforscher und Gedächtnisprofi Boris Nikolai Konrad. Das Vermögen unseres Gehirns, sich ständig anzupassen, Dinge zu interpretieren und neu zu assoziieren ermöglicht uns nämlich jene genialen Fähigkeiten, die ein Computer beispielsweise niemals haben kann. Ab und zu mal den Schlüssel zu verlegen ist dafür ein geringer Preis.

„Memory is everything. Without it we are nothing.“

Eric Kandel · Gedächtnisforscher

Konrads Buch ist kein Trainingsbuch, sondern vielmehr ein Versuch der breiten Masse verständlich zu machen, was unser Gedächtnis alles kann, um damit besser umzugehen. Ein paar gute Tipps liefert er trotzdem (siehe unten). Der Autor möchte außerdem mit dem weitverbreiteten Halbwissen über unsere grauen Zellen aufräumen: „Es kursieren einige Falschinformationen über unser Gehirn, etwa dass es kreative Hirnhälften und weniger kreative gäbe oder dass 90 Prozent der Hirnfläche brach lägen und erst geweckt werden müssten.“

Aber warum vergessen wir?

Namen merken Konrad

Boris Nikolai Konrad

Diese Frage zu beantworten ist recht komplex. Ein Ansatz, um das Vergessen zu erklären, ist jedenfalls, dass wir nicht nur ein Gedächtnis haben, sondern mehrere – etwa ein prozedurales, mit dem wir uns Abläufe merken (z.B. wie Radfahren funktioniert), ein autobiographisches, das Episoden aus dem eigenen Leben speichert (ich kann mich erinnern, in welchen Ländern ich auf Urlaub war etc.) und ein prospektives Gedächtnis, dass uns auch in der Zukunft Ereignisse wie Weihnachten nicht vergessen lässt. Weil hier unglaubliche Mengen an Informationen verknüpft sind und unser Gehirn immer wieder neu bewerten muss, was relevant und was weniger relevant ist, können diese eben auch verloren gehen (hinzu kommen noch einige andere Gedächtnismodelle wie Ultrakurzzeit-, Kurzzeit- und Langzeitgedächntis).

Menschen sind ganz unterschiedlich und so können es auch ihre Gedächtnisse sein. Es gibt beispielsweise Menschen, die ein außergewöhnlich gut ausgeprägtes autobiographisches Gedächtnis haben und sich an jeden einzelnen Tag ihres Lebens erinnern können („Am 2. März 1998 habe ich eine graue Jeans und einen hellblau gemusterten Pullover getragen und zum Frühstück ein hart gekochtes Ei mit zwei Stück Roggenbrot gegessen“). Beim Namenmerken oder beim Lernen für die Schule sind diese allerdings oft nicht besser als andere.

Wie du dir mehr merken kannst

Unser Speicher für episodisches Denken ist generell riesig – das betrifft alles, was wir erlebt und gesehen haben, Assoziationen und Emotionen. Die Gedächtnissysteme jedoch, die Fachwissen, komplizierte Inhalte, Namen oder ganze Vorträge behalten sollen, sind dagegen eher klein. Gedächtnistechniken arbeiten nun damit, andere Gedächtnissysteme für merkbare Inhalte zu öffnen und zu engagieren, sodass du dir etwa den halbstündigen Vortrag mit vielen Fachbegriffen und Zahlen besser merken kannst. Mit den folgenden 3 Methoden von Gedächtnismeister Konrad und ein wenig Übung sollte es in Zukunft besser funktionieren:

3 Methoden vom Gedächtnisprofi

#1 Think Positive! Mit Priming zum Erfolg

„Was trinkt die Kuh?“ Wer diese Scherzfrage nicht kennt und schnell antworten soll, antwortet meist „Milch“. Die Kuh produziert Milch, trinkt selbst aber Wasser. Weil wir mit den Begriffen Kuh und trinken aber Milch verbinden, ist es das erste, was uns in den Kopf kommt. Dieser Effekt namens Priming, der auch in der Werbung gerne eingesetzt wird, kann fürs eigene Verhalten gewinnbringend genutzt werden: Denkst du vor einer öffentlichen Rede etwa an ein Erfolgserlebnis, kann dein Gehirn unbewusst schneller auf die für weitere Erfolge wichtigen Informationen zugreift. Hinter dem bekannten Motto „Denk positiv!“ steckt insofern auch ein bisschen angewandte Hirnforschung.

#2 Die Schlüsselwortmethode – Sprachen lernen leicht gemacht

In Bildern zu denken ist das Grundrezept der Methode, andere Gedächtnissysteme für merkbare Inhalte zu öffnen. Um sich Vokabeln einer Fremdsprache besser merken zu können, arbeitet man hier mit ganz konkreten Bildern. Suche dir für das zu merkende Wort ein Bild (oder mehrere Bilder), das so ähnlich klingt und das du dir gut vorstellen kannst. Dieses Bild wird dann mit der tatsächlichen Bedeutung verbunden:

Spanisch manzana / Deutsch Apfel

Schlüsselwörter: Mann + Sahne. Bild: Ein Mann sprüht Sahne auf einen Apfel und isst ihn genüsslich.

Niederländisch vakantie / Deutsch Urlaub

Schlüsselwort: vakant. Bild: Vielen Holländern gefällt es im Urlaub so gut, dass sie nicht zurückkommen. Ihre Stellen sind dann vakant.

Konrad empfiehlt fürs weiterführende Training die App Memrise.com.

#3 Routenmethode – für lange To-do-Listen oder komplexe Vorträge

Die sogenannte Loci-Methode oder auch „Gedächtnispalast“ genannt, ist ein Klassiker und funktioniert so: Du versuchst, dir einen Weg oder eine Abfolge von Wegpunkten einzuprägen und dort Dinge, die du dir merken möchtest, bildhaft abzulegen. Stell dir zum Beispiel deine Haustür vor (Es soll jedenfalls ein Ort sein, an dem du dich gut auskennst). Überleg dir, wie du nach Hause kommst und die Tür aufmachst. Was siehst du? Eine Vase, eine Garderobe oder ein Schuhregal,– egal, was es ist, nutze die dir bekannten Gegenstände in deiner Wohnung und lege dir eine Route mit 50 Wegpunkten (das ist laut Konrad eine gute Anzahl, auch für Anfänger). Also die Vase als Punkt 1, die Garderobe als Punkt 2 etc. Aufschreiben ist erlaubt, aber nur als Hilfe.

Tipp: Statt dem Aufschreiben nach 10 Punkten die Augen schließen und alle bisherigen Punkte wiederholen. Wenn du alle 50 durch hast, solltest du diese so gut verinnerlichen, dass die Route sitzt – für diese 50 Wegpunkte ist etwa 1 Stunde einzuplanen. Jetzt kannst du diese Route mit beliebigen Begriffen verknüpfen, die du dir merken möchtest – etwa deine Einkaufsliste: Klopapier, Zahnpasta, Milch etc. Die einzelnen Begriffe ordnest du den einzelnen Wegpunkten zu. Je lustiger die Bilder ausfallen, umso leichter wirst du sie dir merken: Die Vase ist mit Klopapier eingewickelt, die Garderobe von der Zahnpasta verschmiert etc. Komplexere Begriffe, die selbst noch nicht bildhaft sind, können wiederum mit der Schlüsselwortmethode (siehe oben) verbunden werden – ein Wort erinnert dich schließlich an den eigentlichen Begriff. Und dann: wiederholen, wiederholen, wiederholen. Bei dieser Methode muss definitiv ein wenig Vorarbeit geleistet werden, damit die Sache funktioniert. Gedächtnisrouten müssen angelegt werden und das braucht seine Zeit. Sitzt deine Route, kannst du sie aber immer wieder aufs Neue belegen (mit ein wenig zeitlichem Abstand, um nicht durcheinander zu kommen).

Generell gilt bei allen Gedächtnismethoden: Je mehr man trainiert, umso schneller und besser wird man und kann richtig davon profitieren.

Zur Person

Boris Nikolai Konrad ist mehrfacher Gedächtnisweltrekordler (vier Guinness-Weltrekorde) und als „Deutschlands Superhirn“ gern gesehener Fernsehgast und Vortragender. Als promovierter Neurowissenschaftler erforscht er zudem außergewöhnlich gute Gedächtnisleistungen, derzeit am Donders Institute in Nijmegen (NL). Zum Superbrain wurde er nicht, weil er während seinem Physikstudium von einer radioaktiven Spinne gebissen wurde (das behauptet er gerne bei Interviews, natürlich mit einem zwinkernden Auge), sondern weil er sein Gehirn gezielt trainierte.

Bildnachweis: UfaBizPhoto/Shutterstock; Ariston Verlag


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