Zeit statt Geld bevorzugt – So erfüllen Arbeitgeber diese Wünsche

von in HR am Dienstag, 15. September 2015 um 08:52

Work-Life-Balance ist in aller Munde, der Ruf nach flexiblen Arbeitszeiten oder einer Auszeit vom Job wird immer lauter. Auch ein aktuelles Online-Stimmungsbild von karriere.at zeigt, dass Arbeitnehmer Zeit statt Geld bevorzugen. Wie Flexibilität in der HR-Praxis aussieht, zeigen zwei Best-Practice-Beispiele aus Österreich: PwC ermöglicht Mitarbeitern, mit verschiedenen Arbeitszeitmodellen ihre Arbeitszeit flexibel zu gestalten. Mondelez Österreich setzt im Rahmen der Initiative „Vereinbarkeit von Beruf & Familie“ auf Sabbaticals – auch für Führungskräfte.

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Darf’s ein bisschen mehr Urlaub sein?

Ein gutes Gehalt ist schön und gut, viele Arbeitnehmer würden mehr freie Zeit aber bevorzugen. Zusätzliche Urlaubstage oder die Möglichkeit, ihre Arbeitszeit flexibel zu gestalten, lockt sie mehr als dicke Gehaltsschecks. 528 befragte Arbeitnehmer haben im Rahmen unserer aktuellen Online-Umfrage so abgestimmt: 39 Prozent sagen, dass kein Geld der Welt Freizeit aufwiegen kann. Fast genauso viele legen zwar Wert auf gutes Gehalt, schätzen zusätzliche Freizeit aber als Benefit. Nur 15 Prozent würden Geld bevorzugen – allerdings unter der Voraussetzung, dass sich die Überstunden in Grenzen halten. Jeder Zehnte meint, dass nur Bares Wahres ist.

Freizeit Geld - Arbeitnehmer

So sehen Führungskräfte das Thema Zeit vs. Geld

Auch auf Seiten der Unternehmensvertreter zeigt sich, dass Zeit höher bewertet wird, als monetäre Anreize. Mehr als die Hälfte der 208 befragten HR-Manager und Führungskräfte denkt, dass zusätzliche freie Tage als Benefit das Team am meisten begeistern. Rund jeder fünfte Befragte findet, dass Freizeit durch Geld nicht ersetzt werden kann. Bei mäßigen Überstunden sind monetäre Anreize am verlockendsten – das finden 18 Prozent der Befragten. Nur acht Prozent geben an, dass der gesetzliche Urlaub ausreicht und nur Geld wirklich zählt.

Freizeit Geld - Unternehmensvertreter

Aus der Praxis österreichischer Arbeitgeber

Wie handhaben heimische Arbeitgeber den Umgang mit Überstunden, den Wünschen der Arbeitnehmer und dem wertvollen Gut Zeit? Wir haben bei zwei großen Unternehmern nachgefragt. Wie das Beratungsunternehmen PwC mit flexiblen Arbeitszeitmodellen auf die Wünsche der Arbeitnehmer eingeht, erzählt HR-Chefin Elizabeth Hull. Mondelez Österreich versüßt seinen Mitarbeitern die Karriere auf Wunsch mit einem Sabbatical. Wie Führungskräften der Ausstieg auf Zeit gelingt, erzählt Mondelez Sales Director Gerhard Neumayr.

Flexible Arbeitszeiten bei PwC

Elizabeth Hull

Elizabeth Hull

Eine ganze Menge verschiedener Arbeitszeitmodelle gibt es beim Wirtschaftsberatungsunternehmen PwC. „Fast 20 Prozent unserer Mitarbeiter arbeiten Teilzeit, alleine hier haben wir rund 80 unterschiedlich gelagerte Arbeitszeiten“, erzählt HR-Managerin Elizabeth Hull. Bei Mitarbeitern mit Vollzeitverträgen gibt es nicht-pauschalierte Gleitzeitregelungen oder All-In-Verträge. Für letztere gibt es Regelungen, die auf Wunsch zusätzliche Freizeit verschaffen, z. B. die Umwandlung eines monetären Bonus in Zeitguthaben, extra Regelungen für Lernzeiten oder die Möglichkeit, vom Home Office aus zu arbeiten.

„Wir versuchen, mit allen möglichen Mitteln auf individuelle Wünsche einzugehen.“ – Elizabeth Hull

Ein Jahresarbeitszeitmodell schafft Flexibilität, wenn im Jahresverlauf Spitzen mit besonders hohem Arbeitspensum auftreten. Über den Durchrechnungszeitraum von einem Jahr muss ein bestimmtes Stundenkontingent erfüllt werden. „Das betrifft vor allem Arbeitnehmer in der Wirtschaftsprüfung, die zu gewissen Zeitpunkten im Jahr Vollzeit arbeiten und Überstunden erbringen, dafür dann im Sommer, während der Schulferien, zu Hause bleiben“, sagt Hull. Manche Mitarbeiter bei PwC tauschen ihren finanziellen Bonus auch gegen zusätzliche Urlaubstage ein und verlängern sich so ihren Sommerurlaub.

Flexible Arbeitszeit

Junge Mitarbeiter haben bei PwC für ihren Urlaubswunsch oft einen besonderen Grund: Sie drücken die Schulbank und bereiten sich dann auf berufsrechtliche Prüfungen vor. „Viele möchten vor ihren Prüfungen gerne drei bis fünf Wochen frei, um lernen zu können. Vor Prüfungszeiträumen werden deshalb meist Überstunden aufgespart“, erklärt die HR-Chefin. Wer für sein Lernpensum seinen Jahresurlaub aufbraucht, kann seinen Bonus gegen Freizeit eintauschen oder steigt vor den Prüfungen für einen begrenzten Zeitraum auf Teilzeitarbeit um. Egal, welches Modell man als Arbeitgeber einführen möchte, auf eines muss man laut Hull unbedingt achten: „Die permanente Kontrolle aller Modelle ist sehr wichtig. Sonst kann es vor allem bei Teilzeitmodellen vorkommen, dass viel mehr gearbeitet wird, als eigentlich geplant war. Deshalb muss man rechtzeitig überprüfen, ob die aufgebauten Stunden überhaupt wieder abgebaut werden können. Sonst muss am Modell etwas geändert werden.“

Sabbaticals bei Mondelez

Wer eine Weltreise plant oder sich aus anderen Gründen auf Zeit aus seinem Job verabschieden möchte, hat Glück, wenn sein Arbeitgeber Sabbaticals ermöglicht. Bei Mondelez Österreich hat jeder dauerhaft angestellte Arbeitnehmer die Möglichkeit, eine Auszeit zu nehmen. „Wir möchten die gute Arbeit der Mitarbeiter bestärken und somit Leistungen honorieren. Vor dem Sabbatical gibt es eine Ansparphase, in der Vollzeit gearbeitet wird – danach kommt die Freizeitphase. Aus diesen beiden Blöcken ergibt sich das Sabbatical“, erklärt Susanne Richter, HR-Manager Commercial Hub Österreich, Schweiz, Ungarn bei Mondelez. Bereits seit 2012 wird die Möglichkeit des Sabbaticals angeboten, seitdem nehmen zirka ein bis zwei Mitarbeiter pro Jahr das Angebot in Anspruch. Die Minimumdauer für den Ausstieg auf Zeit beträgt sechs Monate, maximal darf man sich zwei Jahre aus dem Unternehmen „verabschieden“.

Sabbatical Auszeit

Die Auszeit richtig planen

Ohne gute Planung geht es beim Sabbatical natürlich auch nicht. „Wenn Interesse besteht, sollte das Thema idealerweise bereits in unserem halbjährlich stattfindenden Mitarbeitergespräch angesprochen werden, um das Sabbatical ideal in die Karriereplanung einzubauen. Mitarbeiter und Führungskraft stimmen sich gemeinsam ab, um die beste Lösung für beide Seiten zu finden. Die Vorlaufzeit sollte mindestens sechs Monate betragen“, erzählt Richter. Die Frage nach der Vertretung ist Teamsache. „Die Vertretungsfrage wird im Team geklärt, hier kommt auch die Karriereplanung anderer ins Spiel. Eventuell gibt es einen Arbeitnehmer, der die Position interimistisch gerne übernehmen möchte und dafür auch schon entsprechende Ambitionen im Vorfeld gezeigt hat. Deshalb gibt es hier immer eine Teambetrachtung“, erklärt Richter. Vor dem Sabbatical muss auch die Zeit nach der Auszeit mitgedacht werden. „Wir halten die Position natürlich frei und der Mitarbeiter kehrt in seinen Job zurück. Es gibt eine Rückübergabe durch die Vertretung oder das Team“, so Richter.

„Größte Herausforderung war es, eine funktionierende Vertretungslösung aufzubauen.“

Gerhard Neumayr

Gerhard Neumayr

Mit guter Planung kann man sich auch als Führungskraft auf Zeit entbehrlich machen. Gerhard Neumayr, Sales Director bei Mondelez Österreich, weiß das aus eigener Erfahrung. Er hat sich sechs Monate in sein Sabbatical verabschiedet und erzählt im Interview von seinen Erfahrungen:

Wann fassten Sie den Entschluss zum Sabbatical und wohin ging die Reise?

Gerhard Neumayr: „Ich habe den Karriereschritt ‚Sabbatical‘ schon länger geplant. Konkret wurde es, nachdem Mondelez Österreich im Jahr 2012 der Initiative ‚Vereinbarkeit von Beruf & Familie‘ beigetreten ist. Dadurch gab es klare, formale Voraussetzungen, die für Sabbaticals gelten. Innerhalb von einem Jahr konnte ich mein Sabbatical beginnen. Im Mittelpunkt stand eine Mischung aus Reisen und Ausbildungen.“

Sabbatical als Führungskraft: Vor welchen Herausforderungen standen Sie und Ihr Umfeld bei der Vorbereitung?

Gerhard Neumayr: „Die größte Herausforderung war es, eine arbeitsfähige Vertretungslösung zu entwickeln. Nachdem Karriereentwicklung für junge Führungskräfte in unserem Unternehmen eine große Rolle spielt, bekamen zwei meiner direct reports sechs Monate lang die Chance, sich in neuen Rollen auszuprobieren. Gut vorbereitet konnten sie wertvolle Erfahrungen sammeln, die Ihnen weitere Karriereschritte ermöglicht haben.“

Wie haben Sie vom Sabbatical profitiert – beruflich und persönlich?

Gerhard Neumayr: „Nachdem ich bereits 18 Jahre im Berufsleben stehe, war es eine tolle Erfahrung mal 6 Monate einen Rhythmuswechsel zu haben. Ich habe die Zeit auch genützt, um eine Ausbildung zum systemischen Coach bei der ESBA in Wien zu beginnen. Von dieser Ausbildung habe nicht nur ich persönlich stark profitiert, sondern auch mein großes Team.“

Wie hat sich die Rückkehr ins Unternehmen gestaltet?

Gerhard Neumayr: „Meine Rolle im Unternehmen war bereits vor meinem Sabbatical klar definiert und daher verlief die Rückkehr reibungslos.“

Ihr persönlicher Ratschlag für Führungskräfte, die eine längere Auszeit nehmen möchten?

Gerhard Neumayr: „Rückblickend war es toll, daß das Thema Sabbatical von meinen Vorgesetzen sehr postiv gesehen wird und die Kriterien dafür transparent waren. Es war essentiell, eine funktionierende Vertretungslösung aufzubauen, die zu 100 Prozent funktioniert und sicherstellt, daß wir auch unsere operativen Ziele erreichen.“

Bildnachweis: abandsb/ Shutterstock; PwC; gpointstudio / Shutterstock; Mondelez

Martina Kettner

Martina hat zwei Leidenschaften: Schreiben und Fotografieren. Für karriere.at macht sie Ersteres und bloggt am liebsten über alles, was den Arbeitsalltag schöner und Karriereplanung einfacher macht.

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