8. März 2018 · HR · von

Faking im Bewerbungsgespräch: Wer dick aufträgt, gewinnt

Es ist kein Geheimnis: Wer sich besonders gut verkaufen kann, hat auch als Bewerber gute Karten. Gelungene Selbstpräsentation ist vor allem im Bewerbungsgespräch gefragt. Forscher haben das Phänomen „Faking“ untersucht. Das Ergebnis zeigt, dass Kandidaten erfolgreicher sind, wenn sie ihre Antworten den vermuteten Anforderungen möglichst anpassen. Ein Problem für HR-Verantwortliche?

Fake it till you make it – auch im Jobinterview?

Während sich eine Lüge im Bewerbungsgespräch mitunter schnell entlarven lässt, ist Faking viel schwieriger zu erkennen. Dabei handelt es sich nicht um Unwahrheiten, sondern um angepasste Antworten. Der Bewerber weiß, was der Interviewer von ihm hören möchte und passt seine Aussagen dementsprechend an. So können auch mittelmäßige Leistungen ins rechte Licht gerückt werden. Bisherigen Studien zufolge setzen mehr als 90 Prozent der Bewerber auf diese Art des guten Verkaufens der eigenen Leistungen. Für Recruiter ist dieses Verhalten oft schwer zu erkennen. Ist Faking im Bewerbungsprozess ein Problem? Psychologen an der Universität Ulm und aus St. Louis (USA) haben erforscht, ob Kandidaten, die Faking in Interviews einsetzen, tatsächlich besser beurteilt werden als ihre „ehrlichen“ Mitbewerber.

Die Wissenschaftler um Dr. Anne-Kathrin Bühl und Professor Klaus Melchers, Leiter der Ulmer Abteilung für Arbeits- und Organisationspsychologie, erhoben außerdem die (vor allem kognitiven) Fähigkeiten der Studienteilnehmer. „Bisher gab es zahlreiche Studien, die belegen, dass Bewerber in Persönlichkeitstests durch Faking ein deutlich positiveres Bild abgeben. Inwieweit Faking in Auswahlgesprächen jedoch ebenfalls zu besseren Leistungsbeurteilungen führt und ob es die Vorhersagekraft dieser Gespräche beeinträchtigt, war bis jetzt völlig unklar“, erklärt Professor Klaus Melchers.

„Faking erfordert ein hohes Ausmaß an kognitiven Fähigkeiten.“

111 studentische Probanden haben an der umfangreichen Erhebung teilgenommen. Alle Studienteilnehmer wurden zu zwei Interviews eingeladen. So wurde ihre akademische Leistungsfähigkeit eingeschätzt. Bei einem Gespräch sollten sie sich als bestmöglicher Bewerber für ein hochselektives Masterprogramm präsentieren. Gutes Abschneiden wurde außerdem mit einem Geldpreis belohnt. Ein weiteres Interview lief in viel entspannterer Atmosphäre ab. Hier mussten die Probanden ehrlich über ihr Studienverhalten sprechen. Die Rahmenbedingungen sollten möglichst realistische Antworten fördern. Zwischen den beiden Interviews lagen mindestens zehn Tage. Zuvor mussten die Teilnehmer einen Online-Fragebogen zu Persönlichkeitsmerkmalen, demographischen Variablen und ihrem Notendurchschnitt ausfüllen. Die Einschätzung von Kommilitonen gab weitere Hinweise auf die Studienleistungen der Teilnehmer.

Faking erfordert ein hohes Ausmaß an kognitiven Fähigkeiten: Bewerber müssen blitzschnell die Ziele des Interviewers erkennen und eine Antwort formulieren, die zum bisherigen Wissen des Gesprächspartners über ihre Person passt“, so die Autoren. Deshalb absolvierten die Studienteilnehmer einen zusätzlichen Intelligenztest sowie den so genannten ATIC-Test (Ability to identify Criteria), der Rückschlüsse auf ihre Fähigkeit erlaubt, Bewertungskriterien korrekt zu identifizieren. Die bewerteten Antworten aus beiden Gesprächen wurden gegenübergestellt, um Faking statistisch nachweisen zu können. Die Gesprächsergebnisse wurden auch mit den weiteren Resultaten, etwa der Leistungsfähigkeit im Studium, verglichen.

Personaler sollten die gewonnenen Erkenntnisse beruhigen: „Tatsächlich sind Bewerber besser beurteilt worden, wenn sie Faking einsetzten. Das Ausmaß der Verbesserung hing jedoch systematisch mit dem Abschneiden beim Intelligenz- sowie dem ATIC-Test zusammen“, erklärt Dr. Anne-Kathrin Bühl. Demnach führt Faking womöglich gar nicht dazu, Kandidaten mit geringem Potenzial auszuwählen. In der vorliegenden Studie ließ sich die Studienleistung sogar besser anhand des unter „Faking-Bedingungen“ geführten Gesprächs vorhersagen. Antworten zu Leistungen wie Hilfsbereitschaft und Engagement lieferte jedoch das „ehrliche“ Interview. Es kommt also darauf an, auf welche Leistungen ein Interviewer schließen möchte.

Und wenn es nicht beim „Faking“ bleibt?

Martina Kettner

Martina hat zwei Leidenschaften: Schreiben und Fotografieren. Für karriere.at macht sie Ersteres und bloggt am liebsten über alles, was den Arbeitsalltag schöner und Karriereplanung einfacher macht.

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