„Ab drei Leuten kann der Chef einen Konflikt nicht mehr ignorieren“

von in Arbeitsleben am Montag, 28. Juli 2014 um 10:27

Konflikte mit dem Chef oder im Team sind nicht nur Alltag, sondern auch wesentlicher und wichtiger Bestandteil des Arbeitslebens. Denn nur durch Konflikte wird man besser. Was die häufigsten Konfliktursachen sind, und wie man als Kollege reagieren kann, berichtet Gerhard Schwarz, Experte für Gruppendynamik, im Interview.

„Immer häufiger haben die Mitarbeiter recht“

Was sind häufige Konfliktursachen im Büro?

Gerhard Schwarz: Es gibt einige zentrale Konfliktursachen und eine der wichtigsten ist der Widerspruch gegenüber dem Chef. Wir haben zunehmend die Schwierigkeit, dass unsere Welt immer komplexer wird und dass in sehr vielen Punkten das klassische Hierarchieprinzip, dass der Chef alles weiß und kann, nicht mehr stimmt. Gerade im IT-Bereich zum Beispiel werden Leute aufgenommen, die mehr vom Fach verstehen als der Chef. Als Folge gibt es eine Kompetenzumkehr: Die Hierarchie verlangt, dass im Konfliktfall der Chef recht hat, von der Sache her haben aber die Mitarbeiter recht. Dann stellen sich die wichtigen Fragen: Traut man sich, dem Chef zu widersprechen und akzeptiert der Chef einen Widerspruch? Tut er dies nicht, ist die Gruppe von der Leistung her nicht besser als der Vorgesetzte.

Außenseiter reagieren häufig so, wie es von ihnen erwartet wird

Wie sieht es mit Konflikten auf der gleichen Hierarchieebene aus?

Gerhard Schwarz

Gerhard Schwarz

Gerhard Schwarz: Eine wesentliche Konfliktursache hier ist die Kooperation bzw. Konkurrenz. Das heißt, gerade dann, wenn etwa zwei Abteilungen zusammenarbeiten müssen, wird das Konfliktpotenzial spürbar. Eine wesentliche Frage ist etwa jene, wem man welche Informationen gibt. Denn von der Kooperation her müsste man einem Kollegen zum Beispiel alle wichtigen Informationen geben. Vom Konkurrenzdenken her machen jedoch alle Informationen, die ich ihm gebe, ihn besser und mich schlechter. Ein weiteres Problem auf gleicher Hierarchieebene ist Mobbing. Hier fällt besonders auf, dass jemand, der in eine Außenseiterposition kommt, auch dementsprechend reagiert. Wird jemandem etwa vorgeworfen, wenig zu sagen, so sagt dieser jemand irgendwann wirklich wenig. Mobbing-Situationen sind allgemein sehr heikel und meist auch schwer zu lösen.

Sind die Ursachen für Mobbing immer arbeitsbezogen oder haben sie auch persönliche Ursachen?

Gerhard Schwarz: Es übertragen sich persönliche Animositäten auf die Arbeit und Arbeitswidersprüche wiederum übertragen sich auf die persönlichen Beziehungen. Das ist sehr schwer zu bearbeiten.

Chefs brauchen neben Fachkompetenz immer mehr Sozialkompetenz

Welche Rolle spielt der Chef bei Konflikten im Team?

Konflikte im Team loesenGerhard Schwarz: Konfliktmanagement ist eine wesentliche und immer wichtigere Aufgabe für Führungskräfte. Chefs müssen heute immer mehr Sozialkompetenz mitbringen. Bei der Fachkompetenz sieht es ohnehin so aus, dass diese immer weniger notwendig ist, da die Mitarbeiter ja selbst immer mehr wissen. Der Chef muss also vermehrt Gruppen dazu führen können, vernünftige Entscheidungen zu treffen und ihr Potenzial auszunutzen.

Wie können Kollegen bei Konflikten im Team reagieren?

Gerhard Schwarz: Als Kollege würde ich bei einem Konflikt auf jeden Fall intervenieren. Am besten ist, wenn man sich Gleichgesinnte sucht, denen ein ständiges Streiten bzw. ein schwelender Konflikt auch auf die Nerven geht. Wenn man zu dritt ist, hat man eine gewichtige Stimme, die der Chef nicht mehr ignorieren kann. Ideal wäre generell, wenn es regelmäßige Sitzungen in Teams gibt, wo auch die Zusammenarbeit an sich besprochen wird. In einer solchen sollte ein Problem auch angesprochen werden.

„Pannen gehören vermieden, wesentliche Konflikte ausgetragen“

Ist die Angst vor Konflikten berechtigt?

Gerhard Schwarz: Nein. Ich entscheide zwischen zwei Arten von Konflikten: Pannen und echte Konflikten. Pannen gehören vermieden, echte Konflikte hingegen gehören ausgetragen. Etwa wenn ein Chef nicht offen für Kritik ist. Generell ist es so, dass es selten Lernprozesse ohne Konflikte gibt.

Zur Person: Gerhard Schwarz

Gerhard Schwarz ist Universitätsdozent für Philosophie und für Gruppendynamik. Nach zehn Jahren Assistententätigkeit an der Universität und zwei Habilitationen arbeitet Schwarz seit Anfang der 70er Jahre auf den Gebieten Organisationsentwicklung, Gruppendynamik, Konfliktmanagement, mehrdimensionale Ursachenforschung und Cross-cultural-Projekte. Er ist freiberuflich und Berater renommierter Unternehmen. Von seinen vielen Veröffentlichungen fanden besonders seine Bücher „Konfliktmanagement“ ( 9. Auflage) und „Die Heilige Ordnung der Männer“ (5. Auflage) große Beachtung. 2001-2006 war  Schwarz auch  Moderator der Sendung „Philosophicum“ im ORF. Außerdem moderiert und präsentiert er Dokumentationssendungen.

Bildnachweis: iurii /Quelle Shutterstock, Africa Studio /Quelle Shutterstock, Schwarz

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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