29. März 2017 · Bewerbung, Gehalt · von

Nervosität im Job: Vom Jobinterview bis zur Gehaltsverhandlung

Wohl jeder kennt es: das mulmige Gefühl vor so manchen Arbeitstagen. Der Grund? Nervosität vor einer bestimmten Sache. Etwa der Gehaltsverhandlung, einem klärenden Gespräch mit dem Chef oder aber auch die Nervosität bevor all das überhaupt beginnt: nämlich jene vor dem Bewerbungsgespräch. Wie man trotzdem punktet und sich am besten auf die Angstmacher vorbereiten kann, weiß Bewerbungscoach Christina Wurm.

Was sind die häufigsten Ursachen von Nervosität im Job?

Wurm: Unsicherheit vor dem, was einen erwartet, sowie die Angst, etwas falsch zu machen. Weiters die Angst vor Ablehnung bzw. vor den Konsequenzen, insbesonders gilt dies bei Gehaltsverhandlungen, die nach hinten losgehen. Grundsätzlich hat man eher Angst vor dem Unbekannten, vor Dingen, bei denen man nicht weiß, was einen erwartet. Deshalb lassen sich solche Ängste auch dadurch reduzieren, dass man derartige angstbesetzte Situationen durchspielt, bevor man in die Situation geht und sich außerdem sehr gut darauf vorbereitet.

Ziele visualisieren wie Spitzensportler

Oft hilft es auch – so wie es bereits viele Spitzensportler erfolgreich anwenden – sich insbesondere den positiven Ausgang einer Situation zu visualisieren: zum Beispiel, wie mir mein Chef die Hand schüttelt und mir zur Gehaltserhöhung gratuliert oder mir den Job zusagt, den ich gerne haben möchte.

Wer fordert wie viel? Gibt es hier bei Männern andere Themen als für Frauen?

Wurm: Männer sind zumeist selbstbewusster, sie trauen sich viel mehr zu, überschätzen sich oft aber auch. Frauen tendieren hingegen eher dazu, sich zu unterschätzen. Das ist sogar wissenschaftlich belegt. Insbesondere bei Gehaltsverhandlungen spielt das eine wesentliche Rolle – Frauen tendieren dazu, wenn überhaupt, weniger zu fordern. Natürlich gibt es aber auf beiden Seiten auch immer Ausnahmen und die Frauen sind heutzutage auch schon selbstbewusster als früher.

Überzogene Erwartungen bei Technikern

Trauen sich die Bewerber bzw. Arbeitnehmer zu wenig zu?

Wurm: Bei der jungen Generation – insbesondere bei Männern – habe ich eher die gegenteilige Erfahrung gemacht. Viele überschätzen sich. Die Situation am Arbeitsmarkt ist so, dass vor allem junge Techniker gefragt sind. Dadurch wissen diese um ihre Verhandlungsposition und gehen manchmal mit überzogenen Erwartungen ins Gespräch. Nervosität gibt’s aber sowohl bei Damen als auch bei Herren. Je mehr Bewerbungsgespräche jemand gemacht hat, desto geringer ist die Nervosität, weil die Bewerber bereits wissen, was sie erwartet.

“Angst hat man vor dem Unbekannten”

Kann jeder mit solchen Situationen umgehen lernen?

Christina Wurm

Wurm: Ja, man kann sich gezielt vorbereiten. Dazu gibt es Bewerbungscoachings, in denen man auf „ungefährlichem Terrain“ Bewerbungsgespräche trainieren kann. Ich bitte meine Klienten, die ein Coaching für ein Bewerbungsgespräch oder Hearing benötigen, immer genau so zu kommen, wie sie auch zu dem realen Vorstellungsgespräch kommen würden. Das Bewerbungscoaching läuft so ab, wie auch ein echtes Bewerbungsgespräch ablaufen würde. Ich stelle den Klienten die Fragen, mit denen sie wahrscheinlich auch beim Gespräch konfrontiert werden. Gebe ihnen Tipps, was Sie bei Ihrem Auftritt, Kleidungsstil, an ihren Unterlagen verbessern können und natürlich erhalten sie umfassendes Feedback zum Gespräch an sich. Hat man ein Gespräch einmal geübt, dann verringert sich auch die Nervosität, da man weiß, was man zu erwarten hat. Angst hat man vor dem Unbekannten insbesondere bei mangelnder Vorbereitung.

Lieber authentisch bleiben: Verstellen ist auf Dauer sehr anstrengend

Stichwort: Persönlichkeit bzw. Charakter – wie sehr kann bzw. soll man sich im Job „verstellen“ bzw. anders präsentieren?

Wurm: Grundsätzlich sollte man sich weder im Bewerbungsgespräch zu sehr verstellen noch im Job, da das langfristig nicht funktioniert und außerdem sehr anstrengend ist. Beim Jobinterview läuft man außerdem Gefahr, dass man dann eine Stelle in einem Unternehmen bekommt, dass gar nicht zu einem passt, weil die Kultur dort zwar unserer (vorgespielten) Rolle entspricht, aber nicht uns selbst. So wird ein junger Kreativer langfristig in keinem konservativen Unternehmen mit starren Regeln glücklich werden und vice versa. Natürlich heißt das aber auch nicht, dass man sich nicht ein wenig verstellen kann – das verlangt schon das Gebot der Höflichkeit …

Wie offen kann bzw. soll man mit Ängsten, etwa vor der Gehaltsverhandlung, umgehen?

Wurm: In diesem Fall würde ich meine Angst nicht ansprechen, da das meine Verhandlungsposition schwächt. Auch hier gilt: die Vorbereitung ist das Um und Auf. Ich sollte nie unvorbereitet in eine Gehaltsverhandlung gehen. Vor allem muss ich mir klar sein, was ich überhaupt erreichen will und was dieses Ziel rechtfertigt. Denn genau danach wird mich auch mein Chef fragen. Wenn ich 1000 Euro mehr will, muss ich das begründen können. Ich sollte mir auch überlegen, was passiert, wenn der Chef ablehnt.

Lieber gleich zum Chef

Hilft es, sich Vertraute im Team zu suchen oder würden Sie raten, mit schwierigen Themen gleich zum Chef zu gehen?

Wurm: Ich würde nicht zu viel im Team besprechen – vor allem dann nicht, wenn es um heikle Themen, wie das Gehalt geht. Schließlich weiß man nie wirklich, was vertraulich bleibt oder was nach außen, z.B. zum Chef, gelangt. Besser ist es meiner Ansicht nach, gut vorbereitet, direkt zum Chef zu gehen.

Wie kann man sich am besten vorbereiten? Haben Sie ein paar praktische Tipps oder Übungen?

Wurm: Wenn man sich alleine vorbereiten will, findet man zahlreiche typische Bewerbungsfragen inzwischen im Internet. Häufig ist z.B. nach wie vor die Frage nach den Stärken und Schwächen und nach den persönlichen Zielen – die Antworten hierzu sollte man sich schon vor dem Jobinterview überlegen um nicht auf einmal sprachlos da zu stehen. Üben kann man die Situation auch mit Freunden und Verwandten. Besser ist natürlich ein Bewerbungscoaching bei einem Profi zu machen. Seriöse Bewerbungscoaches wissen, auf was man beim Gespräch achten muss und geben professionelles und echtes Feedback. Sie können auch blinde Flecken aufzeigen, z.B. Verhaltensweisen, die den Bewerbern bisher gar nicht bewusst waren, die aber störend für das Jobinterview sind.

Zur Person

Christina Wurm ist u.a. Bewerbungscoach. Sie blickt auf langjährige Erfahrung im Personalmanagement namhafter oberösterreichischer Unternehmen zurück. Im Zuge ihrer Tätigkeit als Unternehmensberaterin hat sie sich auf Personalberatung, Bewerbungscoaching sowie auf die Einführung von kalkulier- und überschaubaren Personalentwicklungssystemen in Unternehmen spezialisiert.

Bildnachweis: Shutterstock/RZ Image, Starmayr Fotografie,

Heike Frenner

Heike war lange Zeit Autorin für unseren karriere.blog. Als Kollegin und Tastentiger kam uns die Jung-Mama leider abhanden, ihre Texte bleiben aber erhalten.

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