Filmprojekt „Augenhöhe“: Höchste Zeit für eine neue Arbeitswelt

von in Arbeitsleben, HR am Freitag, 4. März 2016 um 11:36

Einblicke in neue Formen der Zusammenarbeit hat Sven Franke vergangene Woche im Rahmen unserer karriere.session gegeben. Nach seiner Keynote haben wir uns mit ihm über neue Arbeitswelten und den neuen Film AUGENHÖHEwege unterhalten, der am 4. März 2016 Premiere im deutschsprachigen Raum feiert.

Arbeiten – es geht auch anders

Sven Franke

Sven Franke

Auch die Arbeitswelt ist vor Trends nicht gefeit: Home Office, Gehaltstransparenz, projektbasiertes Arbeiten und vieles mehr – was wird sich durchsetzen? Was muss sich durchsetzen, damit wir menschlich und ökonomisch miteinander arbeiten können – und das gerne? Sven Franke hat, im Team mit anderen und mit Hilfe von Crowdfunding, vergangenes Jahr das Filmprojekt „Augenhöhe“ auf die Beine gestellt. Heute, am 4. März, feiert die Folgeproduktion AUGENHÖHEwege Premiere – wir haben uns nach der karriere.session mit Sven Franke über mutige Unternehmen, neue Wege und den neuen Film unterhalten.

Der erste Film „Augenhöhe“ startet mit dem Besuch eines Produktionsbetriebes und wirft danach einen Blick in ganz unterschiedliche Branchen und Unternehmen. Funktioniert New Work wirklich für jeden?

Franke: Ja, es funktioniert. Um das zu veranschaulichen, starten wir im Film bewusst mit einem Produktionsunternehmen. Wenn jemand sagt „Das kann nicht für alle gehen“, möchten wir zeigen, dass das nur Denkmuster in unseren Köpfen sind. Eine neue Arbeitskultur, das geht in jedem Unternehmen, es gibt keine Ausnahmen. Es sind Ausreden, die sicher auch begründet sind mit dem, was wir gelernt haben. Ein typischer Fall ist das Thema Blue Collar Worker: Denen traue ich nichts zu, mit denen kann das nicht funktionieren, der kann keine Verantwortung übernehmen. Dieser Arbeitnehmer kann vielleicht nicht die riesengroße Verantwortung übernehmen, für seine Tätigkeit kann er das aber durchaus. Das war uns wichtig zu zeigen, dass es in jeder Branche und in jedem Unternehmen geht – ganz egal, ob klein, mittel, groß oder in welcher Branche.

Nach Ihrer Keynote bei der karriere.session kam aus dem Publikum der Einwand, dass nicht jeder Arbeitnehmer Verantwortung übernehmen möchte: In die Arbeit um 8 Uhr, sein Soll erfüllen und wieder raus um 17 Uhr – ein berechtigter Gedanke?

Franke: Es ist für mich gar kein Widerspruch, „nur zu arbeiten“ und trotzdem Verantwortung zu übernehmen. Auch solche Menschen werden mutiger – wenn man ihnen Raum dazu gibt. Sie haben teilweise ganz andere Glaubenssätze im Kopf, denen wurde noch nie etwas zugetraut! Bereits in der Schule wurden sie so erzogen, möglicherweise haben sie einen geringeren Bildungsstand und im Arbeitsleben geht es so weiter. Wenn ich dem nichts zutraue, warum soll er von sich aus etwas ausprobieren wollen? Aber wenn ich ihm Möglichkeiten eröffne, sieht das gleich ganz anders aus. Ganz ehrlich: Jemand, der seit 40 Jahren an der Maschine arbeitet, weiß ganz genau, was eine neue Anlage erfüllen muss. Wird er gefragt? In vielen Unternehmen nicht. Die stellen ihm eine neue Maschine hin und sagen ihm, dass er jetzt noch mehr Qualität liefern soll. Und er weiß ganz genau, dass das nicht funktionieren wird, weil bei der neuen Anlage diese oder jene Funktion fehlt.

Es gibt im Film eine Bewerbungsszene in diesem Produktionsbetrieb – ein Bewerber sitzt einer ganzen Menge Gesprächspartner gegenüber. Spielt Team-Recruiting in Zukunft eine große Rolle?

Franke: Auf den ersten Blick wirkt das Szenario bedrohlich aber der Bewerber weiß von Anfang an, dass mehrere Personen am Jobinterview teilnehmen werden: Der Personaler, der Produktionsleiter und alle vier Linienführer. Warum so viele? Weil sie den Mitarbeiter nach seinem Potenzial einsetzen möchten und nicht jemanden für Maschine Nummer 53 suchen. Sie diskutieren nach dem Gespräch offen, wo er besser hinpassen würde, seine derzeitigen Fähigkeiten am besten einsetzen kann. Darum dieser breite Raum. Vom Ergebnis her ist das auch für den Bewerber optimal.

Zum Thema Recruiting fällt mir das Thema Gehalt und Gehaltstransparenz ein. Wie handhabt man dieses Thema, wenn ein ganzes Team rekrutiert?

Franke: Das funktioniert nur, wenn eine gewisse Transparenz herrscht. Das Team könnte natürlich auch den Bewerber auswählen und die Gehaltsverhandlung läuft dann über die HR, aber das ist wieder so eine Krücke. Wenn das Team weiß, was überhaupt leistbar ist, können sie ins Gespräch anders hineingehen und mit dem Bewerber ganz anders sprechen: Der Bewerber hat eine gewisse Vorstellung von seinem Gehalt und wir wissen, was wir uns leisten können. Es ist eine Offenheit, die nicht unbedingt in der Absage des Bewerbers gipfeln muss: Wir wissen, dein Marktwert liegt ganz woanders aber wir würden uns freuen, wenn du zu uns kommen würdest. Wir würden versuchen, in Zukunft finanziell noch was zu machen.

Bonus auszahlen

Um beim Thema Geld zu bleiben: Sie halten wenig von finanziellen, individuellen Anreizsystem – warum?

Franke: Was ist die Erwartungshaltung hinter einem Bonus? Damit beispielsweise mein Verkäufer hinausgeht und Kunden aquiriert. Sonst würde er keine Abschlüsse an Land ziehen – soweit einmal die Unterstellung. Boni gehen Hand in Hand mit Zielvereinbarungen, allerdings ist es nicht so, dass man sich ansieht, wo die gesamte Organisation steht. Würde man nach einem erfolgreichen Jahr etwas an alle Arbeitnehmer ausschütten, ist das ja in Ordnung. Aber der Fokus auf Einzelpersonen, die eine gewisse Anzahl an Einheiten, Abschlüssen oder Umsatz schaffen müssen, das bringt keinem etwas. So erzieht man Egoisten.

Keine Boni und auch keine Zielvereinbarungen?

Franke: Welches Unternehmen erfüllt schon heute seinen Plan … Wir wissen nicht, was morgen oder in einem oder fünf Jahren passieren wird. Alles entwickelt sich so rasant. Was, wenn Google morgen um die Ecke kommt und sagt: Passt mal auf, wir haben in unserer Garage getüftelt und hier ist das selbstfahrende Auto. Was ihr bisher gesehen habt, war nur die Technik, wir haben jetzt auch ein super Design und kooperieren mit Tesla, unsere Autos fahren natürlich elektrisch. Dann ist das auf dem Markt und alles ist anders. Tesla war ein gutes Beispiel, die hat keiner für voll genommen und jetzt verkaufen sie in ihrem Bereich die meisten Autos. Sie haben nachgedacht, sie haben Glaubenssätze hinterfragt, weil sie nicht von folgender Annahme ausgegangen sind: In der Nacht fährst du nicht, da kann das Auto 12 Stunden laden. Nein, der Autofahrer ist es gewohnt, tanken zu fahren – also ermöglicht Tesla ihm das. Und damit es noch einfacher wird, schenken sie dir den Strom wenn du an ihren Säulen tankst. Hätte man das vorhersehen können? Immer mehr kommt ganz plötzlich und nichts ist für ein Unternehmen schlimmer, als ein Mitarbeiter, der an einem Bonusplan arbeitet, der nicht mehr gültig ist.

Worin unterscheidet sich der neue Film im Vergleich zu „Augenhöhe“?

Franke: Der erste Film war dazu da, um Diskussionen anzuheizen und Sehnsucht zu wecken: Das geht ja tatsächlich anders! Das Thema Sehnsucht war uns ganz wichtig. In vielen Dialogveranstaltungen sind dann Fragen nach dem Wie aufgetaucht. Darum auch der Titel AUGENHÖHEwege – der zweite Film geht stärker auf die Wege der Unternehmen ein: Warum haben sie sich auf den Weg gemacht, was ist ihnen unterwegs begegnet, was hat vielleicht auch nicht funktioniert? Wie wollen sie weitergehen? Wir möchten mit dem Film noch mehr Impulse geben, aber ohne Blaupausen! Denn die gibt es nicht. Jedes Unternehmen muss seinen eigenen Weg finden, weil die Organisation, der Markt, die Mitarbeiter anders sind. Es muss sich finden – dazu braucht es Mut. Natürlich wird es auch Rückschläge geben. Aber es wäre falsch zu sagen: Ah, das haben wir doch gleich gewusst! Da wären wir wieder bei so einem Glaubenssatz: Hinterher wissen wir es besser. Machen wir lieber anders weiter. Dass es nicht funktioniert, ist ganz normal. Es ist so, als würde ich vor einem Dschungel stehen, die Machete in der Hand. Ich muss irgendwann Mut fassen und die erste Liane im Dickicht kappen, um mich auf den Weg zu machen. Mache ich mich nicht auf den Weg, entdecke ich auch nichts Neues. Es kann sich heutzutage kein Unternehmen leisten, auf das Potenzial eines jeden einzelnen Mitarbeiters zu verzichten.

Film kostenlos ansehen

Für nicht-kommerzielle Zwecke steht der Film AUGENHÖHEwege online kostenlos zur Verfügung. Über die Website koordinieren sich auch die Diskussionsveranstaltungen und die AUGENHÖHEcommunity.

Bildnachweis: startupstockphotos.com; Sven Franke; isak55/Shutterstock

Martina Kettner

Martina hat zwei Leidenschaften: Schreiben und Fotografieren. Für karriere.at macht sie Ersteres und bloggt am liebsten über alles, was den Arbeitsalltag schöner und Karriereplanung einfacher macht.

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