Social Media Recruiting: Warum Unternehmen mehr Gesicht zeigen müssen

von in HR, Jobsuche, Social am Mittwoch, 6. April 2011 um 13:12

Social Media kann bei der Suche nach Talenten Wunder wirken. Einfach eine Facebook-Firmenfanpage erstellt und schon stehen die High Potentials vor der Personalabteilung Schlange. Gut, wohl etwas überspitzt formuliert – in vielen Unternehmen wahrscheinlich jedoch eine gängige Art zu denken. Eine neue Studie zeigt nun, wie Uni-Abgänger am liebsten von Arbeitgebern angesprochen werden. Und dabei rangiert Social Media klar auf den Rängen. Eine klare Absage an Social-Recruiting-Maßnahmen? Wir glauben: Nein. Aber durchaus ein dringender Appell aus den Bewerberreihen, dass diese von Unternehmen im Bewerbungsprozess mehr „Gesicht“ sehen wollen. Real UND im Web.

Die Studie der Initiativen Market Team und MTP, über die Spiegel Online berichtet, werden bei  Social-Media-Skeptikern den Satz „Hab ich immer schon gesagt“ provozieren. Denn auf die Frage der Forscher „Wie wollen Sie von den Unternehmen angesprochen werden?“ antworteten immerhin 80 Prozent der insgesamt 600 befragten Studenten mit „Vorträgen und Workshops an der Uni“ (Mehrfachnennungen möglich). Firmenkontaktmessen (57 Prozent), eigene Recruiting-Veranstaltungen (51 Prozent) und Stände an den Unis (47 Prozent) folgen.

Wahrnehmungs-Konflikt: Persönlichkeiten vs. „Human Resources“

Social Media – wofür sich angeblich alle Jungen interessieren – rangiert in der Studie auf den Plätzen: 27 Prozent finden es gut, über Xing angesprochen zu werden, wo jeder zweite befragte Student registriert ist. Nur 23 Prozent der Teilnehmer will mit Firmen via Facebook kommunizieren – obwohl 90 Prozent sich auf der größten Plattform tummeln.
Christine Dresel, Bundesvorstand bei Market Team, bringt dies im Spiegel-Interview auf den Punkt: „Wir wollen persönliche Gespräche und als Persönlichkeiten wahrgenommen werden und nicht nur als Human Resources, die Personallücken füllen.“

Dresel spricht das an, was Bewerbern zunehmend sauer aufstößt: In anonymen Online-Bewerbungsprozessen gefangen zu sein und – wenn überhaupt –  nach Wochen oder Monaten eine automatisch generierte Absage zu erhalten. Und Informationen zum Unternehmen aus dem PR-Sprech der Unternehmenswebsite herausfiltern sollen. Nicht umsonst erkennen verantwortungsbewusste Personalabteilungen, dass ihre Bewerber – auch wenn sie letztlich für den Job nicht in Frage kommen – bestmöglicher, persönlicher Betreuung bedürfen. „Manchen Firmen ist anscheinend nicht bewusst, dass ein Bewerbungsgeschehen ein wichtiger Kontaktpunkt zwischen den Talentmärkten und Arbeitgebern ist. Auch hier entsteht Image. Abgelehnte Bewerber sind mögliche Multiplikatoren bzw. wichtige Entscheidungsträger in der Zukunft“, kommentiert kununu-Geschäftsführer Martin Poreda die Ergebnisse einer einschlägigen Studie, über die wir bereits berichtet haben.

Social Media kann einem Unternehmen mehr „Gesicht“ geben

Am besten also zurück zum Start? Facebook-Fanpage stilllegen? Wohl eher nicht. Denn das Fazit, das sich aus der oben zitierten Studie ziehen lässt, steht ja in keinem Widerspruch zum professionellen Einsatz von Social Media: Unternehmen müssen näher an die jungen Bewerber heran. Diese wollen, dass Personalabteilungen im wahrsten Sinn des Wortes Gesichter haben. Ansprechpartner, denen man Fragen stellen kann und die ohne PR-Filter darauf antworten. Und das kann ein persönliches Gespräch immer noch am besten. Weil man als Bewerber merkt, ob der Sympathie-Funke überspringt. Ob man auf Messen, an Ständen und in Vorträgen als „Bewerberware“ oder als zu überzeugender „High Potential“ gesehen wird. Oder anders: Stimmt der Gesamtauftritt eines Unternehmens für die Kandidaten nicht, wird es auch durch Social Media nicht gerettet werden.

Und genau dafür kann Social Media auch einen wesentlichen Beitrag leisten – wenn es als professionell umgesetzter und betreuter Teil des gesamten Recruiting-Mixes gesehen wird. Kurz: Wenn es zur Personalisierung des Firmenauftitts beiträgt. Ganz darauf zu verzichten, hieße den Umfrageergebnissen zufolge auch, dass man an jenem Viertel an möglichen Kandidaten automatisch vorbeigeht, das sich durch Social Recruiting angesprochen fühlt. Und ein Viertel an möglicher Reichweite liegen zu lassen, heißt gleichzeitig, seinen Rücklauf an Bewerbungen zu schmälern.

Fansites müssen Mehrwert bieten

Natürlich kann das Umfrageergebnis auch als Benotung der Social-Web-Auftritte von Unternehmen gesehen werden. Denn dass die wenigsten – ob in Deutschland oder in Österreich ist hierbei egal – Social Media bisher professionell betreuen, ist Fakt. Eine Unzahl an „leeren“ Facebook-Firmensites ohne relevanten Inhalt bzw. Mehrwert und mit einer Fananzahl im zweistelligen Bereich zeugen davon. Was sollte ein Bewerber auf einer solchen Plattform finden, das ihm bei der Frage „Bewerben ja oder nein?“ weiterhilft?
Firmenseiten wie die österreichische Allianz Karriereseite zeigen vor, was Gebot sein sollte, um Bewerbern auch zu zeigen, dass man mit ihnen auf Augenhöhe ist: Interessantes, Wissenswertes und Nützliches zum Unternehmen in regelmäßigen Abständen bieten und auf Fragen, Kritik und Anregungen rasch (!) und individuell zu antworten. Das symbolisiert den Bewerbern nicht nur „Hey, da ist was los…“, sondern auch, dass sich „wirkliche“ Menschen um ihre Posts kümmern.

Einleuchtend ist auch jenes Umfrageergebnis, dass Bewerber – wenn sie schon über Social Networks angesprochen werden wollen – Xing eindeutig Facebook den Vorzug geben: 9,0 Punkte versus 3,1 für Facebook auf einer 10er-Skala. Denn die Gründe dafür liegen auf der Hand: Facebook-Anwendungen wie „Branchout“, die Facebook für Interessierte auch zur Jobsuch-Plattform ausbauen, sind in unseren Breiten noch nicht wirklich etabliert. Konsequenterweise überwiegt in den Köpfen der User (noch?) stark der Grundsatz: Facebook=Privat, Xing=Business. Und für viele stellt sich dann eben die Frage: Warum diese Trennung aufheben, wenn es ohnehin bereits ein funktionierendes Business-Network gibt?

Ringen um Stellenwert noch im Gang

Unser Fazit daher: Social Media funktioniert auch im Recruting und Personalmarketing. Allerdings nur, wenn es professionell, schnell und wirklich auf Augenhöhe betrieben wird. Und wenn es auf den übrigen Auftritt des Unternehmens bei der Bewerbersuche abgestimmt ist. Sprich: Als wesentlicher, gleichberechtigter Teil von mehreren direkten dafür verwendeten Kommunikationskanälen wie Messen, Ständen und Info-Tagen gesehen wird. Einen solchen Platz – und vor allem auch die dafür nötigen zeitlichen, finanziellen und personellen Ressourcen – muss es sich aber in vielen Betrieben erst erkämpfen.

Christoph Weissenböck

Christoph Weissenböck macht Kommunikation bei karriere.at. Und dazwischen Blogposts. Schreiben ist für ihn mehr als ein Job.

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