Job Hopper rekrutieren: Was Lebensläufe (nicht) erzählen

von in HR am Dienstag, 8. November 2016 um 10:52

Der Grat zwischen Job Hopper und Karrieresprung ist manchmal schmal. Job Hopper gelten in der Arbeitswelt oft als nicht besonders loyal, als sprunghaft oder schnell gelangweilt. Viele Jobwechsel in relativ kurzer Zeit, das bereitet Bewerbern und Recruitern gleichermaßen Bauchschmerzen. Warum es sich lohnt, auch Kandidaten mit besonders „bunten“ Lebensläufen zum Gespräch einzuladen:

Thomas Olbrich, HR-Manager karriere.at

Thomas Olbrich, HR-Manager karriere.at

Vor dem Label Job Hopper haben viele Jobsuchende Angst – und das nicht ohne Grund: Zahlreiche Jobwechsel, vielleicht in relativ kurzer Zeit, das ist für viele Recruiter bereits ein Grund, Bewerber schon beim Sichten der Lebensläufe auszusortieren. Laut einer Studie aus dem Jahr 2014 würden 43 Prozent der HR-Manager Job Hopper für vakante Stellen nicht in Erwägung ziehen. Was ihnen so vielleicht entgeht, ist der genau richtige Bewerber für den Job. Warum es sich bezahlt macht, gerade bei häufigen Jobwechseln zwei Mal hinzusehen: karriere.at-HR-Manager Thomas Olbrich über Job Hopper im Recruiting-Alltag.

Bleibt er oder geht er?

Ein Job von der Ausbildung bis zum Ruhestand – diese Zeiten sind vorbei. Für die Entwicklung der eigenen Karriere gehört der Wechsel zwischen verschiedenen Unternehmen mittlerweile dazu. Aber: Wie viele Arbeitgeberwechsel liegen in der Norm? Laut Thomas Olbrich gibt es darauf keine allgemeingültige Antwort – weder für die Personalarbeit, noch für das Recruiting. Zu häufige Jobwechsel sind vielen HR-Verantwortlichen aber noch immer ein Dorn im Auge: „Ich kenne Personalverantwortliche, die einen Lebenslauf mit häufigen Sprüngen nicht weiter hinterfragen und Bewerber auch nicht zum Jobinterview einladen. Meine persönliche Meinung dazu: Der Lebenslauf ist ein erster Eindruck, aufgrund dessen man jedoch keine voreiligen Schlüsse ziehen darf. Man muss Bewerber kennenlernen – unbedingt. Natürlich muss ich aussortieren, wenn ich auf eine Ausschreibung zahlreiche Bewerbungen erhalte. Niemand kann sich 100 Kandidaten persönlich ansehen“, so Olbrich.

Hausaufgabe für HR: Persönliche Definition finden

Viele Bewerbungen auf einen Job – dann heißt es natürlich: aussortieren und auswählen. „Häufige Jobwechsel können dann ein Kriterium sein, einen Bewerber nicht einzuladen – aber auch hier fällt es schwer zu sagen, ab wann jemand als Job Hopper bezeichnet wird. Für mich persönlich würde ich die Grenze folgendermaßen ziehen: Sehr häufige Jobwechsel liegen vor, wenn jemand immer nur maximal ein Jahr bei einem Arbeitgeber war“, sagt der HR-Experte. Weist ein Bewerber die gewünschten Qualifikationen und Erfahrungen vor, der Lebenslauf fällt aber durch häufige Jobwechsel auf? Im Zweifelsfall einladen und die häufigen Wechsel im Gespräch aktiv thematisieren.

Die Wechselmotive eines Kandidaten sind vor allem dann interessant, wenn jemand für Stellen mit viel Koordinationsarbeit gesucht wird. „In solchen Jobs benötigen neue Arbeitnehmer rund zwei Jahre, bis sie richtig eingearbeitet und mit dem Job vollkommen vertraut sind: Sie kennen alle Fälle, sind Experte auf ihrem Gebiet und können auch neue Situationen selbstständig managen. Diese Erfahrung hat man nach nur einem Jahr im Job noch nicht“, sagt Olbrich. Aus diesem Grund sehen es  Personalverantwortliche lieber, wenn Bewerber zumindest eine zweijährige Erfahrung im Job vorweisen können. Allerdings: Auch das ist kein fixer Wert, sondern hängt immer von Stellenbeschreibung und Unternehmensgröße ab.

Job Hopper und ihre Vorteile

Häufigen Jobwechseln auf den Grund gehen

Don’t judge a book by its cover. Unentschlossen, nicht loyal, sprunghaft, schnell gelangweilt, kein Durchhaltevermögen – solche Attribute haften den sogenannten Job Hoppern manchmal an – und das oft zu Unrecht. „Ein Lebenslauf ist eine sachliche Darstellung von Stationen im Leben – nicht mehr und nicht weniger. Auf dessen Grundlage kann man natürlich darüber philosophieren und nachdenken, welche Qualifikationen Kandidaten in welchem Job erworben haben. Aufgrund des CV ist es aber nicht möglich, Aussagen über Loyalität, Konfliktscheue oder andere Eigenschaften zu treffen. Solche Dinge bespricht man im persönlichen Gespräch“, so der HR-Manager. Denn warum ein Bewerber frühere Jobs aufgegeben hat, geht aus dem Lebenslauf selten hervor. Wissbegierige verlassen ihren Arbeitgeber vielleicht, weil es an neuen Inputs mangelt. Weiterbildung? Fehlanzeige. Nach einem Jahr im Job kann sich auch herausstellen, dass die hochgelobte Unternehmenskultur reine Employer Branding Maßnahme war oder betriebliche Erfordernisse die eigenen Karrierepläne plötzlich durchkreuzen.

Fragestunde im Jobinterview

Die Gründe, warum Bewerber – manchmal auch häufig – Job und Arbeitgeber wechseln, sind vielfältig. Bringt jemand die erforderlichen Qualifikationen für eine Stelle mit, lohnt es sich also, im Rahmen eines Gesprächs auf die Wechselmotive detailliert einzugehen. Für alle Beteiligten gilt dabei: Gute Vorbereitung ist die halbe Miete. Thomas Olbrich zum Thema Jobinterview: „Personalverantwortliche mit Erfahrung werden im Bewerbungsgespräch schnell erkennen, ob die Antworten des Kandidaten Substanz haben. Wenn jemand bei der Frage nach häufigen Brüchen im Lebenslauf z.B. sehr weit ausholt oder abschweift, kann mit entsprechenden Fragen dagegen gearbeitet werden. Konkret nachfragen, dabei möglichst offene Fragen zu den bisherigen Arbeitsverhältnissen und der Position stellen: Wie war der Job dort aufgestellt, wer waren die Schnittstellen für die Zusammenarbeit, war z.B. die Kündigung eine bewusste Entscheidung etc.?“

Die positiven Seiten der Job Hopper

Wer als Arbeitgeber auf der Suche nach innovativen, flexiblen und wissbegierigen Mitarbeitern ist, wird nicht selten bei Kandidaten fündig, die eine hohe Wechselbereitschaft aufweisen. Für die eigene Entwicklung nehmen sie es auch in Kauf, zu anderen Arbeitgebern zu wechseln. Sie im Unternehmen zu halten ist aber nicht unmöglich – vorausgesetzt, Job, Unternehmenskultur und Entwicklungsperspektiven passen.

Bildnachweis: Yuganov Konstantin / Shutterstock; turgaygundogdu/Shutterstock

Martina Kettner

Martina hat zwei Leidenschaften: Schreiben und Fotografieren. Für karriere.at macht sie Ersteres und bloggt am liebsten über alles, was den Arbeitsalltag schöner und Karriereplanung einfacher macht.

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