2. Dezember 2016 · Arbeitsleben · von

Vollpension statt Pension: Omas im Unruhestand

Nach der Arbeit kommt die Pension und was kommt dann? Auf viele Pensionisten wartet neben dem Auskommen mit sehr wenig Geld auch viel Einsamkeit. Warum diesen Menschen nicht einfach eine Möglichkeit bieten, sich im Alter etwas dazuzuverdienen und gleichzeitig einen Kontakt mit Jungen schaffen? Das Wiener Kaffeehaus „Vollpension“ hat sich das zum Ziel gemacht und ist so viel mehr als eine Gaststätte mit ausgezeichnetem Kuchen. Warum dieses Konzept zukunftsweisend sein kann:

Man verbinde Jung und Alt, nehme köstliche Kuchen und andere Klassiker aus Omas Küche, setze das Ganze in 1A Retroambiente – gut abmischen und herauskommt: das Generationenkaffeehaus „Vollpension“. Im 4. Wiener Bezirk bewirten Omas und Opas seit 2015  viele Gäste und es funktioniert hervorragend. Warum diese Senioren noch arbeiten – könnten sie doch nach langen Dienstjahren verdient zu Hause auf der Couch sitzen und mit den Enkeln spielen? Viele können das eben nicht. Zum einen ist Altersarmut in Österreich ein größeres Thema als gemeinhin angenommen und außerdem fehlt vielen älteren Menschen vor allem in der Großstadt die soziale Anbindung. Dort wo besonders viele Leute an einem Ort wohnen, ist man nämlich auch sehr anonym und schnell alleine.

Weihwasser-Madonnen aus Lourdes und Porzellanpferde auf Spitzendeckerl: wie bei Oma!

Die Vollpension ist ein sogenanntes Social Business, eine Hybridform aus gemeinnützigem Zweck und Gastrobetrieb – geführt als Verein und GmbH. Die erklärten sozialen und gesellschaftlichen Ziele sind

  • Zuverdienst statt Altersarmut
  • sinnstiftende Tätigkeit im Alter statt „Belastung“ für die Gesellschaft
  • Erfahrungen weitergeben statt Kontaktarmut
  • und Förderung des Generationendialogs

Julia Krenmayr ist eine der Gründer und unter anderem für die soziale Agenda der Vollpension zuständig. Neben ihr gibt es noch 34 weitere Personen im Team, 20 davon sind Senioren – alle geringfügig angestellt (drei Opas, der Rest Omas, weil die Küche trotz Vorurteilsfreiheit immer noch weibliches Terrain ist). Unterstützt werden die rüstigen Pensionisten durch junges Service- und Küchenpersonal. Spezielle Formate wie der „Seniorenklub“ oder die/der „Oma/Opa vom Dienst“ (ein Pensionist übernimmt einen Tag lang die Rolle des Gastgebers) unterstützen den aktiven Kontakt zwischen Mitarbeitern und Gästen.

Vollpension Gründer

Gründer: Cornelia Kamleitner, Hannah Lux, David Haller, Julia Krenmayr (v.l.n.r.)

Gar nicht retro – vielmehr sehr innovativ!

Zwar umwehen den eintretenden Gast in der Vollpension ein Hauch von Kölnisch Wasser und Schlagermelodien, allerdings befindet er sich zugleich in einem Vorzeigeprojekt der österreichischen Social-Entrepreneurship-Landschaft. Es gibt viele ältere Menschen, die einen Job suchen, aber leider nur sehr wenige Jobs für ältere Menschen. Die Zuverdienstgrenzen zur teils sehr geringen Pension machen die Beschäftigung von Senioren nicht unbedingt einfacher. Die Vollpension will Arbeitsplätze für ältere Arbeitnehmer und Pensionisten schaffen, die sich neben der oft knappen Pension etwas dazuverdienen müssen. Der Bedarf ist jedenfalls vorhanden.

Statistik Altersarmut Vollpension

500.000 alleinstehende Senioren gibt es laut einer Erhebung der Statistik Austria im Jahr 2015 in Österreich, ein Viertel davon lebt unter der Armutsgrenze, ein weiteres Viertel nur knapp darüber. Zudem kommt, dass es vor allem im städtischen Raum viele ältere Menschen gibt, die ihren Alltag allein fristen und nach gesellschaftlichem Anschluss und sinnstiftenden Tätigkeiten suchen. Das betrifft vor allem Frauen, die sich oft ihr

Vollpension Oma

Oma Elisabeth: hat über Facebook von der Vollpension erfahren (über ihre Schwiegertochter :-)

Leben lang hauptsächlich um Familie und Haushalt gekümmert haben und denen in der Pension dann finanzielle Mittel und (oftmals schlimmer) die sozialen Kontakte fehlen.

Oma Elisabeth: Ich habe jede Woche für die Familie Kuchen gebacken und dann hat mir meine Schwiegertochter erzählt, dass die Vollpension Bäcker sucht. Ich bin jetzt seit eineinhalb Jahren dabei und es macht mir noch immer Spaß. Ich mache es als Abwechslung für mein Pensionsleben: Einmal in der Woche komme ich und backe für fünf Stunden. Da kommt man mit Menschen in Kontakt und vor allem ist mir wichtig, dass ich den Draht zu den jungen Leuten nicht verliere.

Wir haben bei Julia Krenmayr, einer der Gründer, nachgefragt, wie Pensionisten in die Vollpension fanden:

Warum die Pension mit der Vollpension tauschen?

Julia Krenmayr: Die Resonanz auf das Konzept der Vollpension, das schon vor einem festen Sitz weite Kreise zog (siehe Story unten) war für das Team überwältigend. Die Schlange der Interessenten ist nach wie vor lang. Es gibt derzeit eine Liste von etwa vierzig Menschen, die sich im Laufe der Zeit bei uns gemeldet haben, weil sie hier arbeiten möchten. Gerade am Anfang habe ich versucht, alle persönlich zu treffen, um zu vermitteln, dass man auch als alter Mensch in der Arbeitswelt willkommen ist und nicht aufs Abstellgleis verlagert wird.

Generell haben wir zwei Rollen für Senioren: Backomas/–opas und Hosts, die sind Servicesupport am Nachmittag und begrüßen die Gäste, weisen Plätze zu und räumen Geschirr weg. Die Arbeitszeiten sind immer auf fünf Stunden begrenzt, so wird es körperlich auch nicht zu anstrengend. Ein paar kommen zweimal, viele nur einmal pro Woche und es gibt einen ganz normalen Dienstplan für jeden Monat. Da zählt man dann auch auf Verlässlichkeit.

Wo Melange das Hausgetränk ist und das Einsermenü der Toast Hawaii, fühlt man sich heimelig.

Welchen Herausforderungen begegnet man als Social Business?

Julia Krenmayr: Eine große Challenge ist das Thema „sozial versus wirtschaftlich“. So gern wir etwas Gutes tun, so sehr müssen wir darauf achten, dass das Konzept sich auch wirtschaftlich rentiert. Immerhin leben wir davon.

Wir entwickeln im Moment außerdem Standards dazu, ob wir nur jemanden aufnehmen, der tatsächlich an der Armutsgrenze lebt. Aber das Thema Einsamkeit kann man natürlich nicht an der Höhe der Pension messen. Wir versuchen, das ganze Gefüge der jeweiligen Person zu betrachten und dann zu entscheiden. Da entsteht vieles aus dem Gespräch, weil die Leute meistens aus bestimmten Gründen zu uns kommen. Wir sind aber kein Sozialprojekt – es geht uns darum, ganz klar zu zeigen, dass Wirtschaften auch möglich ist, wenn man den Menschen mitnimmt.

Wir sind wie ein Familienunternehmen, nur ist hier niemand verwandt!

Julia Krenmayr: Es gibt einfach viele Geschichten, an denen wir merken, dass es etwas mit den Menschen macht, wenn sie bei uns arbeiten. Wenn jemand zum Beispiel krankheitsbedingt für längere Zeit ausfällt und dann sehr gerne wieder zurückkommt, weil der Kontakt sehr wichtig ist. Manche unserer Omas und Opas verabreden sich hier privat mit Freunden. Viele sind auch in der Freizeit hier. Ich würde uns deshalb ein wenig wie ein Familienunternehmen bezeichnen, obwohl niemand hier verwandt ist. Wir nehmen uns um den Faktor Mensch an. Da ist es ganz natürlich, dass wir auch die Leute im Krankenhaus besuchen, wenn sie gesundheitlich angeschlagen sind – das geht über einen „normalen“ Arbeitsplatz hinaus.

Was bringt die Zukunft – wollt ihr Vorbild sein?

Julia Krenmayr: Zwar gibt es einige generationsübergreifende Projekte, wenn es ums Wohnen geht oder Verbindungen von Altersheim und Kindergarten, aber Generationsunternehmen in der Art der Vollpension sind eher rar. Der Generationen-Gap ist groß – da könnte man noch einiges machen. Wir glauben auf jeden Fall fest daran, dass das Konzept skalierbar ist und hoffen, in Zukunft vielleicht auch ein zweites oder drittes Lokal aufzumachen. Da muss man aber sehr systemisch denken und darf das Konzept nicht von Personen abhängig machen. Es braucht Prozesse und klare Strukturen, aber die soziale Idee dahinter soll natürlich trotzdem bestehen bleiben.

Wir glauben fest daran, dass das Konzept skalierbar ist!

Es geht generell um mehr Menschlichkeit und um ein Miteinander. Die Leute sollen miteinander reden, wenn es Konflikte gibt. Ich persönlich würde mir wünschen, dass der Faktor Mensch auch in allen anderen Unternehmen wichtiger wird. Vielleicht gelingt es in Zukunft besser, Systeme oder Organisationen zu kreieren, die dem auch Raum geben. Natürlich bedarf es Energie, sich mit den Menschen auseinanderzusetzen, aber es zahlt sich aus. Die Gäste kommen gern zu uns, weil sie sich wohlfühlen und sie natürlich merken, dass ein Miteinander herrscht. Als Inspiration für andere möchte ich einfach sagen: es funktioniert!
Die beliebtesten Mehlspeisen sind vereint im neuen Backbuch der Vollpension, das käuflich erworben werden kann. Julia Krenmayrs Favorit ist übrigens der vegane Zitronenkuchen von der Oma Christine, die vegane Köstlichkeiten bäckt. So altmodisch wie viele glauben, geht es nämlich längst nicht zu in der Vollpension ;-)

Vollpension Ambiente 

Story der Vollpension

Geboren wurde die Idee zur „Vollpension“ 2012 im Rahmen des Social Design Calls der Vienna Design Week. Die Initiatoren dabei waren die „Gebrüder Stitch“ (bekannt durch ihre Jeans). Und weil das Projekt so gut ankam, gab es immer wieder Pop-up Versionen der Vollpension. Auf eine Jobanzeige in einer großen österreichischen Tageszeitung meldeten sich immer mehr Senioren, die nicht nur Geld dazuverdienen, sondern auch gemeinsam backen und lachen wollten. Nachdem das renommierte Europäische Forum Alpbach die backenden Omas für ein Catering buchte und die Medienberichte über das Erfolgskonzept immer zahlreicher wurden, wurden auch die Forderungen nach einer permanenten Heimat immer lauter. Seit Juni 2015 pilgern Fans in den 4. Bezirk in Wien, um Omas köstliche Kuchen, übrigens jeden Tag andere, in Oma-Ambiente zu verspeisen.

Julia Krenmayr hat Soziale Entwicklung studiert und war schon immer am Thema „Jung & Alt“ interessiert. Das Management Team umfasst außerdem Hannah Lux und Cornelia Kamleitner. Sie alle widmen sich der Vollpension mehr als Vollzeit. Ziel ist es, als eigenständiges Unternehmen unabhängig von Förderungen leben zu können. Und weitere Standorte sind obendrein angedacht.

Bildnachweis: Mark Glassner / Vollpension; karriere.at

Tanja Karlsböck

Tanja Karlsböck verfasst Blogposts rund umʼs Arbeitsleben, denn Schreiben ist ihre liebste Kulturtechnik.

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