Erstellt am 17. September 2020 · Arbeitsleben, HR · von

„Mach es einfach selbst.“ Wolf Lotter über Verantwortung im Leben und im Beruf

Lesezeit: 5 Minuten

Mehr Verantwortung im Job übernehmen. Eigenverantwortlich entscheiden und verantwortungsvoll handeln – nicht erst seit Corona geistern Begrifflichkeiten rund um „Verantwortung“ durch unser Berufs- und Privatleben. Essayist und Bestsellerautor Wolf Lotter beleuchtet das Thema auf der Freiräume (Un)Conference näher – wir durften ihn vorab interviewen:

Wir alle wollen selbstbestimmt leben und frei entscheiden können – aber auch mit allen Konsequenzen? Bei der Freiräume (Un)Conference spricht Wolf Lotter darüber, wie viel „Lust auf Verantwortung“ wir wirklich haben und warum „Zusammenhänge“, so der Titel seines im Herbst erscheinenden neuen Buches, dafür so wichtig sind. Im Interview haben wir mit ihm über Verantwortung im Beruf und in der Gesellschaft philosophiert.

Hinweis: Die Freiräume (Un)Conference 2020 findet von 10. bis 11. November statt. Ob wie geplant in der Seifenfabrik Graz oder digital, steht derzeit noch nicht fest. Nähere Infos findet ihr in der Aussendung der Organisatoren.

Verantwortung ist Eigenarbeit

Wolf Lotter

Essayist und Autor Wolf Lotter

Wie würden Sie jemandem den Begriff „Verantwortung“ erklären, der ihn noch nie gehört hat?

Wolf Lotter: Verantwortung heißt, dass man als Person, als Individuum erst sichtbar wird. Deshalb finde ich den Begriff der „gesellschaftlichen Verantwortung“ schwierig, weil Verantwortung immer bei einem selbst anfängt. Man muss sich erst auf sich selber einlassen können, damit man anderen weiterhilft – oder sie ernst nimmt.

„Soll sich halt das Kollektiv, der Staat, das Team verpflichten und kümmern. Aber so läuft das nicht.“

Gesellschaftliche Verantwortung ist sehr oft ein Wieselbegriff – soll sich halt das Kollektiv, der Staat, das Team verpflichten und kümmern. Aber so läuft das nicht. Verantwortung ist Eigenarbeit. Verantwortung ist Erwachsensein, mündig, selbstständig. Frag nicht, was dein Land, deine Partei, deine Firma für dich tun kann. Mach es einfach selbst.

Was ist nötig, um tatsächlich Verantwortung zu übernehmen?

Wolf Lotter: Einige wichtige Fähigkeiten und Eigenschaften, die alle mit „selbst“ anfangen. Selbstverantwortung habe ich schon genannt, also selbstständiges Handeln und Entscheiden, bei dem ich auch die Konsequenzen und Resultate trage. Und zwar ohne dass ich von jemanden Dritten eine Garantie kriege. Wer nur handelt, wenn er sich sicher fühlt oder vorher einen Persilschein möchte, ist unverantwortlich. Selbstvertrauen ist ebenfalls wichtig. Selbstvertrauen heißt nach meiner Definition nicht blindes Vertrauen, dass alles, was man tut, auch klappt, aber dass man sich zutraut, es zu probieren. Es ist eine Investition, ein Experiment, bei dem man tut, was man kann. Und wieviel das ist, muss man sich wieder mit sich selber ausmachen. Mach es dir nicht zu einfach.

Eigenverantwortliches Arbeiten erfordert es, Wissen zu teilen

Wie kann eigenverantwortliches Arbeiten funktionieren?

Wolf Lotter: Das ist unternehmerisches, selbstständiges Arbeiten schlechthin, die klassische Wissensarbeit. Die bedeutet nicht, dass wir alle sofort Intellektuelle werden, sondern dass Wissen in den Köpfen der Leute, die wir früher „Mitarbeiter“ genannt haben, das eigentliche persönliche Kapital wird und ja schon ist. Die tragen, wie Peter Drucker es gesagt hat, „ihr Kapital zwischen den Ohren“. Das funktioniert dann, wenn man sich mit seiner Arbeit, seinen Fähigkeiten nicht zum Fachidioten macht, sondern darüber reden kann, sein Wissen erklärt.

„Eigenverantwortung funktioniert nicht durch Abschotten, sondern indem ich mein Wissen teile.“

Ich nenne das Kontextkompetenz: raus aus dem Silo und rein in das Gespräch. Das sind die Märkte, die Kunden, die Partner in und außerhalb der Organisation. Context is king – so heißt ein Kapitel meines neuen Buches „Zusammenhänge“. Eigenverantwortung funktioniert eben nicht durch das Abschotten und das Identitäre, indem ich mir Leute hole, die alle einer Meinung sind, sondern mein Wissen mitteile – also teile. Wissensökonomie ist Netzwerkökonomie. Da ist der Zusammenhang der entscheidende Erfolgsfaktor.

Woher der Wunsch nach Selbstbestimmung kommt

Warum sind Verantwortung und Selbstbestimmung in den vergangenen Jahren so wichtig geworden?

Wolf Lotter: Das ist eine Entwicklungsfrage. Maslow hat 1941 in seiner Bedürfnispyramide nach den drei elementaren Stufen Existenz, Sicherheit und Soziales die persönliche Ebene, das Bedürfnis nach Respekt und Anerkennung, und schließlich die Selbstverwirklichung gesetzt. Die ist die Domäne des mündigen Menschen, der sich seiner Fähigkeiten bewusst ist und sie entfalten kann. Das klingt pathetisch, ist aber ganz nüchtern die Realität der Wissensgesellschaft.

„Immer mehr Menschen begreifen, dass sich ihre Entwicklung nicht vergesellschaften lässt, sondern sie selbst dafür verantwortlich sind.“

Wir befinden uns heute in einem scheinbaren Kuddelmuddel, wo Purpose, Sinn, New Work und Agilität durch die Organisationen geistern. Das alles ist „vierter Maslow“, wie ich seit Jahren sage. Die Suche nach Sinn und Anerkennung. Das ist verwirrend, aber dahinter lichtet sich der Nebel. Wir kommen dem Ziel der Aufklärung näher, der Selbstbestimmung. Das hat mit höherer Bildung und höheren Ansprüchen zu tun, letztlich aber mehr Selbsterkenntnis: Immer mehr Menschen begreifen, dass sich ihre Entwicklung nicht vergesellschaften lässt, sondern sie selbst dafür verantwortlich sind.

Gegenbewegung: „Starke Anführer“ gesucht!

Beobachtet man die weltweiten Wahlergebnisse der vergangenen Jahre, könnte man vermuten, dass viele Menschen die Verantwortung lieber einem „starken Anführer“ abgeben möchten. Können Sie das nachvollziehen und denken Sie, dass sich dieser Wunsch auch im Berufsleben durchsetzen könnte?

Wolf Lotter: Ich fürchte, das tut er ja bereits, und nicht erst seit einigen Jahren. Organisationen sind sehr oft Veranstaltungen, in denen die Verantwortung sehr gerne nach oben abgegeben wird, damit man nicht so schwer tragen muss. Darauf bauen alle einfachen Weltbilder links, rechts und mittig. Ganz egal, wo man hinschaut.

Immanuel Kant hat 1784 in „Was ist Aufklärung“ – alles dazu gesagt. Unmündigkeit ist selbst verschuldet. Wir unterwerfen uns Chefs, Organisationen, Regeln, die gar nichts mit den Zielen unserer Arbeit zu tun haben. Warum? Weil es das Leben leichter macht. „Faulheit und Feigheit“, sagt Kant, „sind die Grundlagen der Unmündigkeit“. Anführer kommen nicht aus dem Nichts, weder die Guten noch die Bösen. Sie werden von denen gemacht, denen es an Verantwortung fehlt, selbst zu denken, selbst zu handeln, selbst zu entscheiden.

„Wir unterwerfen uns Chefs, Organisationen, Regeln, die gar nichts mit den Zielen unserer Arbeit zu tun haben. Warum? Weil es das Leben leichter macht.“

Das ist kein spezifisch linkes oder rechtes Problem, nicht einmal eins der sogenannten Politik, sondern der Verantwortungslosigkeit. Die gibt es überall, wo ich eben nicht selbst entscheiden will, sondern vorgekaute Ideologien, Vorurteile und Meinungen annehme. Viele verwechseln das leider auch mit dem Modebegriff „Haltung“. Doch die ist kein Konsumartikel und kommt nicht aus der Konserve. Die muss man immer wieder neu kritisch selbst bilden und frisch herstellen. Auch das gehört zu Verantwortung: Dranbleiben, immer schauen, was ist.

„Verantwortung ist ein Leben für Erwachsene.“

Die eigentliche Transformation unserer Zeit – und unser Unbehagen mit ihr – ist ja genau das: Wir müssen selbst zur Vernunft kommen. Sie holt uns nicht ab.  Verantwortung ist für mich Mündigkeit, und die ist gleich Selbstbestimmtheit. Oder wenn Sie es einfacher wollen: Ein Leben für Erwachsene.

Über die Person

Wolf Lotter ist Gründungsmitglied und Essayist von brand eins und schreibt Bücher, z. B. den Bestseller „Innovation. Streitschrift für barrierefreies Denken“, Edition Körber und „Zusammenhänge. Wie wir die Welt wieder verstehen lernen“, das ebenfalls in der Edition Körber im Herbst 2020 erscheint. Er ist überdies Autor und Kommentator für zahlreiche Rundfunkanstalten und ein gefragter Keynote-Speaker.

Bildnachweis: shutterstock/stoatphoto ; Sarah Esther Paulus/Wolf Lotter

Lisa-Marie Linhart

Lisas Liebe gilt dem Wort und der Musik. Bei uns kombiniert sie beides zu wohlklingenden Blogbeiträgen mit dem richtigen Groove für Themen, die das Arbeitsleben leichter und die Karriereplanung einfacher machen.