20. November 2017 · Arbeitsleben · von

Väterkarenz, ein Erfahrungsbericht: “Möchte keine Sekunde missen”

In Österreich ist Karenz überwiegend noch Frauensache. Überwiegend denn zunehmend mehr Männer entscheiden sich nach der Geburt eines Kindes in Karenz zu gehen. Für die Väterkarenz hat sich auch Bernhard Desch entschieden: Raus aus dem Büro, rein in die Zeit der Kinderbetreuung. Eine Entscheidung, die der Linzer keine Sekunde lang bereut. Wir haben nachgefragt: Wie lebt es sich denn als Vollzeitpapa?

Bernhard, der “Papa zu Hause”

Väterkarenz: Traut euch!

Bernhard hat das getan, was in Österreich meist Frauensache ist: in Karenz gehen. Nach der Geburt seines Sohnes hat er sich in die Väterkarenz verabschiedet und Schreibtisch gegen Wickeltisch getauscht. Die Karenz für Papas ist für ihn “Herzensangelegenheit”, eine Lanze für die Väterkarenz bricht er deshalb auch in seinem Blog “Papa zu Hause“. Im Interview erzählt er, wieso er sich für die Väterkarenz entschieden hat, wie es sich als Vollblut-Papa lebt und wie es beruflich danach weitergehen wird.

In welchem Job warst du vor der Karenz tätig und wie seid ihr als Paar zum Entschluss gekommen, dass du in Karenz gehen wirst?

Bernhard: Vor der Karenz habe ich sechs Jahre lang als Auftragsbearbeiter in einer Softwarefirma gearbeitet. Das war mein erster richtiger Job nach Schule und Bundesheer. Die Idee mit der Väterkarenz hatte meine Verlobte schon sehr früh in der Schwangerschaft. Ich wusste nicht besonders viel darüber, war anfangs skeptisch, trotzdem stand der Entschluss dazu ziemlich früh in der Schwangerschaft fest. Bei uns kommt noch dazu, dass meine Frau als Fotografin selbstständig ist. Dadurch war die Aussicht, dass wir beide so lange bei unserem Sohn zu Hause sein können, natürlich besonders verlockend.

Wie hat dein Umfeld – Familie, Freunde, Kollegen und Arbeitgeber – deinen Entschluss aufgefasst?

Bernhard: Entsprechend der Seltenheit der Väterkarenz waren im privaten Bereich die meisten im ersten Moment etwas verwundert, aber das Feedback durchaus positiv. Es wurde sehr schnell als völlig normal akzeptiert. Da für Väter der Kündigungsschutz erst ab der Geburt beginnt, war es im Büro schon eher spannend, es noch nicht zu früh auszuplaudern. Auch wenn ich niemals mit irgendwelchen Problemen gerechnet hätte, wollte ich da einfach kein Risiko eingehen. Als ich es dann bekannt gemacht habe, waren dennoch die wenigsten überrascht, auch wenn ich der erste Karenzvater der Firma war. Das war also alles halb so wild.

Welche Sorgen oder Bedenken hattest du vor der Karenz und was hat sich als völlig unbegründete Sorge entpuppt?

Bernhard: In erster Linie waren es drei Sorgen. Zum einen hatte ich keine Ahnung, wie unser Alltag aussehen sollte, wenn ich den ganzen Tag zu Hause bin. Früher habe ich im Urlaub nach kürzester Zeit jegliches Zeitgefühl verloren und hab irgendwie dahingelebt. Das hat sich als völlig unbegründet herausgestellt, da sich der ganze Tag sowieso nach unserem Sohn ausrichtet. Wann er aufsteht, gewickelt werden muss, Hunger hat, schlafen will, dazwischen machen wir kleine Ausflüge und irgendwann erledigen wir auch noch den ganzen „Erwachsenenkram“. Da vergehen Tage und sogar Wochen rasend schnell.

Sorge Nummer zwei war das Finanzielle. Das hat sich mit dem einkommensabhängigen Kinderbetreuungsgeld auch aufgelöst. Ich bekomme 80 Prozent vom letzten Gehalt und spare mir, jeden Tag 50 Kilomter zu pendeln. Da haben wir keine großen Einbußen.

Die dritte Sorge war dann nur noch die ungewisse Reaktion im Büro. Vor allem, wie mein Chef damit umgeht, dass ich nur mehr drei Monate (ohne Kaiserschnitt wären es sogar nur zwei gewesen) da sein werde und in dieser Zeit ein Ersatz gefunden und eingeschult werden muss. Wie heißt es doch immer wieder? Jeder ist ersetzbar. In dem Fall kann man diesen Spruch sogar positiv werten.

Wie lange bleibst du noch in Väterkarenz und wie wird es danach weitergehen?

Bernhard: Ich wollte ganz klar das finanziell sinnvolle Maximum ausnutzen. In meinem Fall ist das bis zum ersten Geburtstag unseres Sohnes Ende November. Bis zu diesem Zeitpunkt bekomme ich das Kinderbetreuungsgeld. Meine neun Monate Väterkarenz sind also bald vorbei. Danach bleibe ich weiterhin zu Hause bei meiner Familie und mache mich als freier Texter selbstständig.

“Vielerorts hat ein Karenzpapa ja fast etwas Exotisches.”

Karenz und die damit verbundene Kinderbetreuung sind in Österreich doch eher Frauensache. Was denkst du, woran es liegt, dass nicht mehr Männer in Karenz gehen?

Bernhard: Zum einen habe ich das Gefühl, dass überhaupt die Möglichkeit als Papa in Karenz zu gehen vielen gar nicht so bewusst ist und sie daher erst gar nicht auf die Idee kommen. Vielerorts hat ein Karenzpapa ja fast etwas Exotisches. Überhaupt, wenn er mehr als zwei Monate daheim bleibt. Da kann etwas mehr Aufklärung bestimmt nicht schaden. Zum anderen kann ich es verstehen, dass für viele die mögliche Gefahr für Job und Karriere zu groß ist oder die finanziellen Einbußen doch zu hoch wären. Wobei ich es hinsichtlich Väterkarenz gut finde, dass seit März mit dem Papamonat und dem Kinderbetreuungsgeld-Konto neue Anreize geschaffen werden und so vielleicht mehr Väter zu Hause bleiben.

Haben sich vielleicht schon Freunde oder (ehemalige) Kollegen an dir ein Beispiel genommen?

Bernhard: Das ist mir soweit nicht bekannt. Wäre natürlich schön, wenn ich das mit meinem Blog ändern könnte. Vielleicht kommen wir ja irgendwann in eine Situation wie in Skandinavien, wo es völlig normal ist, dass beide Elternteile in Karenz gehen.

Dein Rat an alle zukünftigen Väter, die mit dem Gedanken an die Karenz spielen: Was sollte man beachten und wie gelingt ein guter Start?

Bernhard: Wichtigster Rat, wenn es Überlegungen in diese Richtung gibt: Tu es! Ich möchte keine Sekunde missen, die ich in den letzten Monaten bei meiner Familie und nicht im Büro verbringen konnte. Ohne der Karenz könnte ich niemals so eine enge Bindung zu meinem Sohn haben. Den Start kann man aus meiner Sicht nicht besonders beeinflussen. Vor allem in den ersten Monaten geben ohnehin die Bedürfnisse des Babys den Takt vor. Ganz wichtig allerdings: Die gemeinsame Zeit von Anfang an genießen.

Martina Kettner

Martina hat zwei Leidenschaften: Schreiben und Fotografieren. Für karriere.at macht sie Ersteres und bloggt am liebsten über alles, was den Arbeitsalltag schöner und Karriereplanung einfacher macht.

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