26. September 2018 · Arbeitsleben · von

Ständig genervt? Vom Dauergrant wieder zu mehr Wohlbefinden

Es gibt gute Tage und es gibt schlechte Tage, letztere scheinen sich bei so manchem Zeitgenossen auffällig oft zu häufen: Immer grantig, ständig gereizt und niemand weiß, wieso genau. Wir haben uns mit Psychologin Christa Schirl über Dauergrantler unterhalten und gefragt was man selbst tun kann, wenn die Stimmung scheinbar grundlos ständig kippt.

Einer der Gründe für die eigene Unausgeglichenheit liegt laut Psychologin Christa Schirl oft einfach in unserer Umwelt begründet: „Wären wir wieder im Neandertal, dann würden wir jetzt vielleicht auf einer Lichtung sitzen, einen Vogel hören, den Wind spüren, viel Grün sehen. Dort würde uns wahrscheinlich wenig nerven. Heute stecke ich hingegen in der U-Bahn, zwischen vielen Menschen, es ist laut, die Luft ist schlecht – rein evolutionsbiologisch finde ich dort alles vor, um genervt zu sein: Menschen mögen keine Enge, keinen Lärm etc. In unserer Lebensumgebung gibt es ganz viele Umweltfaktoren, die für uns nicht sehr gesund sind – schließlich sind wir als Menschen Teil der Natur, nicht Teil eines Gebäudes.“

Von diesen Rahmenbedingungen abgesehen gibt es noch viele weitere Ursachen für die eigene Gereiztheit: Wenn dich etwas aufhält und du nicht weiterkommst, z.B. im Stau steckst oder dein Computer ein Update benötigt, obwohl du bereits auf dem Sprung nach Hause bist. Plötzlich auftretende Situationen können dich ebenfalls stressen, wir Menschen haben es eben gerne berechenbar. Kränkung und Ausgrenzung können ebenfalls dazu führen, ein ständiges Maß an Gereiztheit mit sich herumzuschleppen.

Ursachenforschung: Wenn der Schuh nicht nur sprichwörtlich drückt

Wenn du bemerkst, dass du latent gereizt bist, beginnt die Suche nach der Ursache – und die beginnt laut Schirl im Kleinen: „Es kann z.B. an Hungergefühl und Unterzucker liegen, auch Durst, Kälte oder Hitze können uns stressen. Wer sich zu wenig bewegt, der fühlt sich oft ‚unrund‘. Schmerz ist ebenfalls ein Faktor, der gereizt machen kann. Müdigkeit ist auch ein Grund für Genervtheit – das sieht man gut an Kindern, die quengelig werden, wenn sie übermüdet sind. Das Fehlen von ausreichend Sonnenlicht kann ebenfalls ein Grund für latente Gereiztheit sein. Wer bereits einmal einen ganzen Tag in unbequemen Schuhen oder kratzender, schlecht sitzender Kleidung verbracht hat der weiß auch, wie grantig dieser Umstand machen kann. Es sind diese ganz banalen Dinge, die das Grundsetting für unsere Gefühlslage bilden“, sagt Schirl.

Es lohnt sich also, die kleinen Dinge im Auge zu behalten, bevor man sich an die großen Baustellen im Leben macht. „Ernährt sich jemand ständig ungesund oder bewegt sich nicht ausreichend, dann brauche ich die ganze Psychologie nicht um zu erkennen, dass es hier bereits an den Basics scheitert. Da ist noch gar keine Rede davon, ob der Job noch Freude macht oder erfüllt“, gibt Schirl zu bedenken.

Der Schuh kann natürlich auch sprichwörtlich drücken, z.B. wenn der Job einfach nicht mehr passt, weil sich die eigene Lebenssituation geändert hat. „Der Job hat jahrelang Freude gemacht, die Dienstreisen waren eine spannende und kurzweilige Zeit aber plötzlich will man einfach nicht mehr jede Woche in den Flieger steigen, ist müde und gereizt beim Gedanken, diese Tätigkeit noch jahrelang weiterzuführen. Dann ist man vielleicht schon vor langer Zeit an einem Punkt angelangt, an dem man seine Situation ändern sollte“, sagt Schirl.

Die eigene Gereiztheit zu erkennen, das ist das eine – dann gibt es aber auch noch die Mitmenschen, die schlechte Laune mitertragen müssen. „Im Teamverbund ist es auch wichtig, das zu kommunizieren: Heute habe ich einen schlechten Tag. Sonst fragen sich die anderen ständig: Was habe ich heute falsch gemacht, weil sie so schlecht gelaunt ist? Da gibt es ganz viele Menschen, die so etwas auf sich selbst beziehen. Wenn aber jemand sagt: Ich fühle mich heute nicht gut, ich weiß nicht warum, aber es liegt nicht an euch. Das gibt den Kollegen Sicherheit, sonst überlegen alle: Was ist da los? Habe ich ihm was getan? Und dann entstehen Gerüchte und machen die Runde“, sagt Schirl. Und nicht zuletzt: Es kann nicht jeder Tag gut sein, aber latent schlechte Laune ist ansteckend und schadet auf Dauer nicht nur dir, sondern deinem gesamten Umfeld.

Martina Kettner

Martina Kettner hat zwei Leidenschaften: Schreiben und Fotografieren. Für karriere.at hat sie lange über Karrierethemen gebloggt, jetzt führt sie ihre eigene Karriere in den USA weiter.

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