21. Juni 2017 · Arbeitsleben · von

Wenn nichts mehr geht: Wie man eine Schreibblockade lösen kann

Wohl jeder kennt es: das leere Blatt Papier, heute wohl meist eher der leere Bildschirm. Eine Schreibblockade ist fies und macht sich oft genau dann breit, wenn es wirklich um etwas geht. Wie sie entstehen kann und wie man dagegen ankämpft, verrät im Interview Nicole Hinrichs. Sie ist Profi für alle Fragen rund ums Thema Schreiben und hat ein paar nützliche Tipps parat.

Ursache ist nicht mangelnde Disziplin

Wie entsteht eine Schreibblockade?

Nicole Hinrichs

Nicole Hinrichs: Ihre Ursache liegt in der Regel nicht in schlechten Fähigkeiten oder mangelnder Disziplin der Schreibenden – so wie es oft von Lehrenden oder auch den Schreibenden selbst vermutet wird. Oft sind den Leuten die Anforderungen nicht klar, d.h. sie wissen nicht, was von ihnen erwartet wird. Das liegt häufig daran, dass einerseits viele Schreibaufträge nicht eindeutig gestellt sind und andererseits die Bewertungskriterien nicht immer offengelegt werden. Ein anderer Grund ist, dass die Strategien, die zum Beispiel Studierende in der Schule zur Textproduktion erworben haben, an der Uni plötzlich nicht mehr funktionieren, weil die Textsorten an sich und auch die Anforderungen an das fertige Produkt ganz andere sind. Wer jahrelang Strategien und Techniken für einen 100-Meter-Sprint kennengelernt und eingeübt hat, wird vermutlich scheitern, wenn er damit versucht, eine Alpenüberquerung zu meistern.

Schreiben ist lern- und lehrbar

Als Studierende sieht man nur die auf der Oberfläche großartig aussehenden Fachtexte, so etwas kann schon hemmen. Viele glauben, so etwas nie verfassen zu können. Sie sehen gar nicht, wie viel Arbeit und insbesondere Überarbeitungszeit in diesen Texten steckt. Aber an der Stelle kann ich beruhigen. Wissenschaftliches Schreiben ist lern- und lehrbar. Das geht nicht in einem kurzen Tutorium im ersten Semester, es bedarf viel Zeit und Übung. Zeit bedeutet, dass es vieler Schreibanlässe bedarf. Personen in Bereichen, in denen wenig geschrieben wird, haben da eindeutig einen Nachteil. Und „Übung“ an sich bedeutet natürlich auch immer sinnvolle Rückmeldung, denn ich muss wissen, was ich schon richtig gemacht habe (sowohl im Arbeitsprozess als auch in Hinblick auf das fertige Produkt), was ich noch verbessern muss und ganz wichtig: wie ich das konkret machen kann.

„Sehe Schreibtypentests skeptisch.“

Haben Sie ein paar kurze Tipps, wie man da wieder raus kommt? 

Nicole Hinrichs: Es gibt unzählige Hilfestellungen, um Schreibblockaden zu überwinden. Letztlich muss jeder ausprobieren, was für ihn in dem Moment hilfreich ist. Ich halte es für unseriös, wenn jemand behauptet, die eine richtige Lösung parat zu haben. Wer glaubt, das eine Rezept zu haben, ignoriert schlichtweg, dass die Ursachen für Probleme sehr unterschiedlich sind. Etwas skeptisch bin ich auch bei den momentan sehr populären Schreibtypentests, die suggerieren, dass man testen kann, was für ein Typ man ist und entsprechend die Lösung für die eigenen Probleme präsentiert bekommt.

Man sollte sich klar werden: Was hindert mich gerade am Schreiben?

Was jedoch immer helfen kann, ist, sich über die Anforderungen und Ziele klar zu werden: Was wird eigentlich von mir erwartet? Was genau will ich Kapitel XY zeigen, in welchen Schritten will ich vorgehen? Helfen kann auch, sich darüber klar zu werden, was einen gerade hindert, weiter zu schreiben. Manchmal kann ein Gespräch helfen, das einen  selbst ins Denken bringt, und auch das Schreiben selbst kann da helfen. Peter Elbow hat als einer der ersten das Freewriting beschrieben, eine Art Denktext nur für sich selbst. Durch das Schreiben ohne inneren Zensor kommt man auf neue Ideen, kann Gedanken strukturieren und vieles mehr. Von Gabriela Ruhmann habe ich zu Beginn meines Studiums einmal folgenden Tipp bekommen: Wenn ich nicht anfangen kann zu schreiben, soll ich mir einen Wecker auf zehn Minuten stellen. In diesen zehn Minuten darf ich den Stift nicht ablegen und muss über mein Schreibprojekt schreiben. Wenn ich will, kann ich danach ja aufhören, aber dann habe ich zumindest zehn Minuten geschrieben, was schon mal mehr ist als den ganzen Tag auf ein leeres Blatt zu blicken.

Den Einstieg ins Schreiben entmystifizieren

Der Einstieg ins Schreiben wird auf diese Weise entmystifiziert. In den meisten Fällen wollte ich danach dann gar nicht mehr aufhören. Schreiben in dieser Form als Denkinstrument zu nutzen, ist für fast alle Schreibenden sehr hilfreich. Zwei allerletzte Tipps noch: Schreiben ist hochkomplex, es besteht aus vielen Teilschritten und vielen verschieden Anforderungen. Daher ist es sinnvoll, die Komplexität zu reduzieren. Das bedeutet, sich nicht stundlang für den einen perfekten Satz zu quälen, sondern das Planen, Entwerfen und Überarbeiten (und selbst diese drei Schritte sind noch sehr groß gedacht) auseinader zu ziehen. Der andere Tipp: mit anderen über das Schreiben sprechen und sich frühzeitig Rückmeldungen auf erste Entwürfe einholen.

Was denken Sie: Verlernen wir durch die neuen Medien zu schreiben?

Nicole Hinrichs: Dass man durch neue Medien das Schreiben verlernt, ist mir etwas zu reißerisch. Es erfordert  mediendidaktisch geschulte Hochschullehrede, die ihre Studierenden dabei unterstützen, verschiedene digitale Geräte mit den verschiedenen  Programmen sinnvoll einzusetzen. Das Lesen und Schreiben am Tablet oder Laptop kann für bestimmte Zwecke Vorteile haben, kann aber – und das haben Studien wie etwa die von Mueller und Oppenheimer 2014 gezeigt – auch Nachteile haben. So wurde z.B. nachgewiesen, dass das Schreiben mit der Hand dazu führt,  dass fremdes  Wissen besser mit bereits vorhandenem Wissen verknüpft werden kann. Natürlich gibt es mittlerweile gute Software, die auch das Lesen erleichtert, mit der man Texte markieren kann und Notizen hinzufügen kann. Meine Erfahrung zeigt mir, dass selbst jüngere Studierende für sich einen Vorteil sehen, wenn sie die Texte, mit denen sie arbeiten, ausgebreitet vor sich haben können. Jeder kann ja einmal selbst für sich ausprobieren, welchen Unterschied es macht, wenn er ein Free Writing mit der Hand anfertigt und eines mit dem Computer.

Der innere Zensor ist am Rechner stärker als auf Papier

Beobachten Sie mal, was sich bei Ihnen verändert, wie das Schreiben mit der Hand Ihre Art und Weise zu denken verändert. Bei mir persönlich merke ich, dass ich Tippfehler am Rechner direkt korrigiere, den inneren Zensor, der mir u.a. sagt, dass ich keine Fehler machen darf, kann ich durch das Tippen viel schlechter ausschalten, wodurch mir kognitive Kapazitäten verloren gehen, die ich gut für’s inhaltliche Danken gebrauchen könnte.

Zur Person: Nicole Hinrichs

Nicole Hinrichs hat in Bochum bis 2007  Germanistik und Komparatistik studiert und 2013 an der Schnittstelle zwischen Schreibwissenschaft und Sprachwissenschaft zum Thema Schreibinteraktionen promoviert. Seit 2010 arbeitet Hinrichs im zweitältesten Schreibzentrum Deutschlands an der Ruhr-Universität Bochum. Dort arbeitet sie mit Studierenden, Forschenden und Lehrenden zu sämtlichen Themen rund um das Schreiben.

Bildnachweis: Shutterstock /jessicahyde, Hinrichs

Heike Frenner

Heike war lange Zeit Autorin für unseren karriere.blog. Als Kollegin und Tastentiger kam uns die Jung-Mama leider abhanden, ihre Texte bleiben aber erhalten.

Durch die Nutzung unserer Angebote erklärst du dich mit dem Setzen von Cookies einverstanden. Mehr erfahren