30. August 2018 · Arbeitsleben · von

Was ist meins, was ist deins? Warum du dein Arbeitsrevier kennen solltest

In der Theorie ist es ganz einfach: Jeder Job hat eine Stellenbeschreibung die festlegt, was in welchem Stundenausmaß zu tun ist – oder auch nicht. Jeder weiß, was und wie viel zu tun ist. In der Praxis sieht es aber oft anders aus. Da werden Aufgaben abgegeben oder kommen dazu, manchmal geschieht das freiwillig, manchmal aber auch nicht. Das Thema „Arbeitsrevier“ begegnet auch Psychologin Christa Schirl in ihrer Beratungstätigkeit immer wieder.

Christa Schirl

Christa Schirl

Bei aller Liebe zur Flexibilität: Beim Thema Arbeitsrevier können sich Kollegen mitunter ins Gehege kriegen: Der eine nimmt, was der andere nicht gerne gibt oder halst sich aus purer Nächstenliebe etwas auf, das er nie wieder losbekommt. „Es ist oft ein schleichender Prozess: Jemand übernimmt eine zusätzliche Aufgabe, vielleicht weil jemand im Team wegfällt oder weil umstrukturiert wird. Aus der Notlösung wird irgendwann Arbeitsalltag und niemand überprüft, ob die neue Arbeitsmenge im Rahmen der normalen Arbeitszeit überhaupt zu bewältigen ist“, sagt Psychologin Christa Schirl.

„Während sich ein Kollege überarbeitet, hätte ein anderer gerne mehr zu tun.“

Die ungeplante Reviererweiterung trifft oft auch Neulinge: „Man beginnt in einem Unternehmen, erweist sich als sehr leistungsbereit und bekommt immer mehr neue Gebiete dazu. Die Task aus der Anfangszeit gehen dann schon routinierter von der Hand, vielleicht kommt sogar ein wenig Langeweile auf. Man freut sich dann über neue Herausforderungen. Der Haken daran: Irgendwann gelangt man an den Punkt, an dem man komplett übersehen hat, manche Aufgaben wieder abzugeben oder auch zu erkennen, dass es dafür im Grunde eine zusätzliche Arbeitskraft braucht.“

Auf diesem Weg kann Ungleichgewicht entstehen und während sich ein Kollege überarbeitet, hätte ein anderer gerne mehr zu tun. Was den Arbeitsbereich angeht ist es deshalb nicht nur wichtig, auf sich selbst zu schauen, sondern auch auf andere.

Um sein eigenes Revier klar abzustecken, empfiehlt Schirl Folgendes:

  • Ganz unabhängig von eigenen Interessensgebieten hinterfragen: Was ist im Rahmen der festgelegten wöchentlichen Arbeitszeit dauerhaft schaffbar?
  • Das Angebot, eine Zusatzaufgabe zu erledigen, nicht sofort annehmen oder ablehnen: „Danke, dass du mich gefragt hast. Ich denke darüber nach.“ Dann überlegen: Habe ich Interesse an dieser Aufgabe? Habe ich die zeitlichen Ressourcen dafür? Was könnte ich dafür abgeben?
  • „Du kannst das als Einzige so richtig gut, möchtest nicht du das machen?“ Lass dich von Komplimenten nicht vorschnell zu einem „Ja, klar!“ hinreißen sondern setze auch jetzt auf die Strategie „Bedanken, Bedenkzeit erbeten, erst dann entscheiden“.
  • Vorsicht vor dem Helfersyndrom. Wer seine Hilfe immer gleich anbietet, halst sich mitunter sehr viel Arbeit auf. Das bedeutet natürlich nicht, dass du Kollegen nicht helfen sollst sondern nur, dass du genau abwägen solltest – vor allem dann, wenn du das Gefühl hast, dass jemand deine Hilfsbereitschaft gerne ausnutzt.
  • Eine Bedenkzeit ist besonders für diejenigen gut, die schnell „Ja“ zu angebotenen Dingen sagen. Auch dann, wenn eine schnelle Antwort gefragt ist: Kurz durchatmen und sich einen Moment Zeit nehmen. Ein bis zwei Minuten Bedenkzeit sind immer drin.
  • Übereifrige Kollegen, die sich in Projekte einmischen möchten, höflich aber bestimmt bremsen: „Danke für dein Angebot, aber das ist mein Projekt und ich komme gut zurecht. Ich komme aber auf dein Angebot gerne zurück, wenn ich es doch nicht schaffen sollte.“

Gut gemeint, aber schwierig: Dem Chef Arbeit abnehmen

Abgesehen von der Arbeitsbelastung können mit dem Verschieben von Reviergrenzen auch noch Rollenkonflikte entstehen. Schirl nennt ein Beispiel: „Angenommen, eine Mitarbeiterin nimmt ihrer Führungskraft laufend eine Sache ab und erledigt diese gut, vielleicht sogar besser. Anfangs fühlt sich diese Unterstützung vielleicht gut an, sie fühlt sich anerkannt und wertgeschätzt. Langsam wird sie aber in ein Minus rutschen: Sie erledigt die Aufgaben, das Lob geht an die Führungskraft, das höhere Gehalt ebenfalls. Sie hat Aufgaben übernommen, die gar nicht ihrer Funktion und Position entsprechen. Wer dauerhaft etwas übernimmt, das gar nicht seiner Funktion entspricht, muss sich fragen: Inwiefern ändert sich jetzt meine Position? Kann bzw. muss ich jetzt etwas einfordern – mehr Geld oder eine offizielle neue Funktion?“

Martina Kettner

Martina hat zwei Leidenschaften: Schreiben und Fotografieren. Für karriere.at macht sie Ersteres und bloggt am liebsten über alles, was den Arbeitsalltag schöner und Karriereplanung einfacher macht.

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