Erstellt am 23. Juli 2020 · Arbeitsmarkt, HR · von

Recruiting in Corona-Zeiten: Was bei der Mitarbeitersuche jetzt anders ist

Lesezeit: 4 Minuten

Die Corona-Krise hat unser Leben in allen Bereichen stark verändert. So auch im Recruiting. Doch bedeuten die hohen Arbeitslosenzahlen das Ende des Fachkräftemangels? Und wo wird gerade besonders stark gesucht? Recruiterin Christina Wurm verräts im Interview.

Dass die vergangenen Monate großen Einfluss auf das Jobwechselverhalten der Österreicherinnen und Österreicher hatten, zeigt unsere aktuelle Studie „Jobwechsel in Zeiten von Corona“. Mehr Menschen sind auf der Suche nach einem neuen Job und auch die Gründe dafür haben sich verändert. Wie diese neuen Rahmenbedingungen das Recruiting beeinflusst haben, erzählt Christina Wurm.

Wie Corona das Recruiting verändert hat

Wie hat sich Ihr Arbeitsalltag in den vergangenen Monaten verändert?

Während des Lockdowns sind einige Aufträge gestoppt beziehungsweise auf Eis gelegt worden, auch wenn sich nun wieder eine leichte Erholung zeigt. Unternehmen schreiben zwar weniger Stellen aus, dafür merke ich, dass nun vermehrt Bewerber aktiv auf mich zukommen, um sich zu bewerben – auch ohne konkrete Stellenanzeige.

Christina Wurm

„Man merkt die derzeitig höhere Arbeitslosigkeit und Verunsicherung.“

Man merkt die derzeitig höhere Arbeitslosigkeit und Verunsicherung bezüglich der Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes. Ich bekomme nun auch vermehrt Rückmeldungen im Rahmen des Active Sourcing. Insbesonders sehr gefragte Bewerber, zum Beispiel im IT-Bereich, haben zuvor oft schon gar nicht mehr geantwortet, da sie von sehr vielen Unternehmen permanent angesprochen worden sind.

Wann haben Sie erste Veränderungen im Recruiting bemerkt?

Ich denke so etwa Ende April/Anfang Mai.

Bringt Corona ein Ende des Fachkräftemangels?

Die Arbeitslosenzahlen sind so hoch wie lange nicht. Macht sich das durch mehr Bewerbungen bemerkbar? Oder anders gefragt: Sind die Zeiten des Fachkräfte- und Bewerbermangels vorbei?

Mit der Arbeitslosigkeit steigt natürlich auch die Anzahl an Bewerbungen. Viele Unternehmen müssen ja nun Arbeitskräfte freisetzen und wir sind meiner Meinung nach noch lange nicht über dem Peak. Fachkräfte werden allerdings meiner Ansicht nach weiterhin Mangelware bleiben – hier ist die Lücke zu groß. Ich denke, hier liegt es an der Regierung, entsprechende Umschulungsmaßnahmen zu setzen. Und entsprechende Initiativen sind ja meines Wissens auch schon angedacht. Nur natürlich kann man nicht jeden in jede Richtung umschulen.

„Fachkräfte werden meiner Ansicht nach weiterhin Mangelware bleiben.“

Aber es gibt auch schon Vorzeigebeispiele, die von Unternehmen selbst initiiert wurden. So werden Mitarbeiter, die zum Beispiel aufgrund der Einschränkungen betroffen sind, im Rahmen einer Personalpartnerschaft mit momentan stark geforderten Unternehmen unbürokratisch befristet beschäftigt und können später wieder zum ursprünglichen Arbeitgeber zurückkehren.

Wenn wieder mehr Bewerber am Markt sind: Ist es jetzt einfacher oder schwieriger, die richtigen Mitarbeiter zu finden?

Einerseits wird es einfacher, da man wieder mehr Auswahl hat, andererseits ist dadurch natürlich auch der Arbeitsaufwand bei der Bewerberselektion wieder größer geworden und automatisierte Bewerbungsverfahren gewinnen immer mehr an Bedeutung.

Bemerken Sie Veränderungen im Bewerberverhalten? Haben sich die Wünsche der Bewerber oder ihre Jobwechsel-Motive geändert?

Die Jobsicherheit ist für viele wieder eines der wichtigeren Motive für einen Wechsel geworden. Man sehnt sich wieder vermehrt nach Stabilität.

Top-Jobs und -Branchen: Was jetzt gefragt ist

In welchen Branchen wurde die Mitarbeitersuche reduziert, in welchen ist sie gleich geblieben oder mehr geworden?

Deutlich bergab geht es natürlich in den stark exportorientierten Unternehmen, der Automobil- und Luftfahrtbranche und den Zuliefererbetrieben. Auch in der Gastronomie und in der Reisebranche gibt es einen deutlichen Rückgang. Eine starke Nachfrage nach Mitarbeitern gibt es klarerweise nach wie vor im IT- und Gesundheitsbereich – dort ist sie sogar noch gestiegen. Auch im Logistikbereich sind Mitarbeiter stark gefragt. In nahezu allen anderen Branchen zeigt die Kurve eher nach unten.

In welchen Branchen ist es schwieriger geworden, gute Kandidaten zu finden? In welchen leichter?

Im IT-Bereich und im Gesundheits-/Pflegebereich ist es nach wie vor schwierig. Überall anders, wo viele Mitarbeiter freigesetzt worden sind, ist es natürlich einfacher geworden, weil man mehr Auswahl hat.

Was sind die aktuellen „Top-Jobs“ – also für welche Stellen und Berufe suchen Unternehmen Ihrer Erfahrung nach momentan die meisten Mitarbeiter?

Alle Systemerhalter sind gefragter denn je. Darunter fallen zum Beispiel der gesamte Gesundheits- und Pflegebereich, Polizei, Feuerwehr, Rettung, Mitarbeiter in der kritischen Infrastruktur und der Grund- und Lebensmittelversorgung. Aber auch IT-Kräfte und bestimmte Fachkräfte im handwerklichen Bereich sind nach wie vor gefragt.

Und auf der anderen Seite: Wo zieht es die Arbeitsuchenden hin und warum? Gibt es aktuell sehr beliebte Jobs oder Branchen? Und was müssen Arbeitgeber Bewerbern aktuell bieten?

Wie schon erwähnt, gewinnt die Sicherheit in instabilen Zeiten eine viel größere Bedeutung. Arbeitgeber im öffentlichen Bereich sind daher beispielsweise wieder beliebter.

Corona als Treiber der Digitalisierung?

Es ist vielfach von einem „Digitalisierungsschub im Recruiting“ die Rede – Stichwort Remote Recruiting, Videobewerbungsgespräch … Wie denken Sie darüber? Notwendiges Übel oder segenreiches Zukunftsmodell?

Dieser Trend hat sich ja schon vor Corona immer mehr abgezeichnet und ist während des Corona-Lockdowns zu einer absoluten Notwendigkeit geworden. Ich denke, dieser Digitalisierungsschub wird nicht nur noch weiter anhalten, sondern sich verstärken. Im internationalen Bereich war es ja schon bisher aus Kostengründen notwendig, zumindest das erste Bewerbungsgespräch online zu führen.

„Den persönlichen Eindruck wird ein Videogespräch nie ersetzen.“

Nun greift man aber auch im nationalen Bereich immer mehr auf Online-Tools zurück – da man nun erkannt hat, dass es sich nicht nur aufgrund der Ausschaltung des Ansteckungsrisikos, aber auch aus Kostengründen bewährt hat. Den persönlichen Eindruck wird ein Videogespräch aber nie ersetzen.

Nachhaltige Veränderungen am Arbeitsmarkt

Ihre Einschätzung: Wird die Corona-Krise den Arbeitsmarkt nachhaltig verändern oder wird alles wieder so, wie es vorher war?

Die Pandemie ist ja nicht aus der Welt und die Ängste, die in der Bevölkerung geschürt wurden, sind nicht komplett verschwunden. So denke ich zum Beispiel nicht, dass die Tourismusindustrie in den nächsten Jahren wieder auf das Niveau der Vorjahre kommen wird. Auch senkt die hohe Arbeitslosigkeit die Kaufkraft, was wiederum dazu führt, dass man derzeit als Privatperson oder Unternehmen vor größeren Investitionen eher zurückschreckt bzw. sich diese einfach nicht leisten kann. Ich denke, die Corona-Krise wird den Arbeitsmarkt langfristig tiefgreifend umstrukturieren.

Mehr über die Arbeitswelt nach der Krise im Podcast:

Zur Person:

Christina Wurm blickt auf langjährige Erfahrung im Personalmanagement namhafter oberösterreichischer Unternehmen zurück. Im Zuge ihrer Tätigkeit als Unternehmensberaterin hat sie sich auf Personalberatung und -entwicklung sowie Bewerbungscoaching spezialisiert. Mit Christina Wurm haben wir uns für das karriere.blog bereits über die Bedeutung von Exit-Gesprächen und Direktansprache von Kandidaten unterhalten.

Lisa-Marie Linhart

Lisas Liebe gilt dem Wort und der Musik. Bei uns kombiniert sie beides zu wohlklingenden Blogbeiträgen mit dem richtigen Groove für Themen, die das Arbeitsleben leichter und die Karriereplanung einfacher machen.