Erstellt am 17. Juli 2019 · Arbeitsleben · von

„Wenn was ist, ruf mich an!“ – Wie dieser Satz deinen Urlaub ruiniert

Lesezeit: 3 Minuten

„Meldet euch, wenn es Probleme gibt“, sagt man vor Urlaubsantritt oft zu den Kollegen, im Glauben, ihnen damit etwas Gutes zu tun. Sich selbst vermiest man dadurch aber oft die freien Tage. Arbeitspsychologin Christa Schirl erklärt, was dieser Satz bewirkt, und gibt Tipps, wie man den Urlaub wirklich arbeitsfrei hält.

Es gleicht einem Naturgesetz: Sobald der nächste Urlaub in greifbare Nähe rückt, wirds stressig in der Arbeit. Plötzlich überschlagen sich die Anfragen, trudeln neue Aufträge ein oder werden Projekte genehmigt, die zuvor monatelang auf Eis lagen. Um den Kollegen nicht einen riesigen Haufen zusätzlicher Arbeit zu hinterlassen, schiebt man also in den letzten zwei, drei Wochen vor dem Urlaub noch fleißig Überstunden und bemüht sich, eine einigermaßen geordnete Urlaubsübergabe hinzubekommen. Die wird dann so schonend wie möglich an die Kollegen weitergegeben, und um das eigene schlechte Gewissen zu beruhigen folgt dann der fatale Satz: „Meldet euch, wenn es Probleme gibt!“ – ein großer Fehler, wie Arbeitspsychologin Christa Schirl erklärt.

Christa Schirl

Christa Schirl

Gute Absicht, schlechte Wirkung

Der Haken an diesem Satz ist folgender, beginnt Schirl: „Das Leben besteht aus Problemen. Wenn die Kollegen das Angebot ernst nehmen und bei jedem Problem anrufen, dann wird man ständig aus dem Urlaub rausgerissen. Wenn man den Kollegen also so etwas sagt, muss man bedenken: Was lieb gemeint ist, kann eine sehr negative Wirkung haben.“ Besonders oft trifft das Menschen, die keine Familie haben oder zuhause Urlaub machen, weiß die Psychologin aus Erfahrung. Einerseits würden sie leichtfertiger mit Erreichbarkeit im Urlaub umgehen, andererseits hätten die Kollegen bei ihnen weniger Hemmungen, diese auch auszunützen. „Den meisten meiner Klienten ist gar nicht bewusst, was sie dieser Satz kosten kann. Im schlimmsten Fall ruiniert er den ganzen Urlaub.“

Familie und Partnerschaft können unter Störungen leiden

Aber was ist schon dabei?, werden sich viele denken. Telefoniert man eben ein wenig und hört sich alle Probleme an. Auf die Frage Soll ich reinkommen? folgt normalerweise ohnehin ein Nein. Auflegen, fertig. So einfach ist es aber nicht, erklärt Christa Schirl. Denn mit dem Auflegen hat es sich keineswegs gleich erledigt. „Für manche Menschen ist die Unterbrechung des Urlaubs nicht schlimm, weil sie gleich wieder abschalten können, aber andere beschäftigt das noch ein paar Tage. Oder schlimmstenfalls den ganzen Urlaub über.“ Die Störung könne sich zudem auch auf das Familienleben beziehungsweise die Partnerschaft auswirken: „Überlegen Sie: Wie fühlt sich mein Partner, wenn die private Zeit immer wieder von der Arbeit unterbrochen wird? Er wird sich wahrscheinlich fragen, wer Ihnen wichtiger ist.“

Den Urlaub nicht im Stand-by verbringen

Die Arbeitspsychologin empfiehlt, den Urlaub auch tatsächlich arbeitsfrei zu halten: „Ich rate dringend dazu, im Urlaub das Handy abzuschalten. Es muss auch Zeiten geben, in denen man nicht erreichbar ist, denn nur aus der Distanz kann man wieder Kraft schöpfen.“

„Ich rate dringend dazu, im Urlaub das Handy abzuschalten.“

Am allerwichtigsten ist es dabei, laut Schirl, gar nicht erst zu sagen: Ruf mich an, wenn was ist. Dann kommen die Kollegen viel weniger in Versuchung. Die Psychologin empfiehlt stattdessen ein Stand-by-System: „Wenn es wirklich nötig ist, sollten Stand-by-Zeiten vereinbart werden, die dann auch als Arbeitszeit gelten, um bei Notfällen abrufbar zu sein.“ In sehr heiklen Phasen, wenn sich die Abwesenheit wirklich negativ auf das Unternehmen auswirken könnte, sollte man den Urlaub zudem lieber verschieben, als gestresst und voll schlechtem Gewissen zu gehen. „Das gilt aber nur für absolute Ausnahmesituationen“, betont Schirl. „Für die Erholung ist es allerdings besser, man schließt das Projekt oder die Situation, die so entscheidend ist, noch gut ab, und kann danach den Urlaub richtig genießen.“ Hat man seine Projekte ordentlich abgeschlossen, fällt es auch leichter, abzuschalten, so Schirl: „Der Geist soll da sein, wo der Körper ist. Denn da, wo ich bin, habe ich Gestaltungsmöglichkeiten.“ Im Urlaub solle man also den Urlaub nützen, in der Arbeit an die Arbeit denken. Eigentlich ganz einfach, doch:

Was tun, wenn es im Urlaub Probleme in der Arbeit gibt?

Manchmal treten aber unvorhersehbare Probleme auf, die ein sofortiges Eingreifen nötig machen. Für diese Fälle hat Christa Schirl ebenfalls einige Tipps: „Am besten ist, man bespricht schon vorab mit den Kollegen, was solche Notfälle sein könnten und wie darauf reagiert wird. Dann kann das anwesende Team schon einiges abfangen.“

„Kann die Person im Urlaub überhaupt helfen?“

Außerdem sollte man vereinbaren, in welchen Fällen man im Urlaub kontaktiert werden darf und wann es nicht nötig ist. Ist man sich nicht sicher, ob man den Kollegen im Urlaub anrufen soll, gibt es eine wichtige Frage zu beantworten, erklärt Schirl: „Kann die Person im Urlaub überhaupt helfen? Das ist entscheidend, bevor ich jemanden kontaktiere. In den meisten Fällen wird das wahrscheinlich nicht so sein. Es bringt also nichts, jemanden über ein Problem zu informieren, an dem er oder sie nichts ändern kann. Das belastet nur unnötig.“

Bildnachweis: shutterstock/tolotola; Peter Baier

Lisa-Marie Linhart

Lisas Liebe gilt dem Wort und der Musik. Bei uns kombiniert sie beides zu wohlklingenden Blogbeiträgen mit dem richtigen Groove für Themen, die das Arbeitsleben leichter und die Karriereplanung einfacher machen.

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