26. Januar 2017 · Arbeitsleben, HR · von

Gestern Kollege, heute Chef: Nur nicht stolpern!

Der erste Arbeitstag als Führungskraft. Gestern noch mit den Kollegen auf Augenhöhe, heute im Chefbüro – allein mit neuen Problemen: Erwartungen von Management und Mitarbeitern. Ex-Kollegen, die plötzlich misstrauisch reagieren. Die Last der Verantwortung, dass Fehlentscheidungen größere Auswirkungen als früher haben und man dafür auch Geradestehen muss. Nicht jede Beförderung macht Neo-Führungskräfte (aber auch Mitarbeiter!) glücklich. Tipps, wie der Draht zum Team nicht abreißt und man als neuer Chef nicht ausbrennt.

Klar, als Führungskraft genießt man Vorteile. Mehr Gehalt am Monatsende, mehr Freiraum bei Entscheidungen und die Möglichkeit, Dinge mitgestalten zu können. Gerade wenn ein einstiger Kollege plötzlich zum Chef wird, sind Neid, Getuschel und Unsicherheit schnell zur Stelle. Was wird sich ändern? Wie wird er sich profilieren? Werden die besten Kumpels in der Abteilung plötzlich bevorzugt? Und wird der Neue auch die Interessen der Abteilung mit breitem Rücken im Gesamtunternehmen verteidigen?

Erwartungshaltung erzeugt Druck

Gerade Neulinge im Chef-Business haben am stärksten an hohen Erwartungen zu knabbern. Das ergab nun eine Umfrage unter 200 HR-Verantwortlichen des Personaldienstleisters Robert Half: Jeder Fünfte (21 Prozent) reiht die gesteigerten Erwartungen an die Spitze der neuen Herausforderungen. Nur knapp dahinter liegen eine effiziente Kommunikation (18 Prozent) und die Entscheidungsfindung (17 Prozent).

Auch Führungskräfte sind Menschen – und reagieren menschlich auf gesteigerten Druck. Und dieser kommt nun von zwei Seiten, nämlich von oben und unten. Die meisten Führungsrollen sind ja sogenannte Sandwich-Positionen, in denen sie zwischen Unternehmensleitung und operativen Mitarbeitern den Vermittler spielen müssen. Grund zum Mitleid? Nicht unbedingt, denn immerhin wird eine Führungsposition in der Regel auch entsprechend vergütet, bringt Prestige und vielen eine höhere Zufriedenheit in ihrer Tätigkeit.

Ob eine neue Führungskraft vom Team akzeptiert wird, hängt ganz wesentlich von der individuellen Kommunikationsfähigkeit, Arbeitsweise und Empathie ab: Positioniert man sich den ehemaligen Kollegen gegenüber eher als „Boss“ oder als „Leader“?

Führungskraft: Boss vs. Leader

Neu als Führungskraft: Zeit ist Erfolg

Sladjan Petkovic, Managing Director bei Robert Half, betont, dass der Faktor Zeit dabei eine wichtige Rolle spielt: „Gerade am Anfang ist es als neue Führungskraft wichtig, schnell in die neue Position hineinzuwachsen. Deshalb empfehle ich dringend, einen Mentor zu finden. Dieser kann bei vielen Fragestellungen Rat geben und helfen, Fehltritte zu vermeiden, die er vielleicht selbst schon gemacht hat.“ Sechs Tipps für angehende oder erst Seit-Kurzem-Führungskräfte hat die Personalberatung anhand des Umfrageergebnisses parat:

  1. Grenze ziehen!
    Einen Luxus müssen Führungskräfte meist abgeben, wenn sie von ihrem Team als Autorität wahrgenommen werden wollen: Den privaten Zugang zu Kollegen. Allzu schnell kommt man in Verdacht, bestimmte Mitarbeiter zu bevorzugen, wodurch man sich angreifbar macht. War der Neo-Chef früher mit Kollegen eng befreundet, sollte diese neue Grenze nicht ohne Erklärung gezogen werden: Bestimmte Dinge gehen als Führungskraft einfach nicht mehr – das erfordert die Professionalität.
  2. Delegieren, delegieren, delegieren!
    Oft fällt es Führungskräften nach einer Beförderung schwer, Dinge zu delegieren, die sie bislang selbst erledigt haben. Arbeitsaufträge an Mitarbeiter zu geben bedeutet jedoch nicht, sich als etwas „Besseres“ darzustellen, sondern effizient zu sein.  Außerdem: Allzu schnell gerät ein Vorgesetzter, der alles selbst erledigt, in den Ruf, nichts aus der Hand geben zu wollen und Mitarbeitern nichts zuzutrauen.
  3. Zeit zum Kennenlernen!
    Kommunikation ist das A und O – auch für neue Führungskräfte. Wer sich Zeit nimmt, seine Mitarbeiter besser kennenzulernen und mit diesen über deren Ziele und Erwartungen (auch an den neuen Chef) zu sprechen, hat möglicherweise schon ein Ass im Ärmel. Es schadet auch nicht, auf diesem Weg mögliche Problemfelder aufzudecken, die man ausräumen könnte.
  4. Vertrauen, zutrauen, unterstützen!
    Eine gute Führungskraft ist nicht, wer jeden Schritt der Mitarbeiter delegiert, verfolgt und dann auch kontrolliert. Mitarbeiter brauchen Freiraum, um sich und ihre Ideen zu entwickeln – aber auch um ihre eigenen Fehler zu machen. Oft entstehen aus diesen wertvolle Inputs für das daily business. Besser als der „Boss“, der sich selbst über die Mitarbeiter stellt, werden „Leader“ vom Team akzeptiert: Führungskräfte, die sich selbst im Prozess sehen und Mitarbeitern beratend und entscheidend zur Seite stehen.
  5. Bedürfnisse ernst nehmen!
    Gestiegene Verantwortung, größeres Arbeitspensum, mehr Probleme: Es gibt Tage und Wochen, in denen sich Führungskräfte von der Fülle an Aufgaben überrollt fühlen. Gerade dann ist es besonders wichtig, auf sich und die eigenen Bedürfnisse zu hören. Pausen einzuhalten, freie Wochenenden und Abende mit der Familie auch wirklich für sich reservieren. Im Gegenzug sollten Arbeitszeiten wirklich gut geplant und auch Zeit für die eigenen Tasks im Kalender vermerkt werden. Dadurch bucht man seine Zeit nicht nur „für andere“, um dann die eigenen Aufgaben erst nach Dienstschluss erledigen zu können.
  6. Erfahrungsschätze nutzen!
    Nicht jede Erfahrung muss man selbst machen. Wer vom Wissen eines erfolgreichen (älteren) Kollegen profitieren kann, hat einen entscheidenden Vorteil. Oft hat dieser Tipps zum Umgang mit Mitarbeitern oder etwa zur optimalen Aufgabenverteilung parat, was die Einarbeitungszeit kürzer macht.

Bildnachweis: Roman Samborskyi, SceneNature / Quelle Shutterstock

Christoph Weissenböck

Christoph Weissenböck macht Kommunikation bei karriere.at. Und dazwischen Blogposts. Schreiben ist für ihn mehr als ein Job.

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