8. Mai 2018 · Arbeitsleben, HR · von

Pfeifen im Job: Fördern oder besser hinausbefördern?

Pfeifen, Blender, Schaumschläger: Sie sind in so gut wie jedem Unternehmen zu finden – Kollegen der Kategorie „Mehr Schein als Sein“. Die Pfeife ist eine besondere Art von Low-Performer. Auf welcher Weise sie einer Organisation Schaden zufügen und ob es bei der Pfeife noch etwas zu retten gibt – Profiler Suzanne Grieger-Langer gibt Einblicke in die Geisteswelt der Pfeife:

Suzanne Grieger-Langer

Suzanne Grieger-Langer

Was unterscheidet die „Pfeife“ vom gemeinen Low-Performer, warum kommt sie im Job damit durch, darf man eine Pfeife verpfeifen und nicht zuletzt: Was sollte man unternehmen, wenn es sich bei der größten Pfeife um die eigene Führungkraft handelt? Profiler Suzanne Grieger-Langer erklärt im Interview, was es mit den sogenannten Pfeifen auf sich hat und wieso man über kurz oder lang um eine Trennung nicht umhinkommt:

„In der Pfeife trifft Geltungsdrang auf Antriebsscheu.“

Wer sind denn die Pfeifen, die uns im Job begegnen können?

Grieger-Langer: Ich definiere das folgendermaßen: Eine Pfeife ist nicht nur von Geburt an, sondern auch beruflich, Sohn oder Tochter, sieht sich kurz vor Kanzler, bekommt aber keine PS auf die Straße. In der Pfeife trifft Geltungsdrang auf Antriebsscheu. Letztendlich beruht dieses Verhalten auf einem Erziehungsfehler: Die Eltern möchten alles richtig machen, beschützen ihr Kind so aber vor dem eigenen Potenzial. Knapp ausgedrückt: Eine Pfeife entsteht, wenn Eltern ihr Kind nicht auf die Welt vorbereiten, sondern die Welt auf das Kind. Das geht natürlich nur mäßig gut. Wir sprechen hier von Menschen, die in völliger Selbstüberschätzung verlangen, dass sich alles um sie dreht und sie auch alles bekommen, was sie sich wünschen. Sie würden das natürlich so nicht zugeben und nehmen sich selbst auch ganz anders wahr.

Die Pfeifen wissen also gar nicht, dass sie so agieren?

Grieger-Langer: Der sicherste Betrug ist der Selbstbetrug. Die Pfeife ist völlig davon überzeugt, Großartiges zu leisten. Kritiker und Zweifler werden als Neider abgetan. Was diese Leute hier tun, nennt man in der Psychotherapie „Grandiosität“. Sie machen die Realität, z.B. eine Arbeitsaufgabe, kleiner und dadurch ihre Leistungen größer. Unterm Strich kommen sie auf diese Weise immer gut weg.

Sie haben die Erziehung zur Pfeife angesprochen: Kann es auch sein, dass jemand erst im Laufe des Berufslebens so wird?

Grieger-Langer: Mit meiner Definition einer Pfeife würde das nicht übereinstimmen, es gibt aber Leistungsträger, die Pfeifen ewig lange durchgetragen haben und irgendwann sagen: Das macht alles keinen Sinn mehr, ich klinke mich jetzt einfach aus. Das sind frustrierte Performer, die im Umfeld von Leistungsakzeptanz sofort wieder aufblühen würden. Nicht, weil dann noch mehr Leistung gefordert wäre, sondern weil sie etwas tun dürfen, das Sinn macht und wofür nicht jemand anderer die Anerkennung einstreifen würde. Das ist ja eine der großen Verletzungen, die Pfeifen einem System zufügen: Sie machen die Leistungsträger mürbe und diese werden, um nicht noch mehr Ärger mit den Pfeifen zu bekommen, mit ihrer Leistung irgendwann nachlassen.

„Pfeifen haben sich nie weiterentwickelt und wollen das auch gar nicht.“

Wie können diese Menschen einem Team oder einem Unternehmen noch schaden?

Grieger-Langer: Pfeifen stehen für Stagnation. Darwin sagte, knapp zusammengefasst, dass nicht die stärkste oder intelligenteste Spezies überleben wird, sondern jene, die sich am besten anpasst. Wenn wir uns die aktuellen technischen Disruptionen ansehen, verlangt das von der Menschheit, zukunftskonform zu werden. Die Pfeifen aber, die sind wie eine menschliche Persönlichkeits-Couchpotato. Sie haben sich nie weiterentwickelt und wollen das auch gar nicht. Stattdessen streuen sie ständig Sand ins Getriebe. Sie sind die menschgewordenen Bedenkträger, aber nicht, weil wirklich etwas zu beachten wäre. Sie nutzen die theatralische Methoden-Diskussion, um nicht ins Tun zu kommen. Der Schaden, den sie zufügen, ist provozierte Stagnation – und damit geht ein Unternehmen pleite.

Schuld sind immer die anderen

Wieso kommen sie damit überhaupt durch? Sind Pfeifen so gut im Vertuschen?

Grieger-Langer: Diese Personen sagen sich selbst, dass sie sehr gut sind, obwohl es inhaltlich stark mangelt, und sie sind sozial sehr kompetent. Auf diese Weise können sie ihr Tun hervorragend kaschieren. Kommt man ihnen auf die Schliche, kontern sie mit Tugendterror. Sie werfen den Performern vor, sie seien schuld daran, wenn etwas nicht läuft: Hättest du mich doch gleich mit ins Boot geholt! Hättest du mich nur genauer instruiert! Es ist immer der andere, der nicht genug geliefert hat. Das ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass man es mit einer Pfeife zu tun hat: Schuld ist immer jemand anderer. Diese Schuldzuweisung geschieht nicht nur ein- oder zweimal, sondern flächendeckend und grundsätzlich.

Führungskräfte sollten für dieses Verhalten also ein Bewusstsein entwickeln und versuchen, ein Muster zu erkennen?

Grieger-Langer: Wenn wir heutzutage nur ein moderates Wachstum haben in einer Zeit, in der Sieben-Meilen-Schritte möglich sind, dann treffe ich entweder extrem schlechte Führungsentscheidungen oder ich dulde Pfeifen im System. Das ist wie eine Fahrt mit angezogener Handbremse. Ich denke, es ist wichtig zu prüfen, ob die abgelieferte Leistung realistisch oder deutlich zu wenig ist. Nicht im Sinne vom Einpeitschen der Mitarbeiter und der Forderung nach noch mehr Leistung, sondern als Evaluierung: Was machen die eigentlich? Und Pfeifen fallen, ist man einmal nah dran, sehr schnell auf. Sie bleiben wirklich deutlich unter der Leistung, die ihre Diplome oder Abschlüsse versprechen, können sich aber sehr gut verkaufen.

Sie haben einmal gesagt, dass Pfeifen „mit der dunklen Seite der Macht arbeiten“.

Grieger-Langer: Genau, sie bedienen sich der Eristik. Das ist die Kunst Recht zu behalten, ohne Recht zu haben. Kommen sie inhaltlich nicht mehr weiter, tauchen sie ab unter die Gürtellinie und werden persönlich. Sie sagen nicht: Das wird mir zu stressig, das ist zu viel für mich. Sie sagen: Der Chef will doch, dass wir hier alle am Zahnfleisch kriechen. Die Attacken werden persönlich und das ist auch ein Grund, warum Führungskräfte Pfeifen nicht einfach hinaussetzen – sie knicken ein vor diesem Tugendterror. Die Pfeife suggeriert, sie würde moralisch höher stehen und greift den, der Leistung fordert, moralisch an: Du bist böse.

„Pfeifen haben Tugendterror ihr Leben lang trainiert.“

Und daraus folgt, dass sich eine Führungskraft von der Pfeife nicht trennt, weil dann wäre sie ja tatsächlich böse?

Grieger-Langer: Ja, denn man hat letztendlich Angst, sich selbst zu bestätigen. Man knickt vor dem großen Kampf ein: Bin ich wirklich ein böser Mensch? Irgendwann gelangt man an einen Punkt, an dem man sagen muss: Jetzt zählt nicht, was diese Person mir vorwirft, sondern das, was mein Job ist. Das ist wirklich viel verlangt von Führungskräften, denn die Pfeifen fangen ja nicht mit ihrem Tugendterror an, sobald es Kritik vom Chef hagelt. Die haben das ihr Leben lang trainiert, die sind darin wirklich gut und in ihrer Manipulation sehr subtil.

Was tut man dann mit Pfeifen? Kann man sie noch fördern oder irgendwie auffangen?

Grieger-Langer: Die Pfeife lebt ja in ihrem Selbstbetrug ganz bequem und wir lassen sie mit ihrem Verhalten durchkommen. Die Energie und der Intellekt der Pfeife dreht sich nicht um das Problem „Wie löse ich meinen Job oder meine Aufgabe“, sondern „Wie löse ich mich von der Aufgabe“. Alles Agieren zielt darauf ab, etwas nicht zu machen – und darin sind sie gut. Wenn ich eine Pfeife fördern wollte, müsste ich mit einer Strenge herangehen, die sie so noch nie erfahren hat und die im Zuge moderner Führung auch nicht mehr en vogue ist. Die Frage ist auch, inwieweit wäre die strenge Führung einer Pfeife kompatibel mit dem Führen der Leistungsträger, die Freiheit benötigen? Das ist in einem Team kaum machbar. Außerdem puffern Pfeifen den Schmerz des Lernens und der Weiterentwicklung ja mit der Selbstrechtfertigung ab, dass alle anderen böse sind. Von daher meine ich: Wieso es ihnen lernen? Das ist einerseits nicht Auftrag der Führungskraft, sondern grundsätzlicher Erziehungsauftrag, andererseits muss sich ein Chef um seine Mannschaft kümmern.

„Wenn Sie den Eindruck haben, dass Ihr Chef eine Pfeife ist – suchen Sie das Weite!“

Was raten Sie Leistungsträgern, die unter Pfeifen leiden? Darf man Pfeifen verpfeifen?

Grieger-Langer: Pfeifen zu verpfeifen ist meines Erachtens nach Bürgerpflicht. Wir haben hier Personen, die erwachsen, aber nicht erzogen sind. Sie haben die emotionale Reife eines Fünfjährigen und schaden mit ihrem Egoismus der Gesellschaft. Wenn wir nicht sehr klar und konsequent damit umgehen, bezahlen die Leistungsträger die Zeche. Wichtig ist hier, der Führungskraft zu erklären, was eine Pfeife ist, woher dieses Verhalten kommt und nicht den Eindruck zu erwecken, dass es hier um einen persönlichen Rachefeldzug gegen eine Person geht. Zeigen Sie auch den entstandenen Schaden auf, sammeln Sie Beweise – sonst steht am Ende Aussage gegen Aussage.

Und was kann man tun, wenn die Pfeife der eigene Chef ist?

Grieger-Langer: In dieser Konstellation muss man die Quadratur des Kreises hinbekommen. Als Mitarbeiter sollen Sie alles leisten – denn Pfeifen lieben Leistungsträger, von denen sie profitieren – es muss aber so aussehen, als hätte der Vorgesetzte das gemacht. Sobald auffliegt, dass Sie der Performer sind, bekommen Sie maximalen Ärger. Plus, der Chef wird ständig im Weg stehen und Wichtiges blockieren. Der Effekt ist: Alles, was Sie nicht erreichen – eben weil die Pfeife Sie blockiert hat – wird Ihnen angekreidet und alles was Sie erreichen, wird der Chef für sich selbst beanspruchen. An diesem Irrsinn brennen Menschen aus, weil sie in dieser Ohnmacht weder vor noch zurück wissen. Deshalb kann ich nur jedem empfehlen: Wenn Sie den Eindruck haben, dass Ihr Chef eine Pfeife ist – suchen Sie das Weite. Auch das ist ein Schaden, den Pfeifen in einem Unternehmen anrichten: Leistungsträger kennen ihren Wert und sehen zu, dass sie Land gewinnen.

Martina Kettner

Martina hat zwei Leidenschaften: Schreiben und Fotografieren. Für karriere.at macht sie Ersteres und bloggt am liebsten über alles, was den Arbeitsalltag schöner und Karriereplanung einfacher macht.

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