10. Oktober 2017 · Arbeitsleben · von

Die Sache mit dem Work-Life-Mythos und 3 Fragen an den Zukunftsforscher

Blickt man heute auf die vor Jahren prognostizierten Trends rund um New Work zurück, so stellt man fest: Einiges ist zwar eingetreten, anderes hat sich überhaupt nicht bewahrheitet. Möglichen Trends sowie der Beziehung von Menschen und Unternehmen hat sich Trendforscher Matthias Horx im Rahmen seiner Keynote bei der karriere.session in Wien gewidmet.

Matthias Horx

Matthias Horx

Wer kann schon sagen, was die Zukunft bringt? Mit absoluter Sicherheit niemand, aber Trends im Auge zu behalten, das geht. Matthias Horx tut das mit dem Team des zukunftsInstitutes beruflich. Als Trend- und Zukunftsforscher hat er ständig auf dem Radar, was die Zukunft bringen wird. Bei der karriere.session im Wiener Sofitel hat er uns die Megatrends der Arbeitswelt von morgen näher gebracht und auch analysiert, was bisher nicht wie von vielen erwartet eingetreten ist. Drei dieser „Megatrend-Irrtümer“ streifen wir heute noch einmal, außerdem haben wir bei Matthias Horx noch zum Thema „Mythos Work-Life-Balance“ nachgehakt und gefragt, wie sich Arbeitgeber für die Zukunft rüsten müssen.

Zukunftstrends: Was wurde aus den Prognosen?

  1. Alle werden selbstständig
    Bereits vor Jahren wurde verkündet: Das Zeitalter der Lohnarbeit ist vorbei! Dabei ist das Gegenteil der Fall. Der Anteil jener, die projektbezogen oder als Freelancer arbeiten, ist zwar gestiegen – abhängige Arbeitsverhältnisse sind für die Mehrheit der Arbeitnehmer aber nach wie vor die Norm. Allerdings gibt es auch eine große Gruppe neuer Selbstständiger, die genau diese Abhängigkeit von einem einzelnen Arbeitgeber vermeiden möchte.
  2. Arbeit wird ortlos
    Arbeitsverhältnisse werden zwar immer flexibler, abseits vom Home Office erlebt der Treffpunkt Büro jedoch eine neue Renaissance. Unternehmen investieren wieder in attraktive Headquarter und holen die Mitarbeiter zurück ins Büro – und das macht Sinn: Neue Ideen generieren und Innovationen schaffen, das geht nur gemeinsam in der Gruppe – und zwar persönlich, nicht über E-Mails. Das klassische Großraumbüro mit Schreibtischreihen hat dabei aber ausgedient, ein „Creative Office“ muss es sein, mit Rückzugsmöglichkeiten und Kreativzonen. Das bringt Arbeitnehmer wieder zurück zu „Deep Work“: Wir lernen wieder, uns in Ruhe auf eine Sache zu konzentrieren. Schluss mit dem Mythos Multitasking, dazu sind wir laut Horx nämlich nicht geeignet.
  3. Mythos Work-Life-Balance
    „Die Idee, Leben und Arbeit ausbalancieren zu können ist Bullshit“, sagt Horx. Der Versuch, beide Bereiche zu trennen, würde paradoxerweise erst Recht zu Stress fühlen. Work-Life-Balance wird zur unerreichbaren Wunschvorstellung, denn Arbeit und Leben lassen sich nicht gegeneinander ausspielen.

Quo vadis Arbeitswelt?

Sie sagen, Work-Life-Balance sei ein Mythos: Wie gelingt dann die Vereinbarung von Arbeits- und Privatleben?

Horx: Bei Berufen, die nicht aus monotoner Arbeit bestehen, sondern beweglich sind, geht es darum, im Leben Entscheidungen zu treffen, die unwiderruflich sind. Einmal steht der Beruf im Vordergrund, ein anderes Mal das Privat- oder Familienleben. Es ist viel anstrengender, mit zwei überfordernden Situationen zurechtzukommen – z.B. im Halbtagsjob und in der Familie – als einer Sache Priorität einzuräumen: Ich nehme mich für eine bestimme Zeit aus dem Berufsleben heraus und mache nur Projektarbeit von zu Hause aus, um Zeit für die Familie zu haben. Im Grunde geht es darum, die Unbalance zu organisieren. Dazu gehört auch immer Chaos und die Tatsache, dass die Grenze zwischen Privat- und Berufsleben immer mehr verschwimmt. Wir müssen das Chaos umarmen, improvisieren und dürfen uns nicht schämen, eine Entscheidung für das eine und gegen das andere zu treffen. Wir müssen aber davon ausgehen, dass es auch Lebensphasen gibt, in denen wir beruflichen Sinn brauchen. Im Zentrum steht dann auch die Frage: Wer bin ich? Was ist meine Identität?

Flexibilität erfordert die Abkehr von Kontrolle und Abhängigkeit? Sind Unternehmen Ihrer Meinung nach schon ausreichend auf neue Arbeitsmodelle eingestellt?

Horx: Man muss hier unterscheiden zwischen Führung und Kontrolle. Kontrolle würde nur ausschließen, was nicht der Norm entspricht. Die klassische Form von „Command and Controll“ ist aufwändig: Sie müssen Kommandos nach unten tragen, dort müssen sie verstanden werden, dann geht es wieder retour und wird protokolliert. Bis dahin ist das Unternehmen vielleicht schon pleite.  Ein Unternehmen, das in den verschiedensten inneren und äußeren Veränderungsprozessen steckt, muss dauernd Veränderung organisieren. Das geht auf Dauer nur mit Menschen, die das auch tun. Es ist eine Frage der Emanzipation der Mitarbeiter, die dann mehr Selbstverantwortung tragen und mehr Funktionen übernehmen. Nur dann kann die Führung auch abgeben. Die Frage ist, wie man das mit dem Empowerment der eigenen Mitarbeiter hinbekommt. Viele Firmen tun das erst, wenn es zu spät ist. Bis dahin haben sie jede Menge Opportunisten, die der Herde hinterhertrotten – das ist nicht sehr produktiv.

Abhängigkeit von einem Arbeitgeber auf der einen und selbstorganisiertes Arbeiten auf der anderen Seite – da muss es doch auch etwas dazwischen geben. Was müssen Unternehmen als Arbeitgeber anbieten, wenn Menschen nicht mehr 40 Stunden wöchentlich für ein Unternehmen arbeiten möchten?

Horx: Es geht um eine Individualisierung von Arbeitsverträgen und ein ganzes Spektrum, das angeboten wird. Wie in der Beziehungswelt, wo es eine Vielfalt an Ehe- und Partnerschaftsformen des Zusammenlebens gibt, müsste es das auch im Arbeitsleben geben: Abhängig beschäftigt, halb-selbstständig etc. Das lassen Arbeitsgesetze oft nicht zu. Die Tradition dieser Gesetze kommt ja aus einer höheren Gesellschaft, aus der Abhängigkeitsgesellschaft. Diese Art von Freiheit hat keine große Lobby, weil das Bedürfnis nach Sicherheit nach wie vor sehr groß ist. Die kreative Klasse hat keine Gewerkschaft. Start-ups und auch größere Unternehmen experimentieren ja schon mit diesen Formen – siehe Google, wo Mitarbeiter 20 Prozent ihrer Arbeitszeit in eigene Projekte investieren konnten – aber es geschieht oft unterschwellig. Man könnte das noch viel mehr fördern.

Megatrends – ein Fahrplan

Neugierig geworden auf die Megatrends und wohin die Reise führen wird? Einen ersten Fahrplan stellt das zukunftsInstitut unter der Leitung von Matthias Horx hier zur Verfügung. Darüber hinaus gibt es auf der Website noch jede Menge Artikel und Dossiers über das, was die Zukunft auch für die Arbeitswelt bereithält.

zukunftsInstitut Megatrends Map

Bildnachweis: Portraitbild Matthias Horx: Klaus Vyhnalek

Martina Kettner

Martina hat zwei Leidenschaften: Schreiben und Fotografieren. Für karriere.at macht sie Ersteres und bloggt am liebsten über alles, was den Arbeitsalltag schöner und Karriereplanung einfacher macht.

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