15. Februar 2017 · Arbeitsleben · von

Neue Namen besser merken: So geht´s

Wer kennt es nicht? Man stellt sich bei neuen Kollegen vor und schwupps, sind die Namen auch schon wieder vergessen. Gerade als Neuer im Job, aber auch beim Netzwerken mehr als unangenehm. Wie man sein Namensgedächtnis verbessern kann und weshalb die meisten Gehirne bei vier neuen Namen auf einmal streiken, erklären der Weltrekordhalter im Namenmerken, Boris Nikolai Konrad, und Gedächtnisexperte Carsten Brandenberg im Interview.

215 Namen in 15 Minuten

Sie haben unter anderem Weltrekorde im Namenmerken aufgestellt: wie kam es zu diesem Interesse und wie darf man sich das vorstellen: Wie viele Namen können Sie sich in welcher Zeit merken und für wie lange?

Namen besser merken

Boris Nikolai Konrad

Konrad: Als Schüler habe ich zum ersten Mal von Gedächtnistechniken gehört und dachte mir: Hey, das könnte nützlich sein! Darüber habe ich dann auch den Gedächtnissport für mich entdeckt. Besonders die Disziplin Namenmerken hat mir immer gefallen, da sie anders als Zahlenmerken einen direkten Alltagsbezug hat. So war es eine riesige Freude, als ich auf den deutschen Gedächtnismeisterschaften 2010 einen Weltrekord aufgestellt habe, der auch ins Guinness-Buch Einzug fand, indem ich mir 201 Namen zu den passenden Gesichtern in nur 15 Minuten gemerkt habe. Im Dezember 2015 konnte ich dies bei einem Turnier in Istanbul nochmals auf 215 steigern.

Verraten Sie uns, wie Sie das machen?

Konrad: Statt den Namen nur als Wort oder Klang mit dem Menschen zu verbinden, was enorm schwierig ist, nutze ich mein bildhaftes Gedächtnis. Das ist viel größer. Um Namen da hineinzubekommen, überlege ich mir für jeden Namen ein Bild und stelle mir dann die Person vor, wie sie eine Tätigkeit ausführt, die zum Bild passt. Bei Berufsnamen ist das einfach: Frau Fischer stelle ich mir beim Angeln vor, Herrn Weber am Webstuhl. Aber es geht mit komplizierten oder ausländischen Namen genauso. Dann werden kleine, lustige Merkgeschichten draus: Herr Podolski tut sich am Po doll weh, beim Skifahren. Frau Kaczmarczyk sehe ich in meiner Vorstellung eine Katze mit Marzipan füttern. Solche Bilder sind lustig und ungewöhnlich und bleiben daher im Gedächtnis!

Warum aber Bilder? Das erklärt Gedächtnisexperte Carsten Brandenberg:

Tipps Namen besser merken

Carsten Brandenberg

Brandenberg: Es hat mit der Evolution zu tun, dass wir uns Bilder besser merken. Zu Urzeiten musste man sich keine Namen merken, weil Sprache noch nicht existiert hat – es ging also um Gesichter. Man merkt sich also in erster Linie Bilder und bei Namen geht es dann um die Kombination aus Bild und Sprache. Indem man seinem Gehirn mehrere Kanäle anbietet, sich einen Namen zu merken, erleichtert man sich das Ganze. Wenn man einen neuen Namen wiederholt, hat er den Weg in das eigene Gedächtnis gefunden. Weiters hilft die Berührung beim Händeschütteln oder aber ein spezieller Geruch.

Namen merken: Bei fünf auf einmal ist meist Schluss

Gerade im Job ist es oft sehr unangenehm, sich Namen nicht zu merken – große Vorstellrunden, etwa am ersten Arbeitstag, sind so ein Beispiel. Gibt es eine Schätzung oder Faustregel, wie viele Namen sich ein „Normal-Arbeitnehmer“ auf einmal merken kann?

Konrad: Mehr als vier auf einmal ist schon schwer. Unser Kurzzeitgedächtnis hat eine Kapazität von sieben plus/minus zwei „Einheiten“. Ein leichter Name wie Huber ist eine solche Einheit, ein langer Name nimmt gleich mehrere ein. Wer daher ohne Technik vorgeht, wird kaum mehr als vier bis fünf aufnehmen, geschweige denn länger behalten können.

Gibt es Ihrer Erfahrung nach Namen, die man sich generell einfacher merken kann? So nach dem Motto: Je einfacher und gängiger ein Name, desto leichter merkt man ihn sich?

Konrad: Im Allgemeinen gilt das schon. Ein Name den ich kenne, weil ich ihn schon einmal gehört habe, knüpft an dieses Vorwissen an und bleibt so besser hängen. Wer einen neuen Kollegen namens „van der Bellen“ kennenlernt und daher gleich an den Bundespräsidenten Österreichs denkt, wird auch gut in Erinnerung behalten, wie der Kollege heißt. Gefährlich wird es nur, wenn ich nicht aufmerksam bin. Der Gedanke „Müller, das war einfach“ ist da vernichtend. Da ist der vermeintlich besonders einfache Name dann ganz schnell weg, da gerade nirgends eingebunden.

Hilft es sehr, dass man heute online die meisten Menschen mit Foto finden kann?

Brandenberg: Wenig, denn das ist leider sehr eindimensional. Was da trotzdem fehlt ist, jemanden vor sich zu haben, dessen Stimme zu hören und vielleicht sogar den Geruch einer Person wahrzunehmen. Die Internetrecherche ist wie das Lernen für Prüfungen, sehr punktuell und meist schnell wieder vergessen. Der persönliche Kontakt ist für die Erinnerung immer besser.

Keine Sorge: Wird der eigene Name vergessen, hat das nicht unbedingt etwas zu bedeuten

Ist das Namen-Merken eine sehr subjektive Sache, sprich, an Emotionen und Sympathien gebunden? Falls nicht, wovon hängt es dann ab?

Konrad: Nicht unbedingt. Wer sich Namen schlecht merken kann, ist nicht generell uninteressiert. Wer meinen Namen vergisst, hat mich nicht unbedingt unsympathisch gefunden. Es hängt immer davon ab, welche Verbindungen im Hirn entstehen. Ein Name löst vielleicht eine Erinnerung an einen früheren Klassenkollegen aus.  Der bleibt dann gut hängen.

Hat es Ihrer Meinung nach eine Bedeutung, wenn man sich einen Namen absolut nicht merken kann?

Konrad: Keine höhere Bedeutung, die mit der Person zu tun hat, wenn Sie das meinen. Gerade an einem ersten Tag ist es vielleicht schlicht die Nervosität. Unser Gehirn ist mit Botenstoffen überschüttet, viele neue Eindrucke entstehen. Namen sind dann schwierig zu behalten. Wenn ich nach langer Zeit einen Namen immer noch nicht behalten habe, darf ich mich dann schon fragen, ob ich es denn überhaupt versucht habe.Namen merken leicht gemacht

Kann jeder Mensch gut darin werden, sich Namen besser zu merken oder gibt es hier auch so etwas wie „Natur-Anti-Talente“?

Konrad: Ich bin fest davon überzeugt, dass jeder sich verbessern kann. Die Anti-Talente gibt es schon. Dies sind meist nicht Menschen mit einer Schwäche im Namensgedächtnis, sondern beim Gesichtererkennen. „Gesichtsblindheit“ heißt das in seiner ausgeprägtesten Form und betrifft je nach Studie bis zu zwei Prozent aller Menschen. Da für sie viele Menschen gleich aussehen, fällt ihnen oft auch das Namenmerken extrem schwer.

Kann man sagen, ob sich Männer oder Frauen Namen besser merken können?

Brandenberg: Hierzu gibt es einige Studien und die Aussage hat jetzt natürlich keine 100-prozentige Allgemeingültigkeit, aber man sagt, dass Frauen sich Namen besser merken können. Man geht davon aus, dass es daher kommt, da sie in Urzeiten in erster Linie eher mit den emotionalen Dingen, also auch der Kontaktpflege, betraut waren.

Drei Übungen für ein besseres Namensgedächtnis

Herr Konrad, hätten Sie drei einfache Übungen für uns, mit denen jeder sein Namensgedächtnis besonders im beruflichen Kontext verbessern kann?

  1. Jeden Namen, den Sie neu hören, selbst aussprechen. Hallo Frau X, guten Tag Herr Y. Das kann ich nur, wenn ich den Namen verstanden habe. Zur Not nachfragen! Durch das selbst Aussprechen ist der Name erst einmal aufgenommen.
  2. In Bildern denken! Überlegen Sie sich entweder, welches Wort oder welche Worte ähnlich klingen wie der Name oder wen sie schon kennen, der den gleichen Namen hat. Dann stellen Sie sich die Person, die Sie gerade kennenlernen, in einer Aktivität vor, passend zu dem Bild. Ich hatte ja schon ein paar Beispiele erwähnt. Wie Frau Fischer, die ich mir beim Angeln vorstelle.
  3. Beim Fernsehen oder Lesen üben. Wenn in den Nachrichten ein Experte interviewt wird, wird auch der Name eingeblendet. Überlegen Sie sich doch mal ein Bild dafür und merken sich den Namen. Gerade weil es in dem Moment unwichtig ist, ob sie ihn behalten, ist das ein gutes Training für den beruflichen Ernstfall.

Brandenberg: Generell hilft es dem Gehirn, ungewohnte Wege zu gehen, um die Merkfähigkeit zu verbessern. Alles, was ein Gefühl von Langeweile vermittelt, fordert unser Gehirn nicht mehr. Es gilt also, Trampelpfade zu verlassen und Dinge zu verändern. Etwa einen anderen Weg zur Arbeit fahren, das Navi einmal bewusst ausschalten und selbst neue Wege finden oder aber als Rechtshänder einen Tag lang möglichst viel mit der linken Hand zu versuchen. Das Gehirn liebt und braucht die Abwechslung und diese erlangt man, indem man tägliche Routinen durchbricht.

Zu den Personen

Boris Nikolai Konrad ist als Gedächtnistrainer und Neurowissenschaftler am Donders Institut für Kognitionswissenschaften in Nijmegen tätig. Er hält den Weltrekord im Namenmerken und gilt als “Deutschlands Superhirn” (ZDF). Er verzeichnet auch mehrere Einträge im Guinness-Buch der Rekorde und ist unter anderem als Autor “Alles nur in meinem Kopf – Die Geheimnisse unseres Gehirns” tätig.

Carsten Brandenberg ist Gedächtnisexperte an der Memory Clinic Essen und führt unter anderem Gedächtnistestungen durch.

Bildnachweis: Panda Vector / Shutterstock, pathdoc/Shutterstock, Bart van Dieken, Memory Clinic Essen

 

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit 2012 für karriere.at Am liebsten taucht sie durch Interviews in neue (Arbeits-)Welten ein. Als Jungmama liegen ihr die Vereinbarkeit von Familie und Job besonders am Herzen.

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