Erstellt am 23. Mai 2019 · Arbeitsleben · von

karriere.session: Ganz im Zeichen der schönen, neuen Arbeitswelt

Lesezeit: 7 Minuten

New Work, Agile, KI, Bring Your Own Device … diese Buzzwords haben die Arbeitswelt gerade fest im Griff. Alles deutet darauf hin, dass sich unsere Art zu arbeiten sowohl rasant als auch einschneidend verändern wird. Bei der vergangenen karriere.session in Linz wurde das Thema „(R)Evolution Arbeit“ unter verschiedenen Gesichtspunkten näher beleuchtet.

Es scheint, als würde sich gerade alles um „New Work“ drehen. Dabei ist der Begriff schon ziemlich alt – bereits in den 1970er Jahren wurde er durch den Sozialphilosophen Frithjof Bergmann geprägt. Er beschäftigt sich mit der Frage, was Arbeit und Freiheit gemeinsam haben. Darüber zerbrechen wir uns gerade heute den Kopf. In einer Welt, in der plötzliche Veränderungen und die rasante Entwicklung neuer Technologien an der Tagesordnung stehen, werden wir mit vielen Fragezeichen konfrontiert.

Zukunft der Arbeit – Chancen und Herausforderungen

Arbeitsphilosoph Frank Eilers weiß: Die Welt ist VUKA. Volatil, unsicher, komplex, ambivalent. Die Schnelllebigkeit der Gegenwart zwingt uns zur unterbewussten (und vielleicht auch unbewussten) Anpassung an unser Umfeld. Das menschliche Verhalten ändert sich und damit auch die Art der Kommunikation. Und die ist ein wesentlicher Bestandteil der Arbeitswelt. Diese verändert sich vor allem hinsichtlich drei zentraler Aspekte:

Frank Eilers

  • Technologie: Unsere Arbeit wird zunehmend digital, das Analoge wird stetig verdrängt. Kommunikations-Tools wie Slack machen E-Mails obsolet. Bots und Algorithmen mindern die Arbeitslast und übernehmen repetitive Vorgänge.
  • Struktur: Macht es überhaupt Sinn, eine analoge Welt vollständig ins Digitale übersetzen zu wollen? Ist es gut, dass Jobgrenzen verschwinden? Und wie wollen wir in Zukunft ausbilden, wenn wir noch nicht einmal wissen, welche Jobs es in Zukunft überhaupt noch geben wird?
  • Einstellung: Die Frage, wie wir arbeiten und leben wollen, rückt in den Mittelpunkt. Zwischen den Generationen gibt es viele Unterschiede, Flexibilität wird aber für alle wichtiger. Vor der Jahrtausendwende hat der Job das Leben bestimmt, mit der Globalisierung hat sich das aber umgekehrt. Arbeiten wird auch zunehmend ortsunabhängig!

Diese drei Bereiche beeinflussen einander natürlich maßgeblich. In der Praxis ist das Hauptaugenmerk der Unternehmen leider viel zu starr auf die Technologie fixiert, während Struktur und Einstellung eher auf der Strecke bleiben.

Was braucht es also, um sorgenlos in die Zukunft der Arbeit schreiten zu können? Den Blick über den Tellerrand, sagt Frank Eilers. Als Vergleich zieht er den CEO-Austausch der Ottakringer Brauerei und dem Kondomproduzenten Einhorn heran, wo beide Parteien einiges von der Arbeitsweise des jeweils anderen lernen konnten.

Und: „Anders ist besser!“ Die meisten Unternehmen sind darauf fixiert, etwas besser zu machen. Das führt langfristig aber dazu, dass alle dasselbe tun. Dabei verkaufen sich Produkte, die sich von der Konkurrenz abheben – also anders sind – wesentlich besser!

Unterm Strich ist Frank Eilers der Meinung, dass das Ziel Beidhändigkeit sein soll. Also dass wir zum einen das machen, was wir können, gleichzeitig aber auch die Fühler ausstrecken und Neues ausprobieren und Ecken erkunden, die wir bis dato noch nicht gesehen haben.

Der Mensch im Fokus

Und obwohl es unmöglich ist, genaue Prognosen über die nächsten zehn bis dreißig Jahre zu treffen, kann man eines sagen: Der Mitarbeiter muss als Mensch im Mittelpunkt stehen! Kreative, kognitive und analytische Fähigkeiten – also Kopfarbeit – kann nämlich nicht von der sich zunehmend ausbreitenden KI übernommen werden. Dazu braucht es noch uns Menschen – glücklicherweise! Es sind die Routinetätigkeiten, die uns KI in Zukunft abnehmen wird. Können mehr als 70 Prozent eines Jobs maschinell erledigt werden, ist er mittelfristig gefährdet. In Österreich betrifft das circa neun Prozent aller Berufe!

Die tiefgreifenden Veränderungsprozesse bescheren uns sowohl Vor- als auch Nachteile. Flexible Arbeitszeiten finden sich ganz oben auf der Wunschliste von Arbeitnehmern – damit tut sich eine Chance auf eine verbessert Work-Life-Balance auf und in weiterer Folge bedeutet das auch mehr Freiheiten.

Die andere Seite der Münze „Digitalisierung“ sind Abhängigkeit, Überwachung sowie das Gefühl, ständig erreichbar sein zu müssen.

Employer Branding im Kampf gegen den Fachkräftemangel

Eine Arbeitgebermarke – braucht man die überhaupt? In einer Zeit, in der sich Unternehmen zunehmend um Fachkräfte reißen müssen, ja. Denn wie sonst, wenn nicht über eine authentische und starke Selbstpräsentation, will man sich von der Konkurrenz abheben?

„Post and Pray“ funktioniert nicht mehr, seit die Generationen X, Y und Z auf den Plan getreten sind. Zahlenmäßig überschaubar, anspruchsvoll und top ausgebildet befinden sich diese in der vorteilhaften Position, wählerisch zu sein, was die Wahl eines Arbeitgebers anbelangt. Mit akademischen Titeln, einer steilen Karrierekurve oder der Aussicht auf eine lebenslange Anstellung lassen sie sich nicht locken – für sie zählt Selbstbestimmung, Spaß an der Arbeit und eine ausgewogene Work-Life-Balance.

70 Prozent der Arbeitnehmer recherchieren online im Voraus bei Stellenbörsen, auf Karriereportalen oder der Unternehmenswebsite, intensiv über das Unternehmen, bei dem sie sich bewerben möchten. Dabei achten sie penibel darauf, wie der Arbeitgeber sich präsentiert und was er nach außen hin kommuniziert.

Die Arbeitgebermarke schafft hier den ersten Eindruck, für den es ja bekanntlich keine zweite Chance gibt. Sie stiftet außerdem Identität! Aber wie gelingt es, diese Identität herauszuarbeiten? Zunächst gilt es herauszufinden, wie die eigenen Mitarbeiter das Unternehmen wahrnehmen und wo sie dessen Stärken und Schwächen sehen. Ein wichtiger Punkt ist auch die klare Abgrenzung zur Konkurrenz: Was mache ich besser als mein Mitbewerb? Auch die Frage, welches Image bis dato aufgebaut wurde und wie das Unternehmen am Arbeitsmarkt positioniert ist, darf nicht außer Acht gelassen werden.

All diese Punkte müssen anschließend aufgearbeitet werden. Die Zielgruppe sollte klar definiert sein, um auch die gewünschten Bewerber anzulocken – dabei kann die Erstellung von Personas hilfreich sein. Ehrlichkeit und Authentizität sind zwei essenzielle Stichworte. Es hat keinen Sinn, eine Schweinwelt zu konstruieren, wenn dahinter nichts als heiße Luft ist. Bewerber kommen leeren Versprechungen früher oder später auf die Schliche und verschwinden dann ebenso schnell, wie sie gekommen sind. Also: Immer bei der Wahrheit bleiben, sich aufs Wesentliche konzentrieren und immer weiterentwickeln!

F**ck Up: Gescheiter(t) – Fehlschläge gehören dazu

Was wäre ein Berufsleben ohne Niederlagen? Im ersten Moment mag diese Vorstellung verlockend klingen, doch sie bedeutet gleichzeitig Stillstand. Denn da, wo keine Fehler gemacht werden, findet keine Verbesserung statt. Das ist natürlich auch in der Arbeitswelt der Fall. Drei Beispiele fürs Scheitern:

Auch auf der Candidate Journey kann so einiges schiefgehen. Im Rahmen einer Studie zu diesem Thema hat karriere.at versucht herauszufinden, welche Schlüsselmomente es für Bewerber im Bewerbungsprozess gibt, welche Unannehmlichkeiten dabei aufkommen können und was für Erwartungen die Kandidaten haben. Ein ganz zentrales Ergebnis ist die Tatsache, dass jeder dritte Bewerber den Bewerbungsprozess als zu anstrengend empfindet. Vier von zehn Bewerbern haben ihn aus diesem Grund auch schon einmal abgebrochen.

Der erste Eindruck ist – wie so oft – für Bewerber ausschlaggebend. Eine freundliche Kontaktaufnahme sowie eine kurze Rückmeldezeit werden als am wichtigsten erachtet. Auch eine rasche Abwicklung des Bewerbungsprozesses, der nur wenige Stufen haben soll, ist erwünscht. Abschließend erwarten sich Kandidaten, dass das Stelleninserat klar formuliert ist und die Anforderungen seitens des Unternehmens verständlich artikuliert sind.

Aber was darf ein Unternehmen unter einem „schnellen Bewerbungsprozess“ verstehen? Die Rechnung ist eigentlich ganz einfach – insgesamt 21 Tage dürfen zwischen dem Abschicken der Bewerbung bis zur Entscheidung vergehen. Sieben Tage vom Absenden der Bewerbung bis zur Rückmeldung, sieben bis zum Gespräch und  noch einmal sieben bis zur endgültigen Entscheidung.

Das klingt zugegebenermaßen nach einem ziemlich straffen Zeitplan. Als Unternehmen muss man sich aber auch in die Lage des Bewerbers versetzen und verstehen können, dass es unangenehm und lästig sein kann, ewig auf eine Rückmeldung zu warten. Es empfiehlt sich daher, den Bewerbungsprozess fortlaufend zu optimieren und den Kandidaten über seinen Status am Laufenden zu halten. Ein guter Richtwert ist, nach drei bis fünf Tagen die erste Rückmeldung zu geben.

HR-Schwerpunkte: Cultural Fit, Flexibilität und Agilität

Flexibilität und Agilität sind in aller Munde. Fälschlicherweise werden sie oft synonym verwendet, obwohl es einen klaren Unterschied zwischen den beiden Begriffen gibt. Flexibilität ist reaktiv, man reagiert also auf bestimmte Umstände. Agilität hingegen ist die höchste Form der Anpassungsfähigkeit und umfasst proaktives, antizipatives und initiatives Handeln. Sie ist ein essenzieller Faktor für den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit und sichert dadurch das Überleben eines Unternehmens.

Ein agiles Unternehmen muss versuchen, der Konkurrenz stets zwei Schritte voraus zu sein. Innovatives Denken und das Bewusstsein, in einem ständigen Veränderungsprozess zu stehen, sollen ein Anstoß sein, das Unternehmen und die Mitarbeiter gleichermaßen weiterzuentwickeln. Welche Maßnahmen kann man da konkret ergreifen? Kurze Entscheidungswege schaffen, eine positive Kultur fördern, Vertrauensarbeitszeit etablieren oder regelmäßig die Mitarbeiterstimmung abfragen zum Beispiel. Was Agilität nicht bedeutet: Chaos oder ein Arbeiten ohne Strukturen! Aus diesem Grund muss Kommunikation und Reflexion eine zentrale Rolle eingeräumt werden.

Ein agiles Mindset umfasst neben Geschwindigkeit, Anpassungsfähigkeit und Kundenzentriertheit auch den Entschluss, mehr Verantwortung an die Mitarbeiter abzugeben. Um den letzten Schritt zu wagen, müssen aber die richtigen Mitarbeiter am Werk sein. Hier kommt der in der Branche oft genannte Cultural Fit ins Spiel. Um einer hohen Fluktuation vorzubeugen, muss der Personaler bereits im Bewerbungsprozess herausfinden, wie sehr sich der Bewerber mit dem Unternehmen identifiziert. Das bringt uns zur Arbeitgebermarke zurück: Man muss mit der unternehmenseigenen Kultur vertraut sein und wissen, welche Werte und Ziele vermittelt werden sollen. Nur dann können Personaler erfolgreich einschätzen, ob der Kandidat als neuer Mitarbeiter geeignet ist.

Bewerbung: In Zukunft alles automatisch?

Der War for Talents alias Fachkräftemangel dominiert den Arbeitsmarkt. Wie oben bereits erwähnt, diktiert heutzutage der Arbeitnehmer, wo und unter welchen Bedingungen er arbeiten möchte. Langzeitanstellungen sind eine Seltenheit, die junge Generation wechselt gerne. Dennoch können sich derzeit nur 35 Prozent der Arbeitnehmer vorstellen, den Job zu wechseln. Unter anderem lässt sich damit auch die niedrige Arbeitslosenquote erklären.

Wir wissen mittlerweile auch, dass Bewerber einen möglichst raschen Abwicklungsprozess wünschen, der idealerweise nicht mehr als drei Wochen beansprucht. Die internetaffinen „Digital Natives“ machen es zudem notwendig, den Bewerbungsprozess von Grund auf neu zu denken – Stichwort Digitalisierung und Automatisierung. Welche Vorteile ergeben sich durch die Ausweitung dieser beiden Aspekte? Zum einen führen digitalisierte bzw. automatisierte Bewerbungsprozesse zu mehr Transparenz und Eigenverantwortlichkeit. Andererseits wird die Datenqualität verbessert und der bürokratische Aufwand verringert sich (von den erhöhten rechtlichen Anforderungen durch die DSGVO abgesehen).

Robot Recruiting ist ebenfalls auf dem Vormarsch, also der Einbezug von KI in den Recruitingprozess. Aufgaben, die übernommen werden können, sind beispielsweise die Klassifizierung und Sortierung von Lebensläufen, das Matchen von Bewerbern und Stellen sowie die Vereinbarung von Terminen. Diese Aufgabengebiete werden in den kommenden Jahren mit Sicherheit noch erweitert, da sowohl KI als auch Machine Learning ständig weiterentwickelt werden.

Eine weitere technologische Errungenschaft, die Personalern den Arbeitsalltag erleichtert, sind Chatbots. Diese können als Kanal für die Bewerberkommunikation genutzt werden – eine dezidierte Spezialisierung auf Bewerberansprache und Bewerbungsabwicklung ist bereits möglich. Die automatisierte Beantwortung von Fragen (und das rund um die Uhr), die Optimierung von Conversion Rates (Besucher wird Bewerber) und die automatisierte Vorsortierung bzw. Abwicklung von Bewerbungen zählen zu den Aufgaben, die Chatbots überantwortet werden können.

Über Frank Eilers

Frank Eilers, geboren und aufgewachsen in Ostfriesland, ist mittlerweile in Berlin wohnhaft und hat Technologie- und Innovationsmanagement studiert. Als Keynote Speaker spricht er vor allem über die Zukunftsthemen Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und die Zukunft der Arbeit. Erfolge kann Eilers auch als Podcaster in Formaten wie Arbeitsphilosophen, XING Talk und Bright New Future verbuchen. 2017 wurde er mit dem Coaching Award 2017 für seine Arbeit als „Übersetzer von Zukunftsthemen“ in Vorträgen und Podcasts geehrt.

Bildnachweis: Frank Eilers/Daniel Mühlebach

Bianca Schedlberger

Biancas Traumjob seit Kindertagen? Schriftstellerin, irgendwann. Bis dahin wird für karriere.at fleißig getextet, unter anderem auch Blogposts.

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