Erstellt am 30. November 2020 · Arbeitsleben, HR · von

Das Ende der Großraumbüros? Wie Corona unsere Arbeitsplätze verändert

Lesezeit: 6 Minuten

Großraumbüros gelten als der sichtbare Inbegriff von New Work: Je offener, desto kommunikationsfördernder, agiler und besser. Mit dem Ausbruch der Coronavirus-Pandemie wurden jedoch auch die Nachteile der Großraumbüros deutlich sichtbar. Nicht nur Lärm, sondern auch Krankheitserreger übertragen sich in großen Office Spaces ganz hervorragend … Bringt Corona also ein Ende der Großraumbüros? Wir haben Monika Kanokova, Gründerin von NEW STANDARD.STUDIO gefragt, wie unsere Arbeitsplätze künftig aussehen könnten.

Nicht wenige Unternehmen haben in der Corona-Krise erkannt, dass ausladende Großraumbüros zwar fancy aussehen, doch auf Dauer wohl nicht zeitgemäß sind. Remote Work und Homeoffice haben sich in diesem Jahr weitgehend etabliert und auch im Arbeitsleben geht der Trend in Richtung Reduktion und Nachhaltigkeit. Was also tun mit den übergroßen Büroräumen? Wände einziehen, kleinere Räume mieten oder gleich ganz auf Homeoffice umstellen? Zu diesen Fragen berät Monika Kanokova von New Standard.Studio Unternehmen und hat sie auch für uns beantwortet.

Weg mit Großraumbüros? Wann man Büroflächen reduzieren sollte

Großraumbüros sind seit dem Ausbruch der Coronavirus-Pandemie out – Homeoffice ist in. Sollten Unternehmen ihre Büroflächen also reduzieren?

Innenarchitektin und Beraterin Monika Kanokova

Monika Kanokova

Monika Kanokova: Es hängt stark von der Arbeitsaufgabe ab. Wenn eine Person konzentriert arbeiten muss, während die andere Person ständig telefoniert, dann hat ein Großraumbüro eigentlich noch nie funktioniert. Der Lärmpegel ist oft sehr belastend.

„Die Frage ist nicht, ob man reduzieren soll, sondern ob man das Büro an die Arbeitsaktivität anpassen möchte.“

Mit dem Homeoffice werden viele lernen, dass konzentriertes Arbeiten zuhause oft leichter von Hand geht. Außerdem kann man nebenbei auch den Haushalt erledigen, da man sich die Fahrt ins Büro spart. Die Frage ist daher nicht, ob man reduzieren soll, sondern ob man das Büro an die Arbeitsaktivität anpassen möchte. Activity-Based-Working ist der Fachbegriff dafür, wie sich Büros zukünftig ausrichten werden – nämlich nach der Art der Arbeitsaufgabe, die man verrichten muss.

Ist die Abkehr vom Großraumbüro deiner Meinung nach ein kurzfristiger Trend oder wird er bleiben?

Monika Kanokova: Die Art der Zusammenarbeit war immer schon in einem Wandel, so wie das, was wir unter dem Begriff „Arbeiten“ verstehen. Wenn man die Entwicklung von Großraumbüros historisch betrachtet, dann wurden sie ursprünglich in den USA in den 1950ern für Schriftführer eingeführt. Damals verrichteten auch alle die gleiche Aufgabe. Ein bisschen so wie am Fließband. Ich würde daher sagen, dass Corona jetzt endlich das beschleunigt, was schon längst überfällig war – denn dass Großraumbüros die beste Lösung sind, finde ich, ist eine Illusion.

„Corona beschleunigt, was schon längst überfällig war.“

Ich kann mich bis heute erinnern, als ich Praktikantin in einem renommierten Architekturbüro war – ein Großraumbüro mit Holzparkett und ohne Vorhänge. Als Arbeitsplatz völlig ungeeignet, denn während manche Grundrisse zeichneten, waren andere für die Bauaufsicht zuständig und daher non-stop am Telefon. Ich war damals für Modellbau zuständig und saß in einer kleinen Kammer, die ununterbrochen zum Telefonieren genutzt wurde. Der Hauptraum war einfach zu laut dafür und bot auch keine Privatsphäre.

Nachhaltig und hygienisch: Wie Büroräume konzipiert werden müssen

Großraum vs. Kleinbüro: Was sind die Vor- bzw. Nachteile in Bezug auf Arbeitsabläufe,Produktivität, Wohlbefinden, Stimmung und Nachhaltigkeit?

Monika Kanokova: Großraumbüros wurden immer gelobt, da sie Transparenz und Kollegialität fördern. Was ja durchaus stimmt. Mit Corona wird einem bewusst, dass Kleinbüros, um die Zahl der Kontaktpersonen übersichtlich zu halten, eine bessere Lösung wären.

„Es ist menschlich, dass wir uns oft und gerne nahe kommen. Das wird auch Corona nicht ändern.“

Es ist menschlich, dass wir uns oft und gerne nahe kommen. Dass wir gemeinsam lachen. Das wird auch Corona nicht verändern. Daher sollte man sich überlegen, mit welchen Menschen man wie zusammenarbeitet und welche Arbeitsaufgaben sich gut digital meistern lassen. Die Räume müssen diesen Bedürfnissen entsprechen.

Es gibt in unserer Gesellschaft viele Singles und Menschen, die durch ihre Arbeit einen sozialen Anschluss finden, weshalb ich mit Mitarbeiter*innen individuell das Gespräch suchen und sie bei den verschiedenen Prozessen unterstützen würde. Ich denke, die jetzige Situation ist sehr passend, um in Coaching zu investieren. Damit würde man auch den mentalen Herausforderungen zuvorkommen.

Wie können Büroräume konzipiert werden, um gleichzeitig das Ansteckungsrisiko in Krankheitszeiten zu minimieren und möglichst nachhaltig zu sein?

Monika Kanokova: Idealerweise findet man eine gute Mischung zwischen Activity-Based-Workstations, die für den individuellen Bedarf der Arbeitsaufgabe passend eingerichtet sind. Andererseits hat man Teamrooms, in welchen die Kolleg*innen, die tatsächlich zusammenarbeiten, zusammenkommen. Dann würden diese noch mehr von der Transparenz und Kollegialität profitieren. Angenommen würde es dann zum Beispiel die Nachhaltigkeitsbeauftragten näher ans Marketing oder Produktentwicklung bringen, was eine durchaus positive Entwicklung wäre, da auch die Qualität der Interaktionen steigen würde.

„Teamrooms würden die Transparenz und Kollegialität fördern.“

In der weiteren Planung sollte man sich überlegen, ob und wie oft man Parteienverkehr empfängt und wie es sich künftig ändert und durch welche Aktivität es ersetzt wird. Am Ende des Tages braucht jedes Büro mehr Räumlichkeiten, die für Video-Calls ausgestattet sind und die nicht nur platzsparend, sondern auch gemütlich sind.

Wenn Unternehmen jetzt räumlich umstrukturieren wollen: Wie gehen sie am besten vor?

Monika Kanokova: Das ist sehr situationsbedingt und aus meiner Perspektive braucht es einen geführten Workshop, wo man einerseits über die Zukunftsvision spricht, aber auch darüber, wie man zusammenarbeiten möchte. Erst dann kann man entscheiden, welcher Mix der Möglichkeiten der richtige für das jeweilige Team ist – denn in einem Technologie-Startup sieht die Arbeitssituation ganz anders aus, als bei einem Beratungsunternehmen für Endkonsumenten zum Beispiel.

Wie so eine Umstrukturierung gelingen kann, haben wir in diesem Artikel beschrieben:

Blick in die Zukunft: Bald nur noch Homeoffice?

Ist Home Office für jeden die richtige Lösung?

Monika Kanokova: Nach Jahren im Homeoffice kann ich nur sagen, man braucht Rituale, damit man sich damit langfristig wohl fühlt. Ich habe mir, zugegeben, damals einen Hund geholt, der es mir einfacher macht. Jetzt gehe auch ich regelmäßig raus und muss gezwungenermaßen ca. alle vier bis fünf Stunden an die frische Luft – was man auch ohne Hund sollte.

„Wenn man nicht in einem sozialen Umfeld arbeitet, dann muss man soziale Interaktionen einplanen.“

Das Wichtigste ist, dass man soziale Interaktionen einplanen muss, wenn man nicht in einem sozialen Umfeld arbeitet. Das heißt, ich habe mich zum Beispiel immer zum Mittagessen oder zum Kaffee am Nachmittag verabredet. Wenn ich wusste, dass ich mittags Zuhause esse, habe ich schon in der Früh vorgekocht, um meinen Arbeitsflow nicht zu unterbrechen und trotzdem etwas Nahrhafteres als Pasta mit Tomatensoße zu essen. Ich habe eine Thermo-Lunchbox, die ich befülle. Wobei, man kann auch zum Beispiel einmal oder zweimal pro Woche vorkochen und es dann aufwärmen. Wenn ich allein esse, dann habe ich eine Liste an TEDx Talks, die ich mir dann ansehe. So schaffe ich auch Zeit für Weiterbildung.

„Man soll nie von sich selbst und anderen erwarten, den ganzen Tag verfügbar zu sein!“

Was man nie von sich selbst und anderen erwarten sollte, ist, dass man den ganzen Tag vor dem Computer sitzt und ständig im Team-Chat verfügbar ist. Pausen sind sehr wichtig und rausgehen, um andere zu treffen, genauso. Kein Online-Chat ersetzt es, die Wärme eines anderen Menschen zu spüren.

Ein Blick in die Zukunft: Wie sehen Büros im Jahr 2050 aus?

Monika Kanokova: Eine komplexe Frage – Digitalisierung und Nachhaltigkeit haben uns vor Augen geführt, dass wir zurücktreten müssen. Historisch gesehen hat unsere Gesellschaft nämlich noch nie so viel gearbeitet wie heute. Als sich seit den 60er Jahren die Zahl der Arbeitskräfte verdoppelt hat (da plötzlich Männer keine Alleinverdiener mehr waren), hat man die Arbeitsstunden nicht angepasst. Es wurde einfach mehr produziert. Daher musste auch mehr konsumiert werden.

„Teams werden künftig nicht mehr nur in den eigenen Firmenräumlichkeiten zusammenkommen.“

Unsere westlichen Märkte sind mehr als übersättigt – es ist so schwer geworden, Menschen zu überzeugen, etwas zu kaufen, weil wir nicht ständig etwas Neues brauchen. Was sich bis 2050 also auf jeden Fall verändern wird: Es wird mehr auf Service gesetzt, denn mit dem Trend der Kreiswirtschaft werden wir wieder lernen müssen, Sachen zu reparieren und nach Maß bzw. Bedarf aufzubereiten. Computer werden endlich repetitive Aufgaben übernehmen und mehr Menschen werden sich kreativen Hobbies, dem Sport und der Naturverbundenheit widmen. Activity-Based-Working wird zum Standard werden und wahrscheinlich noch flexibler als bisher, denn Teams werden nicht nur in den eigenen Firmenräumlichkeiten zusammenkommen, sondern noch mehr in den dafür entworfenen Plätzen.

Über die Person

Die studierte Innenarchitektin Monika Kanokova ist die Gründerin von NEW STANDARD.STUDIO, ein Studio für systemisches Design, das Unternehmen hilft, nachhaltige Strukturen und Verhaltensweisen zu entwickeln und einfach zu etablieren. Dabei arbeiten sie mit allen Unternehmen, die mehr über Nachhaltigkeit lernen und somit als Unternehmen klimafreundlicher werden wollen.

 

Bildnachweis: shutterstock/Monkey Business Images; Monika Kanokova

Lisa-Marie Linhart

Lisas Liebe gilt dem Wort und der Musik. Bei uns kombiniert sie beides zu wohlklingenden Blogbeiträgen mit dem richtigen Groove für Themen, die das Arbeitsleben leichter und die Karriereplanung einfacher machen.