4. Mai 2018 · Arbeitsleben · von

Gesund bleiben im Job – karriere.talk #4

Was macht ein All-in Vertrag mit unserer Gesundheit, wie erkenne ich, dass ich kurz vorm Burnout stehe und wie überzeugt man offensichtlich überlastete Freunde davon, einen Gang runterzuschalten? Beim karriere.talk #4 haben wir uns dem Thema „Gesund bleiben im Job“ gewidmet und sind auf einige brennende Fragen gestoßen.

Hauptsache gesund! Oder? Wenn es um die Gesundheit geht, verstehen wir keinen Spaß und auch im Arbeitsleben wird das Gesundheitsbewusstsein immer stärker gebildet – eine fantastische Entwicklung! Auszeiten vom Job wie Bildungskarenz, Sabbatical oder der Papamonat stehen so hoch im Kurs wie noch nie und immer mehr Unternehmen schreiben sich Gesundheitsbenefits für die Mitarbeiter auf die Fahnen: gesunde Kantine, ergonomische Büromöbel, After-Work-Yoga…

All-in! Gehst du mit?

Aber gleichzeitig findet seit längerer Zeit ein Paradigmenwechsel statt: Wir bewegen uns vor allem im Bereich der Wissensarbeit weg von der klaren Abgrenzung zwischen Arbeits- und Freizeit und geraten zusehends in das schwierige Fahrwasser des „Always on“-Modells hin Richtung Work-Life-Blending, wo sich Job und Freizeit vermischen. Viele finden: Coole Sache – immerhin bin ich dann nicht daran gebunden in der Zeit zwischen 9 und 17 Uhr kreativ oder leistungsfähig sein zu müssen. Ich kann Leistung bringen, wenn ich es kann und will, zum Beispiel unter der Dusche (wo man ja bekanntlich die besten Ideen hat…).

Die andere Seite der Medaille: Die Arbeit schleicht sich überall hin: Ins Bett, wo die ersten Gedanken nach dem Aufwachen vielleicht dem aktuellen Projekt gewidmet sind, oder zum Familienessen, wenn uns einfällt, noch schnell einen beruflichen Anruf erledigen zu müssen – Bereiche unseres Lebens, die streng genommen der Regeneration vorbehalten sein sollten. Und dieser Change kann nicht so einfach rückgängig gemacht werden, denn Gedanken lassen sich meist nicht so effizient wegsperren, wie ein Produkt, hinter dem man am Ende des Arbeitstages die Tür verschließt und nach Hause geht.

Let´s talk…

Mit unserem 4. karriere.talk am 3. Mai 2018 an der FH Wien der WKW zum Thema „Gesund bleiben im Job“ wollten wir genau solche Themen und Probleme ansprechen. Vier Speaker haben wir uns dazu aufs Podium geholt, um aus unterschiedlichen Perspektiven über das weite Feld der Arbeitsgesundheit zu diskutieren und die Fragen aus dem Publikum zu beantworten. Außerdem haben wir mit Easygoinc. eine kleine Auszeit in Form von einem Wochenende mit einem Campervan im Publikum verlost.

Leistungs- und Gesellschaftsdruck – was wird von mir als Arbeitskraft erwartet? Wer ist eigentlich für die Gesundheit im Job verantwortlich? Ist man als Mitarbeiter selbst fürs Wohlergehen zuständig oder muss auch der Arbeitgeber in die Pflicht genommen werden? Wie erkennt man Zeichen von Überlastung konkret und welche Mittel helfen wirklich weiter?

Hier haben wir die spannendsten Statements unserer Speaker vom karriere.talk #4 für euch zusammengefasst:

Julia Fodor ist ein Tausendsassa – sie hat unter anderem zwei erfolgreiche Blogs hochgezogen und lebt davon, Influencerin zu sein. Do what you love and you’ll never work a day – als sie merkte, dass dieser Spruch nicht stimmt, hat sie sich zuerst selbst eine Auszeit verordnet.

„Wenn man seinen Job wirklich gerne macht, passiert es schnell, dass man Leben und Arbeit verwechselt.“ Julia Fodor, Health- & Fitness-Blogger

„Wenn man seinen Job so gern macht, dass einem gar nicht bewusst ist, dass es Arbeit ist, verwechselt man schon mal den Job mit dem Leben. Ich sehe es immer wieder in den Influencerkreisen, dass #hustlen total in ist – man misst sich mit anderen an der Anzahl von Projekten und findet es toll, nur drei Stunden geschlafen zu haben. Wenn 80 Stunden arbeiten die Woche aber zum Regelfall wird, brennt man irgendwann aus, so wie es auch mir letztes Jahr passiert ist in meinem Hamsterrad. Für mich war es damals sehr wichtig, dass alle in meinem Umfeld verstehen, dass auch ein Traumjob dazu führen kann, dass man krank wird. Mittlerweile achte ich darauf, immer wieder Zeiten zu haben, wo ich nicht erreichbar bin und im Gegensatz zu früher würde ich heute auch einen Job annehmen, ohne die oberste Hierarchieebene anzustreben.“

Julia Fodor beim karriere.talk

Michael Broder ist schon persönlich mit Überlastung im Job in Berührung gekommen und setzt sich als Zuständiger für HR & Recht bei Wewalka auch mit diesen Themen aus der Führungsperspektive auseinander.

„Mitarbeiter müssen lernen NEIN zu sagen – das ist kein Zeichen von Schwäche!“ Michael Broder, HR & Recht Wewalka

„Vor allem Jobeinsteiger sind gefährdet, sich gesundheitlich zu verausgaben: Sie sind meist hochmotiviert, on fire und überschätzen eher ihre Belastbarkeit. Wichtig ist es hier, auf jeden Fall mit dem Vorgesetzten zu sprechen und ganz klar zu sagen Ich möchte Leistung bringen, will aber keine 70-Stunden-Woche haben. Das ist kein Zeichen von Schwäche, denn nur so bleiben Mitarbeiter auch langfristig leistungsfähig – und das sollte auch den Führungskräften klar sein. Bei uns im Unternehmen gibt es beispielsweise eine Mobile-Phone-Policy, die besagt, dass das Firmenhandy im Urlaub aus bleiben soll, nicht nur kann. Ich habe auch persönlich Erfahrungen gemacht mit Be- und Überlastung im Job und habe für mich eine Methode gefunden, die mich künftig davor schützen soll: Ich schreibe auf, wie genau es mir geht, wenns mir schlecht geht, aber auch, wenn es mir sehr gut geht. Das lese ich mir regelmäßig durch und mache mir bewusst, wie sich das angefühlt hat. Außerdem habe ich Freunde und Familie dazu angehalten, mir Bescheid zu sagen, wenn sie das Gefühl haben, dass ich wieder davor stehe, über das Limit zu gehen.“

Elisabeth Kölbel ist HR Lead by mySugr, einem Unternehmen, das mit einer App das Leben von Diabetikern erleichtern will. Da auch viele Mitarbeiter selbst Diabetiker sind, stehen Gesundheitsmaßnahmen auch im Job an der Tagesordnung.

„Eine 30-Stunden-Woche auch für Berufseinsteiger finde ich absolut legitim.“ Elisabeth Kölbel, HR Lead mySugr

„In den Bewerbungsgesprächen bei mySugr erlebe ich immer häufiger, dass sich junge Leute direkt nach dem Studium eine 30-Stunden-Woche wünschen – einfach, um ein ausgewogeneres Leben führen zu können. Ich finde das absolut legitim. Viele fragen dann natürlich Wie kann man sich das gerade als junger Mensch leisten? Dazu muss ich sagen, dass wir natürlich als Unternehmen für eine 30-Stunden-Woche kein Vollzeit-Gehalt bezahlen können. Für einige unserer Mitarbeiter wiegt die zusätzliche freie Zeit allerdings so viel, dass sie dafür einfach kürzer treten, in Wohngemeinschaften wohnen oder kein Auto besitzen. Ich persönlich finde das großartig.“

Gewinnspiel Easygoinc

Gewinnspielchallenge „Schere-Stein-Papier“ – ein Wochenende mit einem Campervan von Easygoinc.

Michael Goth ist als Klinischer- und Gesundheitspsychologe überzeugt, dass Menschen lernen müssen, ihre Gesundheit selbst in die Hand zu nehmen, um schwerwiegenden Krankheiten vorzubeugen.

„Bleibt man mit der Überlastung allein, ist das, als würde man sich selbst aus dem Treibsand ziehen wollen.“ Michael Goth, Neuropsychologe & Gründer

Stress, der gute sogenannte Eustress, ist an und für sich etwas Gutes für unseren Körper – er regt uns zu Höchstleistungen an. Wenn der Stress aber dauerhaft währt und sich keine Entspannungsphasen einstellen können, wird es dem Körper irgendwann zu viel. Es gibt ganz konkrete körperliche Symptome, die mich auf eine dauerhafte Überlastung schon recht bald aufmerksam machen. Etwa regelmäßig auftauchende Zuckungen im Gesicht, Empfindlichkeit hellem Licht gegenüber oder auch Rückenschmerzen – das ist alles sehr individuell und kann bei jedem anders auftreten. Berufsgruppen, die viel Kontakt mit anderen Menschen haben, sind besonders gefährdet, gesundheitlich stark belastet zu sein. Ein Patentrezept gibt es nicht, um gesundheitlichen Überlastungen vorzubeugen oder sie zu heilen. Sport kann aber ein gutes Mittel sein – dann aber auch, ohne übers Ziel hinauszuschießen. Wenn jemand ohnehin schon viel unterwegs ist, bereitet sportliche Betätigung vielleicht zusätzlichen Stress und da kann etwa Meditieren oder Malen zielführender sein. Wichtig ist es, mit dem Gefühl der Überforderung nicht alleine zu bleiben – sich selbst aus Treibsand befreien zu können, funktioniert nicht. Da braucht man dann Unterstützung vom Profi und liebevolle Zuwendung aus dem Umfeld.“

Den gesamten karriere.talk als Livestream hier schauen.

 

Eindrücke vom karriere.talk #4 „Gesund bleiben im Job“

Bildnachweis: Lukas Preisinger

Tanja Karlsböck

Tanja Karlsböck verfasst Blogposts rund umʼs Arbeitsleben, denn Schreiben ist ihre liebste Kulturtechnik.

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