20. Februar 2017 · Arbeitsleben · von

Digitalisierung der Arbeitswelt: Ist mein Job schon in Gefahr?

Digitalisierung erleichtert das Arbeitsleben enorm. Im Gegenzug führt sie aber auch dazu, dass Jobs wegfallen. Das ist kein neues Phänomen, wird uns in den kommenden Jahrzehnten aber verstärkt beschäftigen. Innovationsexperte Jens-Uwe Meyer im Interview über Jobsicherheit in Zeiten der Digitalisierung und Maschinen als neue Arbeitskollegen.

Jens-Uwe Meyer

Jens-Uwe Meyer

Arbeitswelt der Zukunft: Mensch vs. Maschine?

In der Arbeitswelt wird zunehmend standardisiert, automatisiert und digitalisiert. Damit wächst bei vielen auch die Sorge um den eigenen Job. Wird es meinen eigenen Arbeitsplatz in 10, 15 oder 20 Jahren so noch geben? Jens-Uwe Meyer beschäftigt sich in seinem Buch „Digitale Disruption – Die nächste Stufe der Innovation“ mit dem Thema Digitalisierung der Arbeitswelt. Wir haben uns mit ihm über mögliche Szenarien unterhalten und darüber, wie wir mit dieser Entwicklung Schritt halten können.

Digitalisierung als Bedrohung für Arbeitsplätze, Maschinen ersetzen Menschen: Von welchem Zeitraum sprechen wir hier? Was wird sich Ihrer Meinung nach in 10, 20 oder 40 Jahren diesbezüglich tun?

Jens-Uwe Meyer: In den nächsten zehn Jahren werden die Weichen gestellt. Die gute Nachricht: Es sind genau die zehn Jahre, in denen die Babyboomer beginnen, in Rente zu gehen. Von daher werden große Entlassungswellen sicherlich die Ausnahme bleiben. Die schlechte Nachricht: Das bedeutet nicht, dass es gar keinen Stellenabbau geben wird. Was vor allem passieren wird: Frei werdende Arbeitsplätze werden nicht in der gleichen Anzahl neu besetzt werden. In zwanzig Jahren, also wenn die heute 45- bis 50-Jährigen in Rente gehen, wird die Arbeitswelt deshalb eine ganz andere sein.

Wie kann ich herausfinden, ob mein eigener Job von der Digitalisierung bedroht ist?

Jens-Uwe Meyer: Es sind vor allem einfache und schnell standardisierbare Tätigkeiten, die bedroht sind. Beispielsweise jemand der immer wieder das Gleiche tut: Die auf Papier in ein Unternehmen hineinkommenden Daten in ein anderes System überträgt, dort Prüfungen durchführt und diese Daten wieder herausgibt. Solche Arbeitsplätze werden von der Digitalisierung schneller betroffen sein als jemand, der eigenständig Projekte vorantreibt. Das betrifft übrigens nicht nur – und das ist ein häufiger Fehlglaube – Fabrikarbeiter. Sondern auch Steuerfachgehilfen und Versicherungssachbearbeiter. Aber auch Rechtsanwälte, die ihr Geld beispielsweise mit Mandaten verdienen, die im Prinzip nur eine Variation von Standards darstellen. Einen Vertrag für freie Mitarbeiter entwerfen? Einspruch gegen ein Bußgeldverfahren einlegen? Das lässt sich heute bereits zum großen Teil standardisieren.

„Wichtig ist, sich selbst für neue Tätigkeitsbereiche zu öffnen und Qualifikationen zu sammeln.“

Gibt es Strategien, um meinen Job zu sichern?

Jens-Uwe Meyer: Sämtliche Systeme, die aktuell entstehen, müssen konzipiert und entwickelt werden. Dazu braucht es immer zwei Seiten: den Architekten einer Softwarelösung, den Programmierer, aber auch die inhaltliche Komponente. Hier ist das Know-how gerade älterer Fachkräfte sehr gefragt. Wichtig ist es dann, sich den neuen Trends nicht zu verschließen, sondern sich selbst aktiv weiterzubilden. Auch wird es künftig Menschen brauchen, die in Kooperation mit Robotern bzw. algorithmengesteuerten Programmen arbeiten. Das bedeutet, ein Teil des bisherigen Tätigkeitsprofils fällt weg, etwas Neues kommt hinzu. Wichtig ist, sich selbst für die neuen Tätigkeitsbereiche zu öffnen und dort Qualifikationen zu sammeln.

Welche Aufgaben werden Maschinen auch in Zukunft nicht übernehmen können?

Jens-Uwe Meyer: Eine Maschine führt aus, sie stößt selten neue Initiativen und Projekte an. Jeder Bereich, wo menschliche Kreativität gefragt ist und wo Lösungen individuell angepasst werden müssen, lässt sich schwer standardisieren. Der kreative Ingenieur, der Projektleiter auf dem Bau oder der Verkäufer, der Kunden vor allem über empathische Fähigkeiten an sich bindet, all diese Jobs werden nicht ersetzt werden können.

Stichwort Wirtschaftlichkeit: Werden für manche Jobs Arbeitnehmer nicht trotzdem bestehen bleiben, weil diese Arbeitskräfte günstiger sind als Maschinen?

Jens-Uwe Meyer: Die bittere Antwort lautet hier: Maschinen werden in den nächsten Jahren so günstig werden, dass selbst in Billiglohnländern Automatisierung teilweise billiger ist. Vorreiter ist hier der chinesische Hersteller Foxconn, der u.a. das iPhone herstellt. Foxconn hat bereits im vergangenen Jahr in einer Fabrik in Kunshan 60.000 Arbeitsplätze durch Roboter ersetzt. Fast die Hälfte der Mitarbeiter wurde dadurch entlassen.

Zur Person

Dr. Jens-Uwe Meyer ist Autor (u.a. „Radikale Innovation“, „Genial ist kein Zufall“) und Keynote Speaker für das Thema Innovation. Gemeinsam mit internationalen Unternehmen entwickelt er Zukunftskonzepte. Als Wissenschaftler untersucht er, was Unternehmen zu Innovation Leaders macht. Im Verlag Business Village ist sein neues Buch „Digitale Disruption“ erschienen.

Bildnachweis: ra2studio/Shutterstock; Business Village

Martina Kettner

Martina Kettner hat zwei Leidenschaften: Schreiben und Fotografieren. Für karriere.at hat sie lange über Karrierethemen gebloggt, jetzt führt sie ihre eigene Karriere in den USA weiter.

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