Erstellt am 24. November 2020 · Arbeitsleben · von

Corona-Depression: Wie uns die aktuellen Belastungen zu schaffen machen

Lesezeit: 7 Minuten

Aufgrund der außergewöhnlichen Belastungen, die die Pandemie mit sich bringt, leiden viele Menschen derzeit an einer „Corona-Depression“ – weit mehr als üblich. Denn depressive Verstimmungen treten Studien zufolge in diesem Jahr viel häufiger auf als sonst. Was die „Corona-Depression“ auszeichnet, wie sie sich bemerkbar macht und was man tun kann, wenn man selbst, Freunde oder Kollegen Symptome zeigen, haben wir Psychologin Anneliese Aschauer-Pischlöger gefragt.

Es gibt wohl niemanden, den die Ereignisse des heurigen Jahres kalt lassen. Manche schaffen es, trotzdem zuversichtlich und fröhlich zu bleiben, andere haben schwer mit Verunsicherung und Angst zu kämpfen. Das kann zu einer depressiven Verstimmung führen – von Psychologen situationsadäquat „Corona-Depression“ genannt. Wir wollten mehr darüber wissen und haben Psychologin und Resilienz-Expertin Anneliese Aschauer-Pischlöger befragt, die uns heuer schon im Blog und im Podcast hilfreiche Tipps für mehr Stressresistenz gegeben hat.

Teil 1: Was ist die Corona-Depression und wer ist gefährdet?

In den Medien ist vermehrt von „Corona-Depressionen“ zu hören. Stellst du eine Steigerung depressiver Verstimmungen fest?

Anneliese Aschauer

Resilienz-Expertin Anneliese Aschauer-Pischlöger

Anneliese Aschauer-Pischlöger: Ja, ich stelle sehr wohl fest, dass sich zunehmend mehr Menschen in einer Situation zwischen Angst, Frustration, Einsamkeit und Depressionen befinden. Dabei ist es wichtig, dass es dabei um reale Bedrohungen und Einschränkungen einerseits, wie die derzeitigen Isolationsmaßnahmen, die steigenden Infektionszahlen und zum Teil wirtschaftliche Einbußen, aber auch um gefühlte Sorgen und Ängste geht.

 

„Corona stellt auch ein Risiko für die psychische Gesundheit dar.“

Aus meiner Sicht kann man eindeutig sagen, dass Corona nicht nur ein Risiko für die körperliche Gesundheit darstellt, sondern auch für die psychische . Man kann derzeit noch nichts sagen über die psychischen Langzeitfolgen, aber erste Studien zeigen schon, dass Depressionen, Angststörungen und psychische Erkrankungen zugenommen haben.

Wer ist besonders gefährdet, an einer „Corona-Depression“ zu erkranken?

Anneliese Aschauer-Pischlöger: Es zeigt sich, dass vor allem Menschen, die ohnehin sensibel oder vulnerabler, also „durchlässiger“ für Bedrohungen von außen, nun auch gefährdeter sind, dass Ängste und Depressionen stärker auftreten.

Eine repräsentative Studie der Donauuniversität Krems zeigte schon im Mai 2020 auf, dass die depressiven Symptome von den sonst üblichen vier auf zwanzig Prozent angestiegen sind. Ebenso sind die Angststörungen gestiegen. Diese lagen vor Corona bei ca. fünf Prozent, aktuell bei ca. 19. Diese Studie bestätigte auch unsere Studie, wonach besonders Frauen, Singles und Menschen ohne Arbeit unter der Corona-Belastungssituation litten.

Eine Studie von Imas zeigt, dass die Zukunft immer mehr Menschen Sorgen bereitet: Derzeit schauen laut Imas nur 24 Prozent zuversichtlich in die Zukunft, im Februar 2020 waren es noch 48 Prozent, also doppelt so viele. Auch hier zeigte sich, dass vor allem Frauen und ärmere Menschen pessimistisch waren. Gerade auch die wirtschaftlichen Entwicklungen bereiten vielen Menschen für sich selbst und für das Umfeld große Sorgen.

Wir starten Ende November den 3. Teil unserer Studie „Resilienz in der Corona-Krise“. Dort können wir dann in unserer Stichprobe erstmals feststellen, ob sich das psychische Befinden im Laufe der letzten Monate verändert hat und welche Resilienzfaktoren auch längerfristig positiv auf das psychische Befinden in einer lang andauernden Pandemie, also Krisensituation, wirken.

Was die Corona-Depression von anderen unterscheidet

Ist die Corona-Situation wirklich Auslöser von Depressionen oder liegts eher an Arbeitslosigkeit/Kurzarbeit oder auch an der Jahreszeit?

Anneliese Aschauer-Pischlöger: So wie bei allen psychischen Krisen ist es natürlich auch aktuell so, dass stets mehrere Faktoren zusammenkommen. Derzeit ist das Potenzial an Krisenherden im äußeren Leben anzahlmäßig jedoch sicher noch stärker ausgeprägt. So gibt es eine Reihe von Belastungsfaktoren, die aktuell zusammen kommen: die Angst vor einer Ansteckung mit Covid-19 bei sich selbst oder im Umfeld, Isolation und vermehrte Einsamkeit, Angst vor Jobverlust und den wirtschaftlichen Folgen, die Unvorhersehbarkeit der Situation und derzeit auch die trübe Jahreszeit. Dies sind Belastungsaspekte auf der einen Seite. Was mir aber auf der anderen Seite gleich wichtig erscheint, ist, dass es zur Bewältigung von Belastungen starke Kraftquellen und Ressourcen benötigt.

„Die wichtigsten Ressourcen, um Belastungen zu bewältigen, sind derzeit eingeschränkt.“

Diese sind aber derzeit auch stark gemindert: Die wichtigsten Ressourcen wie soziale Kontakte sind im physischen Kontakt eingeschränkt – sowohl im privaten als auch im beruflichen Bereich. Und auch die so wichtigen Bewegungsmöglichkeiten werden durch geschlossene Freizeiteinrichtungen, Fitness-Studios und Bäder für viele dramatisch reduziert. Ereignisse, die uns mit Vorfreude erfüllen, sind ebenso abgesagt wie Adventmärkte, kulturelle Ereignisse und Weihnachtsfeiern. Insgesamt stimmt bereits heute der Ausblick auf ein vielleicht einsames Weihnachten viele Menschen traurig.

Daher ist es jetzt besonders wichtig, sich konsequent auf die vorhandenen Ressourcen und Gestaltungsmöglichkeiten zu konzentrieren. Was ist also trotz der Einschränkungen möglich? Das ist auch eine gute Präventionsmaßnahme.

Wie macht sich so eine „Corona-Depression“ bemerkbar?

Anneliese Aschauer-Pischlöger: Die Corona-Depression lässt sich im Großen und Ganze sehr stark mit den üblichen Depressions-Symptomen beschreiben. Wenn diese depressiven Symptome länger als zwei Wochen anhalten, dann sollte man sich aufraffen, mit jemandem darüber reden und professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.

Anneliese Aschauer-Pischlöger: Was die „Corona-Depression“ aber auszeichnet, sind die spezifischen Belastungen die derzeit auftreten: Home-Schooling gekoppelt mit den Anforderungen im Home-Office, wirtschaftliche Ängste und existentielle Bedrohungen. Die Sorge um den Arbeitsplatz oder ein realer Arbeitsplatzverlust belastet Menschen enorm. Zukunftsängste und Ungewissheit über die Dauer der Krise wirken zusätzlich.

Dazu kommen die Einschränkungen im privaten Umfeld im Hinblick auf Feiern, Treffen. Gerade Menschen, die alleine leben, sind von den Einschränkungen besonders betroffen. Die Angst vor dem weiteren Alleinsein und der Einsamkeit steigt. Dies zeichnet sich in einem erhöhten Ausmaß an gedrückter Stimmung, innerer Unruhe, Nervosität, Angespanntheit, Reizbarkeit, der Neigung zum Grübeln, starken Sorgen und Ängsten aber auch einer inneren Antriebslosigkeit aus.

„Viele Menschen sind mit einer psychischen Müdigkeit in Bezug auf die Pandemie konfrontiert.“

Mittlerweile kommen eine psychische Müdigkeit und Erschöpfung in Bezug auf die Pandemie hinzu, mit der viele Menschen konfrontiert sind. Gleichzeitig wissen wir aber aus der Resilienzforschung, dass Menschen gerade an Krisen und Herausforderungen wachsen können und hierin eine enorme Entwicklungs-Chance liegt. Sicher kommt es dabei immer auf das Ausmaß der Belastungen und die Grenze des Erträglichen an. Eine Kombination aus vielen Krisenaspekten hat leider das negative Potential, irgendwann den Stärksten umzuhauen, weil nicht mehr ausreichend Ressourcen zur Bewältigung zur Verfügung stehen.

Der Umgang mit Symptomen …

… im privaten Umfeld …

Was kann ich tun, wenn ich Symptome bei mir selbst oder bei Freunden/Kollegen erkenne?

Anneliese Aschauer-Pischlöger: Ich empfehle unbedingt, über Ihren Schatten zu springen und Ihre Wahrnehmungen und Sorgen um die anderen unbedingt unter vier Augen anzusprechen. Beobachten Sie eine Zeitlang was Sie konkret wahrnehmen und beschreiben Sie behutsam in einem Gespräch (ev. bei einem Spaziergang in der Natur), was Sie konkret an Veränderungen beim anderen wahrgenommen haben und was Ihnen Sorgen bereitet. Fragen Sie nach, wie es den anderen denn gerade geht.

Ein wichtiger Türöffner um den Anschluss zu finden ist es, auch darüber zu sprechen, wie es Ihnen selbst mit der aktuellen Situation gerade geht. Stehen Sie durchaus dazu, dass auch für Sie selbst manche Dinge gerade nicht einfach sind und Sie beschäftigen.

„Nicht sofort Lösungen anbieten, erst einmal zuhören.“

Wenn sich Ihr Gegenüber öffnet, dann hören Sie einfach mal zu, fragen Sie nach und bleiben Sie einfach präsent. Versuchen Sie jedoch nicht sofort eine Lösung anzubieten. Damit sich Menschen öffnen können, brauchen wir ein Gegenüber, das einfach mal zuhört und sich Zeit nimmt. Erst später im Verlauf des Gesprächs können Sie darüber sprechen, was Ihnen selbst Zuversicht gibt, oder was Ihnen persönlich in dieser Situation hilft und gut tut.

Überlegen Sie gemeinsam, welche Kraftquellen der andere hat oder wieder entfalten könnte und wie er sich wieder den Bereichen zuwenden kann, die er JETZT aktiv gestalten kann. Versuchen Sie, nichts zu beschwichtigen, aber dennoch in einer zuversichtlichen Haltung zu bleiben. Nichts ist hilfreicher und stärkender als das Erleben von Rückhalt, Hoffnung und zuversichtlichen Gedanken.

Wenn Sie depressive Verstimmungen bei einem Kollegen wahrnehmen, dann können Sie, sofern Sie ein gutes Vertrauensverhältnis haben, selbst das Gespräch suchen oder auch ihren Chef darauf aufmerksam machen und diesen bitten, hier mal behutsam ein Gespräch zu suchen.

… und in der Arbeit

Wie können Unternehmen beziehungsweise Führungskräfte bei depressiven Verstimmungen von Mitarbeitern reagieren?

Anneliese Aschauer-Pischlöger: Zunächst wäre es wichtig, dass es ein Klima gibt, in dem Ängste und Sorgen überhaupt geäußert werden dürfen. Wenn es Ihnen also gelingt, eine Kultur zu schaffen, in der offen und vertrauensvoll auch schwierige Themen sowohl jobbezogen als auch persönlich angesprochen werden dürfen, dann stellt dies eine gute präventive Basis dar.

Sehr leistungs- und konkurrenzorientierte Kontexte führen eher dazu, dass sich Menschen mit ihren Gedanken und Problemen, aber auch mit ihren Freuden weniger zeigen. Oft wird gerade online auf die seelische und zwischenmenschliche Ebene vergessen. Führen Sie daher auch bei Online-Jour-Fixes und Team-Meetings eine Check-In Runde mit der Frage ein: „Wie geht es mir gerade? Was beschäftigt mich? Wie geht es mir mit der Situation rund um Corona, Lock-Down etc.“

„Die beste Prävention im Hinblick auf psychische Belastungen ist es, darüber reden zu dürfen.“

Sie können als Führungskraft die Rahmenbedingungen nicht ändern, aber Sie können ein Klima schaffen, in dem Ängste und Sorgen sein dürfen. Die beste Prävention im Hinblick auf psychische Belastungen ist es, darüber reden zu dürfen, als Mensch voll angenommen zu werden und Rückhalt zu finden.

Das Gespräch und der Austausch mit anderen Menschen ist sowohl bei psychischen als auch bei körperlichen Belastungen von hoher stabilisierender Bedeutung. Dabei geht es darum, dass ich mich mit meinen Ängsten auch zeigen darf, mir jemand zuhört – ohne gleich Ratschläge zu geben und mit mir gemeinsam wieder mehr Zuversicht entwickelt.

Veränderungen bei Mitarbeiter/innen sensibel wahrnehmen

Anneliese Aschauer-Pischlöger: Wenn Ihnen konkret auffällt, dass sich ein Mitarbeiter immer mehr zurückzieht oder in Meetings (auch online) ruhiger ist als davor oder auch in einzelnen Nebensätzen sagt, dass es ihm nicht gut gehe oder ihr die Situation sehr zusetzen würde, dann suchen Sie das Gespräch.

Gespräch suchen

Anneliese Aschauer-Pischlöger: Wichtig ist dabei, dass das Gespräch unter vier Augen stattfinden. Fragen Sie einfach mal nach: „Du, wie geht es dir gerade so? Die Situation ist ja wirklich nicht einfach…“. Beschreiben Sie auch, was Sie wahrgenommen haben: „Ich habe den Eindruck, dass du in letzter Zeit sehr ruhig bist, mir kommt vor, dass du dich etwas zurückziehst. Wie siehst du das?

Hilfe anbieten

Anneliese Aschauer-Pischlöger: Fragen Sie auch, ob Sie irgendwie helfen können und bieten Sie die sprichwörtliche „offene Tür“ an. Viele Unternehmen bieten ihren Mitarbeiter/innen auch Unterstützung in Form von Coachings oder psychosozialer Begleitung durch Profis an. So werden vielfach zum Beispiel fünf oder auch zehn Beratungseinheiten pro Mitarbeiter/in bezahlt. Dabei kann es hilfreich sein, bei der Suche nach einem Coach zu unterstützen.

Teil 2: Was tun, um depressiven Verstimmungen vorzubeugen?

Morgen erfährst du: Welche Präventionsmaßnahmen man gegen die „Corona-Depression“ setzen kann und eine Methode für mehr Achtsamkeit im Alltag

Bildnachweis: shutterstock/Photographee.eu; Anneliese Aschauer

Lisa-Marie Linhart

Lisas Liebe gilt dem Wort und der Musik. Bei uns kombiniert sie beides zu wohlklingenden Blogbeiträgen mit dem richtigen Groove für Themen, die das Arbeitsleben leichter und die Karriereplanung einfacher machen.