28. September 2018 · Arbeitsleben · von

Kuscheln für Geld: Einblicke in den Job des Profi-Kuschelns

„Mein Beruf? Ich bin Profi-Kuschler.“ Wie bitte? Wenn auch in deinem Kopf jetzt viele Fragen auftauchen, haben wir heute ein ganz besonders Jobportrait als Lektüre. TEDxVienna-Autorin Alina hat für euch eine Frau mit einem sehr ungewöhnlichen Beruf aufgestöbert und nachgefragt, wie Kuscheln ein Beruf sein kann, warum ihr Team von Berufs-Kuschlern unsere Urbedürfnisse erfüllt und wer diesen Service eigentlich in Anspruch nimmt.

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Elisa Meyer

Elisa Meyer ist Berufskuschlerin

Beruhigen, trösten, besänftigen, heilen: Eine Berührung vermag vieles. Das weiß jeder, der als Kind die tröstende Umarmung der Eltern gespürt hat, nach langer Zeit der Trennung einen guten Freund herzlich umarmen darf oder eine Schulter zum Anlehen oder Ausweinen vorfindet. Der körperliche Kontakt zu Mitmenschen ist für unser Wohlbefinden essentiell, das hat auch die Forschung längst festgestellt. Wie wichtig Berührungen sind, das stellen wir erst dann fest, wenn sie im Leben komplett fehlen. Dieses Bedürfnis nach Nähe und Berührung hat Elisa Meyer zu ihrem Job gemacht. Sie hat die „Kuschel-Kiste“ gegründet und vermittelt Profi-Kuschler mit Kuschelbedürftigen. Wie funktioniert das? Unsere TEDxVienna-Gastautorin Alina hat mit der Gründerin der Kuschel-Kiste Elisa Meyer ein Skype-Interview geführt. Viel Spaß beim Lesen!

Ein Gastbeitrag von Alina Nikolaou vom TEDxVienna-Team.

„Was wir in einer Kuschelstunde wirklich tun, ist einfach da sein. Wir bieten einen sicheren Raum.“

Schon nach den ersten Minuten unseres Gesprächs merke ich, wie ich Elisa auf Anhieb mag. Zweifelsohne macht sie einen sehr offenen, sympathischen und ehrlichen Eindruck. Eine besonnene Frau ist sie, in neutralen Farben gekleidet und unaufdringlich hübsch. Jeden ihrer Sätze beendet sie mit einem hellen, ansteckenden Lachen und das trotz des Interviewthemas. Denn Elisa kuschelt mit einsamen Fremden für 60 Euro pro Stunde.

Du wurdest von amerikanischen Unternehmen inspiriert, die Kuschel-Services anbieten. Wie kam es schließlich zur Gründung der Kuschel Kiste?

„Von der Idee habe ich erfahren, als ich noch in Wien lebte. Besonders inspiriert haben mich Samantha Hess und Kitty Mansfield aus den USA. Ich fand ihre Arbeit sehr beeindruckend – auch in Zusammenhang mit ihrem Business-Hintergrund. So kam es, dass ich zwei Ausbildungen in diesem Bereich absolvierte und da dachte ich mir, ich will ein Unternehmen gründen! Mittlerweile habe ich ein Einzelunternehmen gegründet. Tatsächlich sind die Zahlen viel besser als meine Prognosen. Insgesamt biete ich Veranstaltungen, Gruppenkuscheln, Workshops und Einzelkuschelstunden an“, erwidert sie auf meine Frage und obwohl wir uns nicht im selben Raum befinden ist deutlich zu hören, wie stolz sie auf ihre Arbeit ist.

In welchem Arbeitsverhältnis stehen die KuschlerInnen zu dir und zum Unternehmen?

„Im Moment sind die KuschlerInnen noch nicht angestellt. Man kann nie sagen, wie viele Stunden man am Tag kuschelt. Einige haben ein oder zwei KundInnen pro Monat, andere haben 15“, erwidert sie und macht eine kurze Pause, damit ich die Zahl verdauen kann. „Jeder meldet sein Gewerbe selbst an und ist gleichzeitig Mitglied des Vereins. Die meisten machen es aber nebenberuflich. Die Kuschel Kiste ist also eine Vermittlungsplattform.“

Damit es keine Probleme gibt: Kuscheln nur mit festen Grenzen

Um Profi- KuschlerIn zu werden, muss man zuerst einen verpflichtenden Workshop um 300,- Euro absolvieren. Was genau erwartet einen dort?

„Es geht bei der Kuschel Kiste tatsächlich eher Richtung Therapie: Der Kunde erzählt dir seine Probleme und man kuschelt währenddessen. Im Workshop werden diese Szenen inszeniert und geübt. Der Workshop dauert einen halben Tag und besteht aus einem praktischen Teil, ergänzt mit theoretischen Infos über die biologischen und psychologischen Prozesse des Kuschelns. Man lernt also viel über die Positionen, aber auch über die Ethik dahinter. Denn es können Probleme auftreten, wenn die Grenzen nicht streng eingehalten werden. Zum Beispiel kann es passieren, dass der Kunde das Gefühlt bekommt, man sei befreundet. Dann fallen Aussagen wie ‚Wieso soll ich denn dafür zahlen, du hast du auch etwas davon!‘. Oder es kann sein, dass der Kunde von dir verlangt, dich ihm emotional zu öffnen-  weil er die Beziehung viel intimer interpretiert, als sie eigentlich ist.“

Die Profi-KuschlerInnen treffen die unterschiedlichsten Persönlichkeiten, womöglich werden sie auch mit emotionalen und psychologischen Problemen konfrontiert. Ist ein halbtägiger Workshop für diese Arbeitsumstände denn überhaupt ausreichend?

„Erstens will ich den Workshop auf jeden Fall um ein oder zwei Tage verlängern. Dieser halbe Tag ist nur der Anfang. Zweitens sind wir ja eine Mischung aus Profi und Privatperson. Kann man gut kuscheln, ist schon mal eine Grundlage da. Was wir in einer Kuschelstunde wirklich tun, ist einfach da sein. Wir bieten einen sicheren Raum für die KundInnen. Es ist also die Abwesenheit einer exakten Methode, die Erfolge bringt. Einfach da sein, das reicht.“

Der Preis für eine Kuschelstunde liegt bei 60 Euro. Woraus setzt sich dieser Betrag genau zusammen?

„Zu Anfang war der Preis eindeutig niedriger. Mittlerweile haben wir ihn an den durchschnittlichen Preis einer Massage angepasst. Wir vergleichen uns auch mit so einem Angebot: Man kommt zum Termin, man kuschelt eine Stunde und dann geht man wieder. Es kann sein, dass der Preis noch höher wird, wenn die Nachfrage steigt. Eventuell werden sich in Zukunft daraus zwei Preiskategorien entwickeln, das Wellness-Kuscheln und das therapeutische Kuscheln für KundInnen, die konkret an etwas leiden.“

Wo findet die Kuschelstunde eigentlich statt?

„Ist der Kunde auf Reisen, trifft man sich zuerst in der Hotellobby. Meistens kuscheln wir aber bei uns zuhause. Da fühl ich mich am wohlsten, da ich ja mein Equipment hier habe: meine Kissen, meine Decken,“ erklärt Elisa und mein Blick fällt auf die Couch, auf der sie gerade sitzt. „In meinem Businessplan ist aber auf jeden Fall der nächste Schritt, ein Kuschelstudio zu eröffnen. Die Termine zuhause sind immer abgestimmt, das heißt mein Freund weiß Bescheid, wenn KundInnen kommen. Oder ich sage einfach ‚Am Nachmittag arbeite ich zwei Stunden, geh da lieber was Anderes machen‘, aber für unsere Beziehung ist das vollkommen in Ordnung“, lacht Elisa und strahlt mich durch die Kamera an. „Man bewegt sich ja auf dieser extrem non-sexuellen Schiene. Kann sein, dass die Kundschaft das anders interpretiert, aber wir konzentrieren uns ausschließlich auf das mütterliche Streicheln. 80 Prozent der KundInnen sind übrigens männlich.“

Ich werfe einen Blick auf die noch offenen Fragen in meinem Notizbuch. Die Frau, die die Kuschel Kiste gegründet hat, und ich, wir sind uns auf eine irritierende Art und Weise ähnlich. Wir besitzen dasselbe Wandtuch, wie ich durch die Kamera bemerke. Wir tragen dieselbe Brille und haben viel studiert – beide in Wien. Beide wollen wir die Welt zu einem besseren Ort machen. Ob sie ahnt, dass die Fragen auf meiner Liste immer kritischer werden?

Im Kampf gegen die Einsamkeit

Viele, darunter auch ich, engagieren sich freiwillig und unternehmen gemeinsame Aktivitäten mit einsamen, sozial ausgegrenzten Mitmenschen. Gehalt verlangt man dafür aber nicht. Wie kommt es, dass Kuscheln überhaupt vergütet wird?

„Da sind wir uns ja ähnlich!“, lacht Elisa und ich bin mir nun sicher, dass sie Gedanken lesen kann. „Im Prinzip befinden wir uns da auf demselben Gebiet: Die Bekämpfung der Einsamkeit. Das Konzept war für mich immer ein Business – so habe ich schließlich davon erfahren. Für mich war also die Idee nicht vorrangig, die Menschheit zu retten, sondern von etwas leben zu können, das mir Spaß macht, das ich gut kann und mit dem ich der Gesellschaft dienen kann. Diese drei Punkte sind mir sehr wichtig. Unsere Gesellschaft wird sich bald extrem verändern,“ erzählt Elisa und diesmal bleibt das helle Lachen am Ende ihres Satzes aus. Ihre Stimme wird eine Spur tiefer und ich rücke näher an den Bildschirm heran. „Alte Berufe werden wegfallen und neue werden kommen. Dienstleistungen wie diese werden dabei immer wichtiger werden, weil sie uns vor der Isolation schützen. Das sollte man auch honorieren.“

Heißt das aber, dass man sich alles kaufen kann? Mir macht dieser Gedanke Angst und ich würde gerne deine Meinung dazu hören.

„Wir sind dermaßen isoliert in der Gesellschaft, dass wir eigentlich ziemlich schlimm dran sind. Niemand lebt mehr in einer Gemeinschaft, sondern jeder für sich. Wir müssen wieder zurückkehren, zur Gemeinschaft, doch davor gibt es noch einige Zwischenschritte. Wir sind einer davon.“

Ich bedanke mich für das interessante Gespräch, schließe Skype und starre auf das Wandtuch mir gegenüber – dasselbe Wandtuch, dass ich vor einigen Sekunden an Elisas Wand hängen gesehen habe. Und ich frage mich wann ich meine Eltern, die im Ausland leben, das letzte Mal von ganzem Herzen in den Arm genommen habe. Stelle entsetzt fest, dass es schon zu lange her ist.

Man kann argumentieren, dass Elisas Business die Kapitalisierung von Körperlichkeiten fördert. Dass es suggeriert, man könne sich alles kaufen- auch das, was jeder aus Zuneigung und Aufmerksamkeit erfahren sollte. Dass einsame Menschen Zuflucht, Trost und Entspannung in den Armen eines/r Fremden finden, während bei jeder Umarmung das Kuschel-Preisschild dazu baumelt. Man kann jedoch auch argumentieren, dass sich KundInnen nach einer Kuscheleinheit durchaus glücklicher und vitaler fühlen. Ist denn eine gekaufte Kuschelstunde schließlich nicht besser als gar keine? Bietet die Kuschel Kiste nicht einen sicheren Ort für die Linderung körperlicher und emotionaler Einsamkeit? Trägt sie nicht zur Enttabuisierung einer gesellschaftlichen “Krankheit“ bei? Zumal das Wort Kuschel- „Therapie“ schon darauf hindeutet, dass hier etwas geheilt werden soll.

Ich muss an die zahlreichen positiven Einträge im Kuschel Kiste- Gästebuch denken und an die unausgesprochene Wahrheit, die sie alle stumm teilen: Der Kuschel-Service bekämpft vielleicht ein Symptom, aber nicht die Krankheit selbst. Nämlich die Individualisierung und wie sie sich in Form von Einsamkeit durch die sozialen Synapsen frisst.

Redaktion

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