12. September 2018 · Arbeitsleben · von

Viel Abwechslung über den Wolken: Einblicke in den Job einer Flugbegleiterin

In den nächsten Monaten präsentieren uns Gastautoren des TEDxVienna-Contentteams im Rahmen der Beitragserie ,,Ein Tag im Leben von…“ Berufe, die nicht alltäglich sind. Solche, die außergewöhnlich sind und von der Norm abweichen. Für dieses Interview hat sich Gastautorin Alina mit Maja getroffen. Die junge Frau ist Flugbegleiterin und war bereit, offen über ihren Beruf zu reden: Über ihre Ausbildung, ihren Alltag und das Thema Feminismus in der Flugbegleiterwelt.

Ein Gastbeitrag von Alina Nikolaou vom TEDxVienna-Team.

Schon auf den ersten Blick wirkt Maja wie eine starke junge Frau auf mich. Mehr Managerin als Assistentin. Mehr Macherin als Träumerin. Mehr Pilotin als Flugbegleiterin. Und dennoch unterstützt sie seit fast zwei Jahren mehrere Flüge im Monat, heißt etliche Passagiere willkommen, wird zu einem Bruchteil von so vielen Reiseerinnerungen. Ich wundere mich, wieso.

Was hat dich dazu bewegt, Flugbegleiterin zu werden?

„Wann immer ich in ein Flugzeug stieg, empfand ich diese Aufregung. Nicht nur wegen des Take-Offs, sondern hauptsächlich wegen der Neugierde, einen fremden Ort zu bereisen und bald erkunden zu dürfen. Den Gedanken, dass es als Job viel Spaß machen würde, hatte ich schon immer im Hinterkopf – und dann war ich mit dem College fertig und wusste nicht, was ich machen sollte,“ gesteht sie mir ehrlich und schaut mich dabei direkt an. „Ich begann mich für all diese typischen nine-to-five-Office-Jobs zu bewerben, ohne überhaupt zu wissen, weshalb. Und dann sah ich diese Ausschreibung für die Stelle als Flugbegleiterin, befristet auf fünf Monate. Und ich wusste, dass dies der perfekte Sommer werden würde!“, erklärt sie und ihre Augen blitzen dabei auf vor Freude.

In sechs Bewerbungsrunden zum Flugbegleiter

Wie war die Ausbildung als Flugassistentin für dich?

„Jede Fluglinie bietet wahrscheinlich unterschiedliche Ausbildungsarten an, das heißt, meine Antwort gilt nicht für alle Flugunternehmen auf dieser Welt. In meinem Fall habe ich zuerst meinen CV inkl. Motivationsschreiben eingesendet. Danach kam der erste Online Test, ein sogenannter ‚Kapazitäten-Test‘, bei dem du eine große Anzahl an Fragen beantworten musst, darunter auch viele mathematische Aufgaben. Es ist kein IQ-Test, aber es kommen einige Fragen vor, die zum Beispiel dein Raum- und Vorstellungsvermögen testen.“

Ich ertappe mich, wie überrascht ich von dieser Antwort bin, und muss peinlich berührt feststellen, dass sich mein festgefahrener Stereotyp einer Stewardess nicht mit der Lösung kniffliger Mathe-Aufgaben vereinbaren lässt. Plötzlich bin ich neugierig. Ich will mehr über diesen Beruf wissen und mehr über die junge Frau, die mir aufrecht und selbstbewusst gegenübersitzt.

„Im Anschluss kommt ein Englisch-Test, und dann ein dritter Online-Test: Ein Persönlichkeitstest, bei dem du 200 Fragen über deine Persönlichkeit beantworten musst. Wenn du alle drei Tests bestehst, wirst du zu einem Meet and Greet eingeladen. Das ist ein Tag, den du und andere Kandidaten in einem Raum mit zwei Recruitern verbringen und wo du mehr oder weniger dich selber als die perfekte Flugbegleiterin pitchen musst. Wieso du geeignet für diesen Job wärst, wieso du besser bist als andere für diese Stelle… Außerdem hat man noch ein kurzes Gespräch auf Englisch, um die im Test angegeben Kenntnisse nachzuprüfen. Danach geht man nach Hause. Letztendlich wird man ins Office eingeladen um an einem Rollenspiel teilzunehmen, um sich in einer Simulationssituation zu beweisen. Mit dabei sind auch andere potenzielle Kanditaten und Psychologen, die dich genau beobachten. Anhand deren Beobachtung wirst du dann in die finale Runde eingeladen, wo es zu einem typischen Interview kommt. Das dauert 45 Minuten und du wirst über alles nochmal zusammengefasst befragt. Das heißt, in Summe sind es sechs Bewerbungsrunden.“

Ich versuche mir auszumalen, wie viele Flüge damals während Majas sechs Bewerbungsrunden um die Welt gingen.

„Und danach wirst du aufgenommen!“, bemerkt Maja stolz. „Und dein Kurs beginnt. In meinem vierwöchigen Kurs waren wir insgesamt 12 Personen und man eignet sich Wissen aus zahlreichen unterschiedlichen Bereichen an. Wie man ein Feuer löscht, wie man mit Aggressionen der Passagiere umgeht, wie man ein Flugzeug so schnell und effizient wie möglich evakuiert etc. Immer wieder wird dein Wissen streng kontrolliert, sowohl schriftlich als auch praktisch. Nach vier Wochen hat man dann seinen ersten Flug!“

Wie war dein erster Tag für dich?

„Während des Trainings hast du bereits zwei Flüge innerhalb Europas, wobei du deine Kollegen unterstützen und hauptsächlich beobachten und von ihnen lernen sollst. Mein erster offizieller Flug war nach Uganda. Ich erinnere mich daran, wie nervös ich war! Es gibt keinen Zeitunterschied, aber ich hatte trotzdem Probleme mit der Arbeitszeit. Der Grund dafür: Der Rückflug war nachts. Nach der Ankunft in Uganda habe ich den ganzen Tag vor dem Abflug damit verbracht, so viel wie möglich von der Stadt zu sehen und zu erleben. Ich hatte nur 24 Stunden und ich wollte so viel wie möglich aus dieser Zeit machen! Ich war auf dem Markt, bin zwei Stunden durch die Stadt geradelt, habe so viel wie möglich besichtigt und während alle meine Kollegen die Zeit vor dem Rückflug entspannt verbracht haben, habe ich mich in ein aufregendes aber anstrengendes Tagesprogramm gestürzt. Dementsprechend schnell merkte ich bei der Rückreise, wie sehr ich meine Kapazitäten überschätzt hatte.“ Sie lächelt mich entschuldigend an. „In jedem Beruf ist der erste Tag der vielleicht intensivste, und ich war so erschöpft! Aber ich habe es geliebt. Denn jeder Flug ist anders: ein neues Reiseziel, eine neue Crew, neue Kolleginnen und Kollegen, neue Passagiere…so viele neue Dynamiken, die auf dich warten.“

Fast zwei Jahre sind seit deinem ersten Tag vergangen, und aus fünf Monaten sind fast 24 geworden. Wie kann ich mir einen Tag im Leben einer Flugbegleiterin bzw. eines Flugbegleiters vorstellen?

„Als Flugbegleiter hast du keine Arbeitsroutine, denn es hängt alles von dir ab. Flüge innerhalb Europas sind regelmäßiger und der Jetlag kaum spürbar, interkontinentale Flüge dagegen sind aufwendiger und dementsprechend länger darf man sich am Reiseziel aufhalten, um sich auf den Rückflug vorzubereiten. Deine Präferenzen gibst du vor Erstellung des Schichtplans ein, das heißt, du kannst jeden Monat anders gestalten. Es kommt auch auf den Arbeitsvertrag an, ob man Teil- oder Vollzeit arbeitet. Ich bin aktuell Teilzeit angestellt und beginne bald mit meinem Master, somit habe ich das Glück, viel flexibler zu sein als andere Kollegen, die Vollzeit arbeiten. Die Tage bis zum Rückflug kann man auch so gestalten, wie man möchte. Dafür bekommst du auch ein Budget für Hotel, Essen etc., die Höhe dessen ist abhängig davon, wie teuer der Ort ist. Man kann also nicht von einer allgemeinen Fluganzahl pro Monat ausgehen. Es ist ein sehr individueller Job, was ich absolut schätze.

Ich lerne so viele Menschen aus der ganzen Welt kennen. Passagiere, aber auch Kollegen, und ich bin jedes Mal fasziniert von ihren Geschichten. Es ist ein sehr abenteuerlicher Job und ich muss zugeben, dass ich ihn hauptsächlich wegen des Besuchs neuer Orte gewählt habe und nicht wegen der Zeit im Flugzeug. Was sich auch sehr positiv auswirkt ist die Tatsache, dass ich dank extra Goodies meine Familie und Freunde relativ kostengünstig mit auf Reisen nehmen kann. Ich habe auch genug Zeit, um mich eigenen Projekten zu widmen, vor allem jetzt wo ich nur Teilzeit arbeite. Ich möchte bald einen Podcast launchen, da ich auf jeder Reise so viele starke, bewundernswerte Frauen kennen lerne und ich unsere Gespräche auch mit der Öffentlichkeit teilen möchte.“

Wie lassen sich feministische Ansichten mit Kleidungs- und Schminkvorschriften in der Flugbegleiter- Welt vereinbaren?

„Ich bin Feministin und ich trage gerne Absätze und Kleider. Für mich stellt das keinen Widerspruch dar. Die Regeln besagen, man solle gepflegt aussehen – unfair ist es, dass dies bei Frauen meist als ‚aufwendiger‘ interpretiert wird, wegen dem Make-up und der hohen Schuhe. Bei Männern ist das nicht so. Selbstverständlich dürften Frauen aber auch Hosen tragen. Die Regeln sind im Allgemeinen nicht besonders streng – es ist also eher die Stimmung und die Best Practice der anderen, denen man sich anpasst. Ich habe sehr viel Glück, bei der Airline für die ich arbeite, aber, wenn man den Blick auf die Szene allgemein wirft, so sieht man wenig Diversität. Ich wünsche mir sehr, dass sich das ändert.“

Flugbegleiter sein an einem schlechten Tag – wie leicht oder schwierig fällt es dir, dennoch immer freundlich so vielen Passagieren gegenüber aufzutreten?

Was ich mich nicht traue zu fragen ist: Wie oft ist das Lächeln und das warme „Welcome on Board“ einer Flugbegleiterin oder eines Flugbegleiters aufgesetzt? Eine Maske, die mehrere unausgeschlafene Nächte, erschöpfende Transporte, zu viel Flughafenessen und zu wenig Tassen Kaffee kaschieren soll?
Maja versteht aber sofort, worauf ich mit meiner Frage hinausmöchte.

„Jeder hat mal einen miesen Tag. Doch es gibt Studien, die belegen, dass wenn man sein eigenes Spiegelbild anlacht, sich die eigene Stimmung automatisch ein klein wenig aufhellt. So ist es auch in meinem Beruf als Flugbegleiterin: Jedes Lächeln an die Passagiere trägt dazu bei, dass sich meine Laune verbessert.“
Ich bedanke mich für die ehrliche Antwort und frage abschließend, welche genauen Charaktereigenschaften man haben sollte, wenn man sich für diesen Beruf entscheidet.
„Die Leute gehen immer davon aus, dass man als FlugbegleiterIn besonders extrovertiert, selbstbewusst und ’smiley‘ sein muss. Die Leute irren sich. Viele meiner Kollegen sind stiller und schüchterner, doch genau diese Ruhe ist ihnen oft während des Flugs von Vorteil. Meine Antwort ist also:

  • man muss Menschen mögen
  • gerne reisen
  • unter schwierigen Bedingungen effizient arbeiten können.

Letzteres wird gerne vergessen – doch es ist eine Kunst, mit Schlafmangel und Jetlag eine gute Leistung zu erbringen.“

Ich bedanke mich bei Maja und während sie sich noch über die Sommerhitze in Wien beschwert, zähle ich innerlich weiter. Zähle nach, wie viele Flüge während unseres Gesprächs wohl um die Welt gegangen sind. Wie viele Angehörige währenddessen mit Blumen in vollgepackten Ankunftshallen erwartungsvoll auf die Arrival-Türen gestarrt haben. Die Antwort auf erstere Frage lautet: Zwischen 8.000 und 12.000 Flüge pro Stunde. Wie viele Menschen aber haben sich währenddessen gegen das Büro, für das Abenteuer und für den Beruf des Flugbegleiters entschlossen?

Redaktion

karriere.at verwendet Cookies, um dein Benutzererlebnis zu verbessern und personalisierte Werbung anbieten zu können. Weitere Informationen und deine Opt-Out Möglichkeit findest du auf unserer Datenschutzseite.