Erstellt am 27. April 2021 · Bewerbung · von

Bewerbung: Alles anders durch die Pandemie?

Lesezeit: 5 Minuten

Wie verändert die Pandemie das Verhalten von Jobsuchenden? Das hat eine aktuelle Umfrage am Beispiel von Jungakademiker*innen erhoben. Ergebnis: Trotz angespannter Lage am Arbeitsmarkt investieren sie nicht mehr Zeit in die Bewerbungsvorbereitung als vor der Krise …

Jedes Jahr erheben die Finanzexperten von FiP.S in ihrem FiP.S-JAM (= Jungakademikermonitor), wie Studienabsolvent*innen und Berufseinsteiger*innen zu den Themen Karriere und Finanzen stehen. Dieses Jahr wurden die Umfrageergebnisse mit besonderer Spannung erwartet: Wie hat sich die Pandemie ausgewirkt? Antwort: Kaum. Florian Märzendorfer, CEO und Gründer von fip-s.at, berichtet davon:

Ein Gastartikel von Florian Märzendorfer – für alle, die gerade auf Jobsuche sind (nicht nur für Studienabsolvent*innen)

Wie hat die Pandemie unser Verhalten bezüglich Bewerbungen & Gehaltsverhandlungen verändert und was kannst du daraus lernen?

Vom schlechtesten Teammitglied zum Weltmeister

Florian Märzendorfer

Florian Märzendorfer, CEO von fip-s.at

Hiroji Satoh war der schlechteste Spieler im japanischen Team, als er bei der Tischtennisweltmeisterschaft im Jahr 1952 in Bombay ankam. Am Ende sollte er Weltmeister im Einzel werden. Das lag nicht unbedingt an seiner herausragenden Spielweise, sondern daran, dass er seinen Gegnern die Möglichkeit nahm, seine Schläge zu hören.

Profis konnten bis dahin anhand des Ballgeräusches die Schläge ihrer Gegner einschätzen. Doch Hiroji Satoh klebte auf beide Seiten seines Tischtennisschlägers Schwammbeläge. Das veränderte das Geräusch des Balles. Seine Kontrahenten, die ein Leben lang die Klänge des Tischtennis studiert hatten, waren plötzlich taub. Der Schwammschläger von Hiroji Satoh veränderte den Tischtennissport dauerhaft.

Auch Covid19 kann unser Berufs- und Karriereleben für immer verändern

Tischtennisspieler, die nicht auf die „Schwammrevolution“ reagierten, waren wie Stummfilmstars, die mit der Einführung des Tons plötzlich zum Auslaufmodell wurden. Kann uns in der Pandemie etwas Ähnliches passieren? Wir haben den Teilnehmer*innen im Rahmen unseres aktuellen FiP.S-JAMs (= Jungakademikermonitor; eine Studie rund um Karriere, Finanzen und Gehalt) die gleichen Fragen gestellt, die wir ihnen auch vor der Pandemie gestellt haben. Was haben die Ergebnisse gezeigt? Hat Covid19 unser Verhalten bezüglich unserer Karriere dramatisch verändert?

Bereit? Dann legen wir los.

#1 Bewerbungsgespräch: Vorbereitungszeit & Herausforderungen

Ich kenne zwar die offiziellen Zahlen nicht, aber die Wahrscheinlichkeit, dass zu Zeiten der Pandemie (bzw. generell in einer Krise) mehr Arbeitsplätze zur Verfügung stehen, ist relativ gering. Für Jobsuchende wird es also eher schwieriger als einfacher. So wie sich ein Regenschirmverkäufer an einem sonnigen Tag nicht unbedingt vor Menschenmassen retten muss, so gibt es in einer größeren Krise keine Flut an offenen Stellen. Manche Branchen leiden mehr, andere weniger unter der Pandemie, doch insgesamt ist die Situation sicher nicht leichter geworden.

Wie sollten wir darauf also reagieren?

Einerseits muss man sich mental darauf einstellen, dass der persönliche Bewerbungsprozess vielleicht länger dauert als geplant und mühseliger als sonst ist. Andererseits sollte man auch persönlich reagieren und noch mehr Fokus auf seine eigene Leistung legen. Die Pandemie oder eine andere Krise können wir als Einzelperson schwer bis gar nicht beeinflussen.

„It’s not what happens to you, but how you react to it that matters.“
– Epictet

Wie haben die Jungakademiker also auf das Thema reagiert?

So wie’s aussieht fast mit einem kollektiven Gähnen – gemessen an der Vorbereitungszeit auf den Bewerbungsprozess. 2019 bereiteten sich ca. 13 % mehr als 3 Stunden auf ein Vorstellungsgespräch vor. 2020 – vor der Pandemie – waren es 9,8 % und 2021 gaben 10,6 % an, sich mehr als 3 Stunden auf ein Vorstellungsgespräch vorzubereiten.

Sieht man sich die Daten im Detail an, dann bemerkt man, dass sich ein paar mehr Leute zwischen 1 bis 3 Stunden vorbereiten – die Mehrheit investiert nach wie vor „nur“ 60 Minuten oder weniger:

vorbereitungszeit bewerbung 2021

Die Vorbereitungszeit, um bei jeder Bewerbung die HR-Manager*innen zu beeindrucken, war für die meisten schon vor der Pandemie zu gering. In Krisenzeiten können wir als einzelne Person die Wirtschaft nicht ankurbeln. Wir können die Impfzahlen nicht erhöhen. Wir können keine nicht vorhandenen Jobs aus dem Hut zaubern. Doch wir können unser eigenes Verhalten anpassen.

„Wenn wir eine Situation nicht ändern können, müssen wir uns selbst ändern.“
– Viktor Frankl

Eine dieser Änderungen kann mehr Zeit für die eigene Karriere sein

Die eigene Karriere ist den Jungakademiker*innen in Österreich nach wie vor wichtig: Vor der Pandemie gaben 4,2 % an, dass ihnen die eigene Karriere eher weniger wichtig bzw. gar nicht wichtig ist. 2021 waren es dann 5,2 %. Da hat sich also nicht viel getan. Wenn uns die eigene Karriere wichtig ist, dann müssen wir mehr Zeit in sie investieren. Ich meine damit nicht, dass wir alle 100 Überstunden im Monat machen müssen – nein die Qualität an Zeitinvestment ist wichtig. Pandemie hin oder her, das galt bereits vorher und wird auch nachher gelten. Ansonsten gehts dir vielleicht wie Blockbustern, die über den Kaufpreis von Netflix lachten und eine Dekade später nicht mehr existieren, während Netflix zum globalen Player wurde.

Natürlich ist die Vorbereitungszeit kein allumfassender Indikator

Nur aufgrund der Vorbereitungszeit lässt sich nicht bestimmen, wie gut oder schlecht jemand im echten Gespräch abschneidet. Aber bei einer Sache bin ich mir sicher: Unter 60 Minuten kann sich fast niemand vollumfänglich auf ein Vorstellungsgespräch vorbereiten. Mehr als 2/3 der Befragten waren 30 Jahre oder jünger. Berücksichtigt man die Studienzeiten, dann haben die meisten Jungakademiker*innen keinen riesigen Erfahrungsschatz bezüglich Bewerben, Gehaltsverhandlung & Co. Das ist völlig okay und normal. Doch jeder hat es selbst in der Hand, das zu ändern.

Auch wenn die Vorbereitung hochqualitativ ist, dann sind 60 Minuten oder weniger nicht ausreichend

Um ordentlich vorbereitet zu sein, sollte man unter anderem wissen, welche Fähigkeiten man mit welchen Stories belegen will, wie man auf die unangenehmsten Fragen reagiert („Nennen sie mir 3 Gründe, warum wir sie NICHT einstellen sollten?!“) und man sollte das Gespräch simuliert und geübt haben. Da sind 1 bis 3 Stunden schon zu wenig. 60 Minuten oder weniger sind schon fast lächerlich, wenn der Anlass nicht so ernst wäre.

Vor allem haben sich die größten Herausforderungen im Gespräch nicht verändert

Sowohl 2020 als auch 2021 schafften es diese Themen in die Top 4:

Das alles sind legitime Themen und echte Herausforderungen – egal ob wir gerade von einer Pandemie betroffen sind oder nicht. Diese Themen sind IMMER eine Herausforderung. Mit der richtigen (und zeitlich ausreichenden) Vorbereitung lassen sie sich aber in den Griff bekommen.

Ich will niemanden bevormunden, belehren oder nerven …

Doch die Pandemie kann man auch als Chance nutzen, um seine Bewerbungsskills zu schärfen, zu erweitern oder überhaupt mal aufzubauen. Wir lesen alle tagtäglich, wie dramatisch sich die Zukunft verändern wird (oder ist das nur meine Filter-Bubble?). Doch wir sollten auch nachdenken, was in den nächsten 10 Jahren gleichbleibt. Die Fähigkeit, sich richtig gut zu bewerben, wird in 3, 8 und 15 Jahren noch immer wichtig sein. Wieso also nicht jetzt mehr Zeit investieren? Vielleicht fragst du dich gerade: Ja, und wie soll ich das am besten machen?

Die Fähigkeit, sich richtig gut zu bewerben, wird in 3, 8 und 15 Jahren noch immer wichtig sein.

Den ersten Schritt hast du schon gemacht – du liest gerade diesen Artikel und denkst danach hoffentlich bewusster darüber nach. Wir von FiP.S bieten zum Beispiel ein kostenloses Online-Bewerbungstraining (mehr dazu findest du unter www.vomstudiumzumtraumjob.at). Du kannst dir auch ein Buch zum Thema kaufen. Du kannst den karriere.at-Blog inhalieren, oder an den kostenlosen Webinaren von karriere.at teilnehmen. Egal was du machst (vielleicht sogar alles zusammen) – je besser du beim Bewerben bist, desto eher hebst du dich von anderen Bewerber*innen ab.

Auch auf die Gefahr hin, dass es nervt, sollte man sich eine Sache immer wieder vor Augen führen

Wie viele Stunden stecken wir in Ausbildung? Wie lange hat unser Studium gedauert? Wieso investieren wir dann nicht ein bisschen mehr Zeit ins Bewerbungsthema, welches für einen großen Teil unseres Lebens richtungweisend ist? Ob wir einen Job bekommen oder nicht, entscheidet, wo wir ca. 1/3 unseres Lebens verbringen. Mehr Zeit in die Vorbereitung zu stecken ist eine first order negative, second order positive Situation. Der Vorabaufwand ist mühsam, doch die second order Konsequenzen sind gigantisch (im Positiven).

Das gilt auch für die weiter oben erwähnte Nummer 1 Herausforderung beim Bewerbungsgespräch: Gehalt verhandeln … Mehr dazu in der nächsten Woche.

Bis dahin kannst du dir im karriere.at-Podcast anhören, wie du Recruiter im Bewerbungsgespräch überzeugst:

Bildnachweis: shutterstock/fizkes; fip-s.at

Lisa-Marie Linhart

Lisas Liebe gilt dem Wort und der Musik. Bei uns kombiniert sie beides zu wohlklingenden Blogbeiträgen mit dem richtigen Groove für Themen, die das Arbeitsleben leichter und die Karriereplanung einfacher machen.