12. Juli 2018 · Bewerbung, Jobsuche · von

Pilotprojekt anonym bewerben: „Die erste Hürde muss vorurteilsfrei sein“

Im englischsprachigen Raum, insbesondere in den USA, hat sie sich längst als Standard etabliert: die anonyme Bewerbung. Hierbei werden das Bewerbungsfoto und persönliche Daten wie Alter, Geschlecht und Herkunft bewusst nicht angeführt, um der Diskriminierung von Bewerbern durch den Personalverantwortlichen vorzubeugen. Dadurch soll gewährleistet werden, dass tatsächlich der fähigste Bewerber den Job bekommt. In Österreich geben Unternehmen bisher nur vereinzelt die Möglichkeit, sich für eine Jobausschreibung anonym zu bewerben. Wir zeigen in diesem Beitrag die Vor- und Nachteile der anonymen Bewerbung auf.

Weitere Artikel zum Thema

Welche Personengruppen sollen „geschützt“ werden?

Es wurden bereits viele Versuche durchgeführt, die eindeutig belegt haben, dass vor allem Menschen mit Migrationshintergrund schlechtere Karten bei der Arbeitssuche haben als Einheimische – und das bei gleicher oder sogar besserer Qualifikation. Unternehmen entscheiden sich damit bewusst gegen Kompetenz und für Vorurteile.

Aber auch Frauen werden im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen immer noch benachteiligt. Das hängt vor allem damit zusammen, dass es überwiegend Frauen zufällt, ihre beruflichen Ambitionen zu unterbrechen, um sich dem Nachwuchs zu widmen. Damit bescheren sie dem Unternehmen natürlich Einbußen, da es dadurch eine wertvolle Arbeitskraft verliert und diese in ihrer bisherigen Leistungsbereitschaft vermutlich auch nicht so schnell zurückbekommen wird.

Auch das Alter spielt während des Bewerbungsprozesses eine große Rolle. Ältere Arbeitnehmer bringen zwar einiges an Lebens- und Arbeitserfahrung mit sich, gleichzeitig sind sie vielleicht dem Ruhestand schon sehr nahe, werden hinsichtlich ihrer Leistungsmöglichkeiten unterschätzt oder kommen dem Unternehmen einfach zu teuer.

Vorteile der anonymen Bewerbung

  • Chancengleichheit für die erste Runde. Alle Bewerber starten mit denselben Voraussetzungen und müssen durch ihre Qualifikationen überzeugen.
  • Die Bewerber können einfacher miteinander verglichen werden, da nur die Qualifikationen im Fokus stehen.
  • Durch das Weglassen persönlicher Daten können neue Bewerbergruppen erschlossen werden, was zu Vielfalt innerhalb des Unternehmens führt.
  • Die Förderung von Chancengleichheit durch anonyme Bewerbungen kann sich positiv auf das Employer Branding des Unternehmens auswirken.

Nachteile der anonymen Bewerbung

  • Man nimmt dem Bewerber die Möglichkeit, sich selbst als Persönlichkeit mit individuellen Stärken zu präsentieren und dadurch besser zu „verkaufen“.
  • Interessante Lebensläufe und Personen gehen unter, weil nur noch Qualifikationen im Vordergrund stehen.
  • Eine Benachteiligung der betroffenen Personengruppen wird nicht verhindert. Die abgelehnten Kandidaten erfahren lediglich zu einem späteren Zeitpunkt vom „Nein“, nämlich zum Bewerbungsgespräch.
  • Berufsanfänger sind klar im Nachteil, weil sie hinsichtlich Erfahrung und Qualifikation nicht mit der Konkurrenz mithalten können.

Fazit

Die Anonymisierung der Bewerbung ist demnach ungeeignet, um Bewerber vor Vorurteilen zu schützen. Denn sie ändert nichts an der kritischen und voreingenommenen Haltung, die die Personalverantwortlichen einnehmen – das eigentliche Problem wird verschoben statt behoben und auch die Bewerber selbst ziehen Nachteile aus einer anonymen Bewerbung. Unternehmen, die die Möglichkeit zur anonymisierten Bewerbung eingeführt haben, konnten zudem kein zusätzliches Bewerberpotenzial feststellen und haben berichtet, dass auch der Anteil an Mitarbeitern mit Migrationshintergrund nicht gestiegen ist.

Das bedeutet, dass eine Maßnahme, die Früchte tragen soll, sich nicht mit dem Bewerbungsprozess, sondern mit den Personalverantwortlichen befasst. Es sind die Vorurteile selbst, die bekämpft werden müssen. Sie zu verschleiern, ist schlichtweg zu wenig.

Heike Frenner

Heike war lange Zeit Autorin für unseren karriere.blog. Als Kollegin und Tastentiger kam uns die Jung-Mama leider abhanden, ihre Texte bleiben aber erhalten.

karriere.at verwendet Cookies, um dein Benutzererlebnis zu verbessern und personalisierte Werbung anbieten zu können. Weitere Informationen und deine Opt-Out Möglichkeit findest du auf unserer Datenschutzseite.