Wie man erkennt, ob man wirklich Job wechseln sollte

von in Arbeitsleben am Mittwoch, 6. August 2014 um 10:19

„Lange bleib ich nicht mehr in dem Job.“ Schon mal gedacht? Oder jemanden sagen gehört? Hat sich binnen eines Jahres nichts getan, liegt die Wurzel der Unzufriedenheit meist woanders, so der Karrieplanungsexperte Sascha Schmidt. Im Interview erklärt er, weshalb es den idealen Zeitpunkt für einen Jobwechsel eigentlich nicht gibt und wie man erkennen kann, ob es Zeit für einen Wechsel ist.

Unzufriedenheit zur „Rush Hour“ des Lebens

Gibt es den idealen Zeitpunkt für einen Jobwechsel überhaupt?

Sascha Schmidt

Sascha Schmidt

Sascha Schmidt: Ich glaube ganz ehrlich nein, nicht universell gesprochen. Sicherlich gibt es, je nach Lebenssituation, individuelle ideale Zeitpunkte. Sehr häufig ist dies bei Frauen die Rückkehr aus einer Elternzeit. Das ist ein Zeitpunkt, an dem sich viele überlegen, ob und in welchem Ausmaß sie in ihren alten Job zurück möchten. Bei Männern ist dies anders. Hier merke ich in meinen Coachings, dass Männer sich ab dem Alter von 35 Gedanken machen. Man nennt das soziologisch „Rush Hour des Lebens“. Sie haben vielleicht die erste Führungsposition inne, eine Familie gegründet, fühlen sich durch eine Immobilie auch finanziell verpflichtet und stellen dann manchmal fest, dass ihnen der aktuelle Job keinen Spaß mehr bringt – sie die äußeren Umstände aber dazu bringen, ihn zu behalten. Bei Männern ist ein idealer Zeitpunkt für den Wechsel oft 50+, sie haben ihre Karriere gemacht, haben keine großen finanziellen Verpflichtungen mehr und wollen etwas Sinnvolles machen.

Die Faustregel für den Jobwechsel

Gibt es Vorzeichen die einem zeigen, dass man besser wechseln sollte?

Sascha Schmidt: Ja, ich nutze da immer eine Faustregel: Wenn man regelmäßig pro Woche mehr als zwei Tage keinen Spaß an seinem Job hat, sollte man dringend darüber nachdenken, ob man nicht wechseln sollte. Ein solcher Wechsel kann aber auch innerhalb der eigenen Firma sein. Es geht schlichtweg darum, die eigene Situation aktiv zu verbessern.

Haben Sie hier Tipps, welche Fragen man sich selbst stellen kann, um dies herauszufinden?

Sascha Schmidt: Man kann sich zum Beispiel fragen: „Bringt es mir Spaß was ich mache?“ oder „Gehe ich gerne zur Arbeit?“ Es kann sein, dass einem vielleicht die aktuelle Tätigkeit keinen Spaß macht, man aber trotzdem gerne zur Arbeit geht, weil man die Kollegen so gerne mag. Oder aber die Arbeit macht Spaß, obwohl man mit dem neuen Chef noch nicht so gut auskommt. Ich frage mich auch immer gerne: Gewinne oder verliere ich im Job Energie? Komme ich nach Hause, und bin positiv erledigt oder komme ich nach Hause und bin nur mehr am schimpfen.

„Was stört mich eigentlich wirklich?

Muss es immer der radikale Schritt eines Jobwechsels sein?

Fragen zum JobwechselSascha Schmidt: Definitiv nein. Neben einem Positionswechsel in der Firma kann es auch einfach ausreichend sein, die eigene Einstellung zu ändern. Ich kenne viele, die vom Regen in die Traufe wechseln, weil sie die Probleme mitnehmen. Habe ich zum Beispiel als Mann ein Problem mit einer weiblichen Führungskraft, kann ein Wechsel unter Umständen nichts verändern. Hier gilt es zu hinterfragen, warum man dieses Problem hat und wie man damit umgehen kann. Sich seiner eigenen Einstellung bewusst zu werden und diese auch zu ändern, ist eines der schwierigsten aber auch fruchtbarsten Dinge. Ich empfehle immer, sich bevor man aktiv wird, die Frage zu stellen: „Was stört mich eigentlich wirklich?“ Es kommt nicht selten vor, dass hinter der Unzufriedenheit im Job in Wahrheit eine private Unzufriedenheit steckt.

Hilft hier beim Erkennen zum Beispiel die klassischen Plus-Minusliste?

Sascha Schmidt: Genau. Ich würde auch Gespräche mit Außenstehenenden empfehlen, bevor man aus einem Impuls heraus eine Entscheidung trifft. Denn es gibt auch Fälle, in denen man nicht mehr erkennt, dass man eigentlich einen sensationell guten Job hat und es zum Beispiel nur nötig ist, sich mit einem neuen Vorgesetzten zu arrangieren.

„Manchmal liegt das Problem auch woanders“

Wie viel Zeit vergeht Ihrer Erfahrung nach im Durchschnitt zwischen dem (ersten) Wunsch zu wechseln und dem tatsächlichen Wechsel?

Unsicherheit JobwechselSascha Schmidt: Das hängt stark von der Persönlichkeit ab. Bei mir ist es zum Beispiel so, dass ich sehr schnell reagiere, wenn ich merke, dass etwas nicht passt. Das ist aber nicht immer von Vorteil, weil man vielleicht auch übersieht, was man hatte. Dann gibt es welche, die gehen immer nur schwanger und gebären nie den Wechsel.

Ist das subjektives Empfinden oder gibt es tatsächlich immer mehr solche Menschen?

Sascha Schmidt: Wenn jemand den Wunsch nach einem Wechsel verspürt, und nach einem Jahr kein Jobwechsel oder zumindestens Bewerbungsgespräch stattgefunden hat, würde ich sagen, dass diese Menschen eigentlich gar nicht weg wollen, sondern das Thema irgendwo anders liegt. Denn sonst würden sie aktiv werden.

Weshalb gibt es Zeitpunkte im Leben eines Menschen (zb mit  30, 40), in denen die Unzufriedenheit mit dem Job steigt? 

Sascha Schmidt: Es gibt ja die berühmte Midlife Crisis und ich würde schon sagen, dass Ende 30, Anfang 40 so ein berühmter Knackpunkt ist. Das ist aus Karrieresicht ein sehr spannender Zeitpunkt, weil es nochmal die Perspektive gibt, etwas zu verändern. Mit 60 kann man das auch, hier wird mal aber wohl eher in der Pension etwas ändern.

Darauf sollte man beim Branchenwechsel Acht geben

Gibt es den idealen Zeitpunkt für einen Jobwechsel überhaupt?

Storytelling BewerbungSascha Schmidt: Eigentlich nein. Also ich gebe schon den Tipp, kein Job-Hopping zu machen. Es macht sich im Lebenslauf schon gut, wenn man Zwei- oder Dreijahresrhythem vorweisen kann. Sonst fragen sich Personaler schon: Was ist da los? Wenn man hingegen mehrere Jahre bei einem Arbeitgeber ist, zeugt dies von hoher Loyalität – kann aber auch der Hinweis darauf sein, dass jemand keinen Antrieb hat.

Wenn man wirklich Job oder gar Branche wechseln möchte – worauf sollte man achten und mit welchen positiven bzw. negativen Erlebnissen kann man rechnen?

Sascha Schmidt: Gerade beim Jobwechsel sollte man wirklich darauf achten, ob man sich verbessert. Und zwar nicht nur finanziell, sondern auch was die Lebensqualität im Job betrifft. Geht man hingegen einen Schritt zurück, indem man etwa eine Führungsposition aufgibt, muss man damit rechnen, dies in Zukunft vor Personalern begründen zu müssen. Wer die Branche wechseln möchte, sollte sich fragen, was die eigenen, inneren Kernkompetenzen sind.  Wenn man diese einmal definiert hat, zum Beispiel, dass man gut kommunizieren kann, stellt man fest, dass diese Kernkompetenzen häufig branchenunabhängig sind. Hier geht es darum, eine entsprechende Story für sich zu erarbeiten, mit der man gegenüber Gesprächspartnern argumentieren kann, weshalb man die Branche wechseln möchte.

Zur Person: Sascha Schmidt

„Werde Entscheidungsträger für Deine Karriere!“ So lautet das Leitbild von Sascha Schmidt aus München. Als Coach und Autor begleitet er berufliche Neuorientierungen und persönliche Entwicklungsprozesse. Die Vereinbarkeit von Karriere & Familie ist dabei ein Fokus seiner Arbeit. Von ihm erschienen ist das Buch „Ganzheitliche Karriereplanung – Ein Leben in Balance„.

Bildnachweis: Ollyy /Quelle Shutterstock, Peshkova/ Quelle Shutterstock, faithie /Quelle Shutterstock, Leszek Glasner /Quelle Shutterstock, Schmidt

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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