Work-Life-Balance: Pulscheck am Arbeitsplatz

von in Arbeitsleben am Dienstag, 6. Mai 2014 um 10:55

Wir verbringen mehr als die Hälfte unseres Lebens vor allem mit einem: Arbeiten. Grund genug also, sich mit verschiedenen Formen des Ausbalancierens zwischen Büro und Zuhause zu beschäftigen. Jan Thomas Otte von „Karriere-Einsichten“ hat für karriere.at mit Dr. Ernst von Kimakowitz von der Business School in St. Gallen gesprochen.

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Interview von Jan Thomas Otte

Arbeit kann Spaß machen, muss sie aber nicht. Unternehmensberater haben dafür ihre eigene Maxime geschaffen, das so genannte „Work hard, play harder“. Klar ist: Niemand gibt permanent Vollgas, ohne dabei irgendwann die Kontrolle über das eigene Fahrzeug zu verlieren. Was bedeutet Work-Life-Balance also, vorausgesetzt sie ist mehr als nur ein Mythos? Hier das Interview mit dem Unternehmensethiker an der Business School in St. Gallen:

Alle reden von „Work-Life-Balance“. Eine Modeschöpfung von Managern für Manager?

Ernst von Kimakowitz

Ernst von Kimakowitz

Ernst von Kimakowitz: Es gibt Sie durchaus, die „Work-Life-Balance“ – aber es ist eben auch ein Modebegriff. Menschen meckern ja nicht erst seit ein paar Jahren nach einem langen Arbeitstag mit fünfstündigem Meetingmarathon. Neu ist also nicht das Bedürfnis nach Ausgleich, sondern die Terminologie. Also, ja: Es gibt sie, die „Work-Life-Balance“ aber erstens ist es in der Substanz nichts neues und zweitens schafft nicht jeder, der sich des Begriffs bedient, es auch, Arbeit und Arbeitsplätze anzubieten, die diesem gerecht werden.

Muss Arbeit Spaß machen?

Ernst von Kimakowitz: Nein, sie muss keinen Spaß machen. Unternehmen sind aber gut beraten, solche Arbeit und Arbeitsplätze anzubieten, an denen das Arbeiten Spaß macht und zwar aus zwei Gründen. Zum einen aus Verantwortung dem Mitarbeiter gegenüber. Menschen, die sich tagtäglich wertschöpfend für ein Unternehmen einbringen, haben einen Anspruch darauf, würdig behandelt zu werden. Zum anderen ist es ist ja eine positive Errungenschaft und nicht etwa ein Rückschritt, dass wir uns heute darüber Gedanken machen können, wie Arbeit und Arbeitsplätze ausgestaltet werden können, damit sie Freude machen. Fazit: Arbeit sollte Freude machen.

„Work-Work“-Balance – wäre das nicht realistischer?

Ernst von Kimakowitz: Es sind Arbeit und Arbeitsplätze, die Menschen unzufrieden sein lassen und die dazu führen, dass man sagt: Ich muss etwas machen, das Sinn ergibt. Ich denke, man muss dabei zwei Formen des Ausbalancierens unterscheiden. Das eine ist die Balance aus verschiedenen menschlichen Drängen, die fast nie alle durch eine Arbeit bedient werden und die ohne Ausgleich zu einer einseitigen Belastung führen können.

Zum Beispiel…

Ernst von Kimakowitz: Wenn ich bei der Arbeit den ganzen Tag sitze, brauche ich Bewegung in der Freizeit. Wenn ich den ganzen Tag körperlich arbeite, brauche ich hingegen viel eher einen gemütlichen Fernsehsessel. Wenn ich den ganzen Tag alleine am Computer Texte verfasse, brauche ich in der Freizeit ein Bier mit Freunden und möglichst wenig Intellektualität in Gesprächen. Wenn ich hingegen Kindergärtnerin bin, brauche ich auch mal Zeit, in der kein Lärm um mich herum herrscht und ich im Zwiegespräch mit einer Qualitätszeitung „Weltpolitik mache“.

In unserer hochspezialisierten, arbeitseiligen Welt, in der jeder irgendwo ein Nischenexperte ist, da ist das doch kaum am Arbeitsplatz zu leisten?

Jan Thomas Otte

Jan Thomas Otte

Ernst von Kimakowitz: Wir brauchen Ausgleich abseits des Arbeitsplatzes. Die zweite Form des Ausbalancierens hat mit der Sinnhaftigkeit, die ich meiner Tätigkeit zuschreiben kann, zu tun und dem daraus resultierenden Maß in dem ich Erfüllung, Bestätigung, Herausforderungen, positiven Stress und soziale Anbindung durch meine Arbeit erfahre. Diese Dinge wollen wir alle erfahren und je weniger wir dies durch unsere Arbeit tun, desto mehr streben wir danach, sinnhafte Tätigkeiten außerhalb der Arbeit zu unternehmen wie etwa Freizeitbeschäftigung oder Ehrenamt.

Lesetipp:

Es gibt zwei spannende Studien zu diesem Thema, für alle, die mehr wissen wollen und sich kritisch mit Work-Life-Balance auseinandersetzen: die Gallup Employee Engagement Study und der Edelman Trust Barometer.  Ernst von Kimakowitz: „Beide stellen unserer heutigen Arbeitswelt und ihren Führungskräften ein wenig schmeichelhaftes Zeugnis aus.“

Bildnachweis: Kzenon / Quelle Shutterstock

Redaktion

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