Wenn Vorgesetzte durch Lob manipulieren

von in Arbeitsleben am Donnerstag, 2. Dezember 2010 um 10:09

Viel positives Feedback brachte uns in den vergangenen Wochen das Interview mit Christa Schirl-Russegger, klinische und Gesundheitspsychologin sowie Psychotherapeutin, zum Thema „Burnout“ ein. So viel Feedback, dass Christa Schirl-Russegger sich bereit erklärte, nun regelmäßig für das Karriere.Blog zu schreiben. Jeden Donnerstag werden Sie künftig Artikel der Expertin in Frage-Antwort-Form finden, die sich den unterschiedlichsten Problemen der Job- und Karrierewelt widmen. Heute: Wie gehe ich mit fehlendem Lob um?

Ich arbeite hauptberuflich in der Organisation eines großen Vereines. Die Arbeit macht mir sehr viel Spaß und ich organisiere immer wieder Dinge, die niemand von mir verlangt, aber die gut gebraucht und eingesetzt werden können. Über diese Leistungen freue ich mich, aber ich vermisse die Anerkennung bei den Kollegen. Jetzt merke ich, wie ich meine Motivation verliere, Außergewöhnliches zu leisten. Wie kann ich mit dem fehlenden Lob umgehen?

Sie sind in guter Gesellschaft! Eine Erhebung der Hewitt Associates bei rund 600 Unternehmen ergab, dass sich 42% der befragten Dienstnehmer mehr Anerkennung für ihre Arbeit wünschen. Jeder will Applaus. Lob ist Balsam für die Seele. Anerkennung ist ein wichtiger Baustein in der Motivation, wusste schon der Stanford-Psychologe Albert Bandura. Er stellte fest, dass Gelobte motivierter sind und sich höhere Ziele stecken.

Wo liegt die Falle? Wenn die Powerpoint-Präsentation zur Videoinstallation, das wöchentliche Jour-Fixe zur Bühne für den großen Auftritt wird – und der große Applaus ausbleibt, sinkt die Motivation. Aber: Nur Esel brauchen eine Karotte vor der Nase! Damit meine ich, dass Anerkennung keine Motivations-Droge sein darf. Fragen Sie sich lieber, wie sehr schätzen Sie sich selbst und Ihre Leistung? Selbstbewusste Menschen sind unabhängig vom Lob anderer. Sie erbringen Außergewöhnliches, weil sie Spaß und Freude im Job sehen und Sinn in ihrer Aufgabe finden.

Lob kann auch manipulieren

„Der Schmeichelei gehen auch die Klügsten auf den Leim“, stellte der Dramatiker Moliere fest. Damit ist gemeint, dass Lob nicht nur motivieren kann, sondern auch manipuliert, also gewünschtes Verhalten verstärken soll. Vorgesetzte lenken durch Lob und versuchen so, ihre Mitarbeiter zu steuern. Bei Lob-Junkies wirkt dieses Lob aber nur kurzfristig, sie brauchen ständig eine höhere Dosis. Solange Sie auf Applaus von Außen angewiesen sind, brauchen Sie einen Lieferanten, der an Ihrem Fremd-Wert arbeitet. Daher mein Tipp: Machen Sie sich unabhängig vom Lob anderer und spenden Sie sich selbst Applaus! Was ich damit meine? Steigern Sie Ihren Selbst-Wert, nicht Ihren Fremd-Wert. Selbst-Wert entsteht aus der Anerkennung, die wir uns selbst geben. Fremd-Wert entsteht durch Anerkennung von Außen. Ich meine damit nicht, dass Anerkennung und Lob überflüssiger Luxus sind. Ganz im Gegenteil: Rückmeldungen sind wichtig – egal ob in positiver oder negativer Hinsicht. Geben Sie anderen das, was Sie vermissen. Loben Sie selbst, am besten nicht nur Ergebnisse, sondern auch für ihr Engagement unabhängig vom Ergebnis.

Zur Person:
Christa Schirl-Russegger ist klinische und Gesundheitspsychologin sowie Psychotherapeutin. Neben der Tätigkeit in Ihrer eigenen Praxis ist sie außerdem Leiterin des Fachbereiches Therapie und Prävention des Kinderhilfswerks Österreich. Ihre Expertise stellt Christa Schirl-Russegger seit mehreren Jahren zahlreichen Medien zur Verfügung.

Christoph Weissenböck

Christoph Weissenböck macht Kommunikation bei karriere.at. Und dazwischen Blogposts. Schreiben ist für ihn mehr als ein Job.

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