Von wegen Anonymität im Netz: Wenig Jobchancen als linksextremer, homosexueller Scientologe

von in Bewerbung, HR, Jobsuche, Social am Dienstag, 3. August 2010 um 14:37

Freie Stelle – Ausschreibung – Bewerbungen – Vorstellungsgespräche – Assessment Center – Dienstvertrag. Diese Reihenfolge gilt zwar auch heute noch vielfach bei Unternehmen mit freien Stellen. Seit Facebook, Xing und Co. am Jobmarkt aktiv sind, müssen sich Personalchefs aber zusätzlich überlegen, wo, wie und über welche Plattform sie nach ihren künftigen Mitarbeitern suchen. Wo E-Recruiting perfekt wirkt und wo es an seine Grenzen stößt, zeigen aktuelle Studien. Und: Ein Beispiel, wie sich die Web-2.0-Identität auf die Jobchancen des einzelnen auswirkt.

Dass die Suche nach den besten Köpfen sich längst über weite Strecken auf der virtuellen Ebene abspielt, zeigt nun auch eine Expertenbefragung des deutschen Personaldienstleisters Randstad: 60 Prozent der Personalentscheider schätzen Mitarbeitersuche via Internet als bedeutend oder sehr bedeutend für ihr Unternehmen ein. Doch nicht in allen Branchen ist man im selben Ausmaß netzaffin: In der Verarbeitungsindustrie spielt E-Recruiting nur für 17 Prozent eine Rolle, im Dienstleistungsgewerbe jedoch für drei Viertel aller Personaler (74 Prozent).

Doch wo stößt E-Recruiting an seine Grenzen? Lässt sich wirklich bereits die ganze Bewerbungskette – vom Freiwerden des Arbeitsplatzes bis zum ersten Arbeitstag – über Online-Kontakte abwickeln? Dass die technischen Möglichkeiten, von Videokonferenzen über telefonische Bewerbungsgespräche seit Jahren gegeben wären, ist bekannt. Trotzdem sehen noch 26 Prozent der befragten Personalchefs in der Anonymität und Unpersönlichkeit der Online-Bewerbersuche einen Nachteil. „Beim Vorstellungsgespräch hört der Trend, alles online und virtuell abzuwickeln, dann gänzlich auf“, sagt Randstad-Sprecherin Petra Timm. So würde fast niemand (97 Prozent!) der Befragten auf ein persönliches Einstellungsinterview verzichten. Hier verlasse man sich dann doch auf das Bauchgefühl.

Interessant auch der jüngste Medialeistungstest 2010 Print und Online der Westpress Werbeagentur: Hochqualifizierte Bewerber – im angeführten Fall ein Oberarzt für Kinderheilkunde – lassen sich via Zeitungsinserat nach wie vor erfolgreich suchen. Völlig anders sieht die Situation jedoch aus, wenn nicht mehr absolute Top-Management-Positionen zu besetzen sind: Wird ein Vertriebsleiter gesucht, bringt die Online-Suche gleich viele sehr gut bzw. gut qualifizierte Bewerber für den Posten wie ungeeignete. Ergebnis: Ein größeres Angebot an geeigneten potenziellen Mitarbeitern.

Apropos Personalsuche: Fast jeder zweite österreichische Personalchef überprüft vor einem Bewerbungsgespräch die Social-Network-Accounts eines Bewerbers. 67 Prozent aller Bewerber wissen das auch und checken ihre Web 2.0-Identität auf eventuelle Peinlichkeiten, bevor sie sich um einen Job bewerben. Das ergab eine karriere.at-Umfrage im Juni dieses Jahres unter 406 Teilnehmern. Das sollte man auch unbedingt, zeigt ein interessanter Selbstversuch der deutschen Zeitschrift für Personalforschung (Ausgabe 1/10), mit dem sich auch der Personaler Blog auseinandersetzte: Es wurden zwei fiktive Online-Bewerberprofile angelegt, die sich bei 150 Unternehmen online bewarben. Eines davon würde sich beim Internet-Check durch die Personalisten als linksextremer, homosexueller Scientology-Befürworter herausstellen. Über die zweite Person war nichts im Netz zu finden.

Das Ergebnis war zu erwarten: Der unauffällige Bewerber bekam 29,3 Prozent an positivem Feedback, sein Konkurrent mit dem „belasteten“ Internet-Curriculum lediglich 17,1 Prozent – und das trotz gleicher Qualifikation.

Dazu noch ein interessanter TV-Beitrag – „Das Internet als Karriere-Stolperstein/ZDF Heute Journal 21. August 2009:

Christoph Weissenböck

Christoph Weissenböck macht Kommunikation bei karriere.at. Und dazwischen Blogposts. Schreiben ist für ihn mehr als ein Job.

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