Unternehmensziele & Co: Wieviel müssen Mitarbeiter wissen?

von in HR am Dienstag, 17. April 2012 um 09:00

Schon der britische Philosoph Francis Bacon (1561–1626) wusste: Wissen ist Macht – auch im Arbeitsleben. Ein Großteil der Arbeitgeber hält Informationspolitik für einen wichtigen Erfolgsfaktor. Viele Arbeitnehmer merken davon allerdings wenig, so das Ergebnis einer aktuellen karriere.at-Online-Umfrage. Wirklich gut über die Unternehmensziele informiert fühlt sich nur jeder zweite Arbeitnehmer. Jeder Dritte beklagt sogar, nichts über größere Zusammenhänge zu wissen.

Wunsch und Wirklichkeit klaffen auseinander

Die Zahlen sprechen eine deutliche und alarmierende Sprache: 65 Prozent der von karriere.at befragten Führungskräfte und HR-Manager sind davon überzeugt, dass Mitarbeiter möglichst viel über das Unternehmen wissen sollten. 22 Prozent gaben an, dass es Aufgabe der jeweiligen Teamleiter sei, die Mitarbeiter mit Informationen zu versorgen. „Panta Rhei“ (alles fließt) scheint es jedoch nur in der Theorie zu heißen. Die Realität sieht, so jedenfalls die befragten Arbeitnehmer, anders aus.

Nur 23 Prozent werden direkt informiert

Nur 23 Prozent der 430 befragten Arbeitnehmer gaben an, direkt vom Vorgesetzten informiert zu werden, 27 Prozent glauben zwar grob Bescheid zu wissen – jedoch bloß, weil Informationen durchsickern würden. 14 Prozent der Teilnehmer gaben an nur dann etwas zu erfahren, wenn sie aktiv nachfragen würden. Mehr als ein Drittel (36 Prozent) gab sogar an, gar nichts über die Unternehmensziele zu wissen.

Wissen schaft Identifikation und Motivation

„Die Kommunikation beziehungsweise das Wissen über Unternehmensziele bedeutet immer auch eine gewisse Wertschätzung. Die Einbindung eines Mitarbeiters in ein großes Ganzes ist wichtig, schafft Motivation und hilft, die eigene Tätigkeit einordnen zu können“, erklärt die Wiener Arbeits- und Personalpsychologin Veronika Jakl.

Der schmale Grat der richtigen Informationsmenge

Dabei gibt es jedoch den schmalen Grat zwischen einem Zuwenig und einem Zuviel an Information zu meistern. Auf der einen Seite, so Jakl, ist es für Mitarbeiter frustrierend, nur über den eigenen kleinen Bereich Bescheid zu wissen. „Weiß eine Buchhalterin hingegen, dass sie gerade an einer für die Firma sehr wichtigen Bilanzierung arbeitet, kann das die Motivation und die Wertschätzung der eigenen Arbeit enorm erhöhen.“ Auf der anderen Seite kann Information auch überfordernd sein und gerade wenn die Zeit drängt, besteht die Gefahr, sich durch zu viele Infos leicht zu verzetteln. Wie viel Arbeitnehmer tatsächlich wissen können, sollen und dürfen, ist nicht nur abhängig vom jeweiligen Unternehmen, sondern auch von der Branche. In einer Pharmafirma etwa, in der es häufig um sensible Innovationen und Forschung geht, ist mit Information besonders sorgfältig umzugehen.

Wissen ist Macht

Veronika Jakl, Psychologin

Wissen ist wie erwähnt Macht und deshalb, so die Psychologin, sollten sich Führungskräfte die Chance nicht nehmen lassen, Informationen als erste weiterzugeben und zu entscheiden, wer was erfährt. Dabei sollte, so Jakl, auch stets bedacht werden, was passiert, wenn eine Information ungewollt ihren Weg zu den Betroffenen findet. „Ein klassisches Beispiel etwa ist die Umstrukturierung einer Abteilung. Natürlich erzeugen Veränderungen auch immer Unsicherheit beziehungsweise Angst unter Mitarbeitern. Deshalb ist es wichtig, dass die richtige Person zur richtigen Zeit die Neuerung beziehungsweise Strategie und Ziele dahinter erklärt. So genannter Flurfunk hingegen ist störend, kann schief gehen und Misstrauen schüren.“

Information geht von Oben nach Unten

Hans-Peter Graf, Unternehmensberater

Der Welser Unternehmensberater Hans-Peter Graf sieht es in der Aufgabe des Vorgesetzten, seine Informationen auf das herunterzubrechen, was für die Aufgabe der Abteilung und der jeweiligen Mitarbeiter wichtig ist. „Die Information sollte von oben nach unten in jeweils angepasster und abgespeckter Form weitergegeben werden. Ein Zuviel an Information kann den Mitarbeiter überfordern und ist daher nicht zielführend“, meint auch Graf. Ein Mitarbeitergespräch kann zum Beispiel genutzt werden, um die Strategie der Firma portionsweise auf den konkreten Arbeitsbereich eines Mitarbeiters herunterzubrechen. „Den Mitarbeiter in der Produktion werden Visionen der Geschäftsführung möglicherweise verunsichern. Ihm geht es darum, ob der eigene Job sicher ist und wie es für ihn und seine Abteilung weitergeht.“

Gelebte Strategie statt verstaubte Leitbilder

Strategie und Ziele eines Unternehmens sollten gelebt werden und nicht als verstaubte Leitbilder an den Wänden hängen, betont Jakl. „In meiner Arbeit merke ich immer wieder wie wichtig es ist, dass Ziele gemeinsam formuliert und auch gelebt werden.“ Gerade in Hinblick auf den Fachtkräftemangel sowie die Probleme mancher Unternehmen, gute Leute zu halten, ist es wichtig, die Unternehmensziele klar zu kommunizieren und die Mitarbeiter dadurch auch zu motivieren.

„Es gibt keine bessere Werbung für ein Unternehmen als motivierte Mitarbeiter. Wenn sich diese nicht mit ihrer Firma identifizieren und gerne dort arbeiten, wer dann?“, fragt Jakl.

Wissen um den direkten Zusammenhang

Ideal wäre, so die Psychologin, wenn jeder Mitarbeiter den direkten Zusammenhang zwischen seiner Tätigkeit und dem Unternehmensziel sieht. Das heißt nicht, dass er über alles Bescheid wissen muss,“ das ist gar nicht möglich und nötig.“ Kennt man jedoch seine Rolle, gibt das nicht nur Antrieb, sondern auch ein gewisses Gefühl für die eigene Verantwortung und die Bedeutung, die die eigene Arbeit für das große Ganze darstellt. In Teambesprechungen sollten die Vorgesetzten ihre Mitarbeiter persönlich über neue Ziele und Strategien informieren, „Face to Face ist dabei immer die beste Lösung und schafft deutlich mehr Verständnis und Vertrauen als es eine E-Mail je könnte“, erklärt Jakl.

Härtetest neuer Mitarbeiter

Wie die karriere.at-Umfrage zeigt, gibt es, betreffend der Informiertheit der Mitarbeiter, eine deutliche Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Doch wie lässt sich prüfen, wie gut die Mitarbeiter über die Ziele und Strategien eines Unternehmens Bescheid wissen? „Ein Härtetest für die Qualität der Informationskultur eines Unternehmens ist die Einführung neuer Mitarbeiter. Chefs können gut beobachten, wie schnell sich diese einordnen, im Unternehmen wohl fühlen und wie gut und umfassend sie von Kollegen sowie Vorgesetzten informiert werden. Gibt es hierbei grobe Mängel, werden diese rasch sichtbar und können behoben werden.“

Überblickwissen zu den wichtigsten Zielen und Visionen

„Die Ergebnisse zeigen sehr deutlich, dass das Thema Mitarbeiterinformation für viele Unternehmen nach wie vor problematisch ist“, kommentiert Jürgen Smid, Geschäftsführer von karriere.at, die Umfrage. Nur wer gerne arbeite, mache dies auch mit vollen Einsatz – und das setze eben Wissen zum Unternehmen voraus. „Es geht nicht darum, dass jeder Mitarbeiter über Details informiert werden muss, sondern um Überblickwissen zu den wichtigsten Zielen und Visionen. Dieses Wissen hilft Arbeitnehmern, die eigene Leistung im Unternehmenserfolg wiederzufinden und schafft eine Basis, mit der man sich identifizieren kann.“

Fotonachweis: iStockphoto, privat

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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