Unternehmenshierarchie – Muss das sein?

von in Arbeitsleben, Inside am Donnerstag, 18. März 2010 um 09:28

„Ihre Mitarbeiter bekommen einen Standardtisch mit zwei Zentimeter dicker Tischplatte. Für die Geschäftsführung schlage ich vor, dass wir eine etwas dünnere und optisch schönere Platte mit 1,5 Zentimeter nehmen.“

Wow! Genau so wollte ich mich schon immer von meinen Mitarbeitern abheben!! Zwei Zentimeter Tischplatte gegenüber 1,5 cm. Phallus-Symbol in Tischformat. Genial!

Scherz natürlich. Ironisch gemeint. Aber für alle, die es wissen wollen: Genau so hört es sich an, wenn wir drei Geschäftsführer von karriere.at derzeit unser neues Büro mit Einrichtungsberatern planen und auf Einkaufstour sind.

Ja, richtig gehört. karriere.at wächst weiter und weiter und deshalb suchen wir gerade für unser gesamtes Team ein neues Büro. Größer, schöner, moderner und vor allem noch angenehmer seine Arbeitszeit zu verbringen. Schließlich wissen wir, was wir unseren Mitarbeitern schuldig sind.

Das heißt natürlich zuerst einmal grob geschätzt 1337 Fragen zu beantworten.  So in der Art: weiße oder grüne Küchenbank. Graue oder weiße Vertikaljalousien. Schwarze oder graue Fliesen. Alles nicht so schwer, wenn nicht dann immer wieder die gleiche Frage käme: „Wollen Sie sich als Geschäftsführung von Ihren Mitarbeitern abheben?“. Boah, zu schnell gefragt. Natürlich wollen wir das nicht. Deshalb sagen wir „Nein“. „Aber ich kann Ihnen empfehlen, dass wir die fahrenden Rollcontainer ganz in Hochglanz-Weiß ausführen, Ihre Mitarbeiter bekommen dann einen grau-weißen Rollcontainer. Merkt man ja fast nicht, und Sie heben sich trotzdem ab.“

Moment. Hat uns der Verkäufer nicht zugehört? Wir wollen uns nicht abheben. Denkste. Er schwenkt um und kommt auf die Tischplatte zu sprechen. „Aber zumindest könnte man die Tischplatte etwas dünner ausführen.“ NEIN. „Und wie wäre es mit einem etwas weißerem weiß?“ NEEIIN, bitte nicht. Anscheinend sprechen wir nicht deutlich genug. „Wir könnten ja die Vertikaljalousien in den GF-Räumlichkeiten bis zum Boden reichen lassen und in den Mitarbeiter-Büros nur bis zur Fensterkante. Das würde man kaum merken und Sie heben sich dennoch ein bisschen ab.“ „Oder man könnte …“

So genug jetzt. Ich glaube, Sie haben verstanden worum es mir geht. Es sei nur so viel gesagt, dass bei so ziemlicher jeder Büroentscheidung dieselbe Frage gestellt wird oder uns eine Zweiklassengesellschaft im Office zumindest implizit nahegelegt wird.

Irgendwie ist es anscheinend in der Gesellschaft eingebrannt, dass man sich als Geschäftsführung abheben muss von seinen Mitarbeitern – und sei es auch nur durch einen längeren Bleistift (wieder ironisch gemeint, Sie merken schon …). – Übrigens: Selbst meine Mutter meint: „Junge, du bist doch Chef. Ein bisschen sollte man sich schon unterscheiden.“

Da tut man sich als modernes Unternehmen schwer, wenn man sich doch tatsächlich erlaubt mit seinen Mitarbeitern auf einer Ebene zu stehen. Gesellschaftlicher Tabubruch sieht in etwa so aus.

Ich habe über das alles lange nachgedacht. Und letztendlich fällt mir nur eine Erklärung ein. Angst!

Ja, als Geschäftsführer soll man anscheinend Angst verbreiten, manifestiert durch mächtigeres Interieur, gediegenere Tisch und Stühle. Die Angst soll die Untertanen (Entschuldigung: Mitarbeiter) in Schach halten. Damit ja keiner aufmuckt und sich getraut eine Gegenmeinung einzunehmen. Das ist die Art, in der offensichtlich die Mehrheit der Unternehmen funktioniert in diesem Lande. Ansonsten würde es sich nicht so eingebrannt haben und die Nachfrage nicht so groß sein.

Ich maße mir nicht an, über diesen Sachverhalt zu urteilen. Ich (WIR) wissen nur eines: Wir wollen das nicht. Wir wollen  keine Hierarchien, wir wollen keine Mitarbeiter, die „kuschen“ und „parieren“. Wir wollen Menschen, die Ihre Meinung sagen, die Ideen haben, Ideen weiter entwickeln – auch gegen den Mainstream (im Unternehmen) – und auch unbequeme Dinge sagen.

Ich will keine sozialistische Revolution entfachen. Natürlich muss es in einem Unternehmen Vorgesetzte geben, Menschen, die entscheiden müssen und die Firma in eine gemeinsame Richtung steuern, Visionen geben und Enthusiasmus vorleben. Natürlich ist es letztlich die Geschäftsführung, die entscheiden muss. Aber man kann sich aussuchen ob man das MIT den Mitarbeitern macht oder OHNE. Und man kann sich aussuchen ob man nach dem Prinzip „Angst“ oder „Begeisterung“ führen will.

Und man kann sich natürlich für oder gegen eine dünnere Tischplatte entscheiden.

Klaus Hofbauer

Klaus Hofbauer ist Mitgründer und Co-Geschäftsführer von karriere.at. Aufgrund seiner Ausrichtung im Unternehmen hat er seine ganz speziellen Meinungen zum Thema HR und Technik, Online-Marketing, SEO und drumherum. Seine Kommentare sind manchmal nicht ganz ernst, aber immer hintergründig recherchiert und geben Einblicke hinter die Kulissen eines großen Online Portals.

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