The Semco Way – der ungewöhnlichste Arbeitgeber der Welt

von in HR am Donnerstag, 12. Januar 2012 um 11:36

Wie sind Unternehmen organisiert? Oben sitzt der Chef. Er hat die Fäden in der Hand und spricht überwiegend mit den Abteilungsleitern, die dann wiederum die Aufgaben an ihre Mitarbeiter verteilen. Die Vorgesetzten sind entschieden leistungsorientiert und verlangen das auch von ihren Mitarbeitern. Früh kommen, lange arbeiten und dazwischen möglichst produktiv sein ist die Regel. Eine klassische, pyramidenförmige Hierarchie eben. So haben Unternehmen übrigens auch schon im 17. Jahrhundert funktioniert. Dass es im 21. Jahrhundert auch anders geht – und man damit auch noch erfolgreich sein kann – zeigt ein Unternehmen aus Brasilien: Semco.

Theoretisch besteht Einigkeit darüber, was die wichtigste Ressource eines Unternehmens ist: Mitarbeiter. Die Praxis tut sich allerdings manchmal schwer, da mitzuhalten. Grund genug, einen Blick über den großen Teich nach Brasilien zu werfen. Dort gibt es ein Unternehmen, das sämtliche Prinzipien über Bord geworfen und eine völlig eigene Unternehmenskultur etabliert hat. Mitarbeitermotivation einmal anders!

Management ohne Manager

Ricardo Semler ist Inhaber der brasilianischen Semco Gruppe. Ihm gehören 94 % des Unternehmens, das Pumpen, Geschirrspülmaschinen, Kühlaggregate und zufriedene Mitarbeiter produziert. Tatsächlich ist er aber kaum mehr bei Semco anzutreffen. Die Geschäfte führen seine Mitarbeiter!

Als er in den frühen 1980er Jahren das Familienunternehmen von seinem Vater übernommen hat, galt es in jeder Hinsicht als traditioneller Betrieb mit maroden Finanzen. Heute wählen die 3.000 Mitarbeiter ihre Vorgesetzten (demokratisch!), entscheiden über Arbeitszeiten und Gehälter. Über die Aufteilung von Gewinnen wird abgestimmt, eine Personalabteilung gibt es nicht und die Bilanzen sind für alle Mitarbeiter transparent. Und die Aufteilung von Gewinnen findet mittlerweile regelmäßig statt – immerhin ist das Unternehmen hoch profitabel. Fluktuationsrate? Weniger als 1 %!

Power to the People

„Im Mittelpunkt unseres kühnen Experiments steht eine Wahrheit, die so einfach ist, dass man sie banal nennen müsste, wenn sie nicht so selten erkannt würde: Ein Unternehmen sollte sein Schicksal in die Hände seiner Mitarbeiter legen“, gibt sich Ricardo Semler in seinem Buch „Das Semco System“ überzeugt.

Sofort möchte man einwenden, dass das vielleicht anderswo funktioniert aber sicher nicht im eigenen Unternehmen. Mitarbeiter, die über ihr eigenes Gehalt entscheiden, würden sich überbezahlen. Dass die eigenverantwortliche Steuerung der Arbeitszeit dazu führt, dass sich im Büro keiner mehr blicken lässt. Genau diese Effekte scheinen sich bei Semco allerdings durch Gruppenzwang und Eigenverantwortung von selbst auszugleichen.

Hierarchien sind überbewertet

Wie funktioniert das also hier? Semco ist hierarchisch gesehen in Kreisen aufgebaut. Führungskräfte im klassischen Sinne gibt es nicht– es handelt sich dabei um Koordinatoren, die von den Mitarbeitern regelmäßig evaluiert werden. Wer bei diesen Bewertungen durchfliegt, verlässt das Unternehmen meist von selbst. Semco funktioniert laut Semler, weil bedingungslos in Teams zusammengearbeitet wird. Und dort wird streng darauf geachtet, dass sich niemand überbezahlt, ohne nicht auch die entsprechende Leistung dafür zu erbringen. Ob er diese Leistung in 4 oder in 8 Stunden, in der Hängematte oder am Arbeitsplatz erbringt, ist für den Erfolg nicht maßgeblich.

Wenn bei Semco Jobs ausgeschrieben werden, gehen tausende Bewerbungen ein. Und die Bewerber haben es nicht leicht. Immerhin entscheidet das Team für das der Bewerber vorgesehen ist gemeinsam, ob jemand für den Job fachlich geeignet ist und mit seiner Persönlichkeit ins Team passt.

Das Survival Manual

Damit bei Semco alle an einem Strang ziehen, wurde ein „Survival Manual“ etabliert. Ein Auszug daraus:

  • Leadership: Nur Menschen, die den Respekt ihrer Kollegen haben, sind in der Lage Teams zu führen. Situative Führung wird erwartet und respektiert.
  • Job Rotation: Wann immer es möglich ist, rotieren Menschen im Unternehmen. Manche wechseln den Arbeitsbereich, andere das (Tochter)unternehmen.
  • Zeitkontrolle: Jede Person kontrolliert ihre Zeiterfassung selbst. Dies ist eine Möglichkeit Eigenverantwortung zu zeigen.
  • Interne Beförderungen: Menschen, die bereits für Semco arbeiten, erhalten bei Beförderungen den Vorzug gegenüber externen Bewerbern, wenn sie die Vorgaben für den Job erfüllen.
  • Urlaub: Niemand ist unersetzbar. Jeder Semco Mitarbeiter ist verpflichtet, den jährlichen Urlaub auch tatsächlich in voller Höhe zu konsumieren.
  • Gehalt: Semco involviert seine Mitarbeiter in Gehaltsentscheidungen. Jedem Mitarbeiter steht ein faires Gehalt zu.

Ricardo Semler hat zum Thema einige Bücher publiziert:

The Seven-Day Weekend: A Better Way to Work in the 21st Century

Maverick!

Das Semco-System: Management ohne Manager

Bildnachweis: www.colourbox.com

David Kitzmüller

David Kitzmüller ist Marketing-Teamleiter bei karriere.at. Zwischen Werbekampagnen und Performance-Analysen schreibt er in seinen Blogposts über Trends und neueste Entwicklungen in der Webwelt.

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