Top-Stressfaktoren im Büro: Zusammenarbeit und Führung

von in Arbeitsleben, Arbeitsmarkt am Montag, 4. Februar 2013 um 11:34

Stress in der Arbeit und andere psychische Probleme sorgen für immer mehr und vor allem auch immer längere Arbeitsausfälle. Das Thema psychische Belastungen am Arbeitsplatz ist aktueller denn je, berichten auch die Experten der IBG – Innovatives Betriebliches Gesundheitsmanagement. Die häufigsten Auslöser bzw. Ursachen für den Stress wurden durch eine Studie sichtbar. Befragungs-Leiter Roland Ernst und Arbeitspsychologin Regina Nicham berichten im Interview über die Auslöser, Betroffene und mögliche Gegenstrategien.

Welche psychischen Belastungen machen Österreichs Arbeitnehmern am meisten zu schaffen?

Roland Ernst

Roland Ernst: Es geht viel um Druck und Stress. Es hat schon einen Grund, warum Burnout in aller Munde ist. Vor allem in Zusammenhang mit Zusammenarbeit und Führung zeigen sich Stressbelastungen. Auslöser sind oft viele kleine und abteilungsspezifische Belastungen, die oft in der Hektik des Alltags übersehen werden. Dazu gehören etwa die Belastungen durch die Arbeit in einem Großraumbüro, der Personalabbau bzw. Arbeitsplatzunsicherheit oder fehlendes Ideenmanagement.

Arbeitsmarkt: Kein Stein bleibt auf dem anderen

Wie hat sich die Situation in den vergangenen Jahren entwickelt?

Roland Ernst: Die dauerhaft angespannte wirtschaftliche Situation in vielen Branchen macht den Druck deutlich spürbar. Die Eingliederung von Unternehmen in Konzernstrukturen lenkt die Aufmerksamkeit auf kurzfristige Zielerreichung, nimmt den Managern oft Handlungsspielraum und vermittelt auch Unsicherheit über den Fortbestand des österreichischen Standortes in einer globalen Strategie. Dem gegenüber fördern Fachkräftemangel und der steigende Altersdurchschnitt der Beschäftigten ein Umdenken in den Unternehmen zu nachhaltigem Arbeitsvermögen. All das spüren die Mitarbeiter – kurz gesagt, die Rahmenbedingungen ändern sich derzeit in vielen Unternehmen stark und rasch, was viel Unsicherheit und psychische Belastung aber eben auch viele Entwicklungschancen und viel Sinnpotenzial mit sich bringt. Für viele Mitarbeiter hat sich dadurch die Situation verschlechtert. Für andere hat die Entwicklung aber auch neue Kompetenz, Entwicklung und ungeahnte Möglichkeiten gebracht.

Sind mehr Männer oder Frauen betroffen?

Roland Ernst: Aus den Statistiken wissen wir, dass mehr Frauen vom Anstieg der psychischen Erkrankungen betroffen sind. Die Gründe hierfür sind vielfältig und haben nicht nur mit der Rolle der Frau im Unternehmen zu tun, sondern auch mit gesellschaftlichen Aspekten. Doppel- und Dreifachbelastungen beispielsweise sind bei Frauen häufiger. Es gibt jedoch auch Unternehmen, wo es den Frauen gesundheitlich besser geht als den Männern.

„Der Fingerzeig auf eine Branche verhindert, dass man auf das eigene Unternehmen schaut“

Gibt es Branchen, in denen häufiger Probleme auftreten?

Roland Ernst: Aus unserer Burnoutstudie wissen wir, dass es sich vor allem um Unternehmen handelt, die sich mit der Gesundheit der Mitarbeiter noch nicht systematisch auseinandersetzen. Der Fingerzeig auf eine Branche verhindert daher eher, dass man auf das eigene Unternehmen schaut. Oft wird so lange weggesehen, bis die ersten Langzeitkrankenstände aus psychischen Gründen auftreten. Generell spricht man vor allem von den Branchen Gesundheits- und Sozialwesen, Erziehung und Unterricht und immer mehr von Berufen im Dienstleistungsbereich. Sowohl der gesamte Dienstleistungssektor als auch die IT-Branche spüren den verstärkten wirtschaftlichen Druck und zunehmende Ansprüche der Kunden und Unternehmen. In Deutschland trifft es zunehmend die „besten Arbeitgeber“ des Landes.

Welche Verfahren oder Möglichkeiten gibt es, die Belastungen zu messen?

Roland Ernst: Wir arbeiten hauptsächlich mit Arbeitsplatzbeobachtungen, Interviews und Befragungen. Darüber hinaus vergleichen wir die  Ergebnisse auch mit Kennzahlen aus den Unternehmen. Dadurch kommen wir zu ganz spezifischen Belastungsprofilen für Abteilungen und typische Tätigkeiten. Zur Stressmessung setzen wir auch physiologische Parameter wie HRV-Messungen oder Biofeedback ein.

„Viele kleine Probleme können durch gesunde Führung bereinigt werden“

Wie kann man diesen gegensteuern?

Regina Nicham

Regina Nicham: Wesentlich ist, dass diese vom Management erkannt und gesehen werden und dass ein Verständnis vorhanden ist, dass ungesunde Arbeitsbedingungen nicht nur schlecht für die Mitarbeiter, sondern auch schlecht für den Unternehmenserfolg und die Produktivität der einzelnen sind. Viele kleine Probleme können zudem durch gesunde Führung bereinigt werden. Lob und Anerkennung für Anstrengung und Zielerreichung gehören auch dazu. Falls die Unternehmen diesbezüglich Unterstützung wünschen, bietet IBG beispielsweise zahlreiche Unterstützung an – von arbeitspsychologischer und ergonomischer Optimierung bis hin zu Kultur-Veränderungsprozessen. Präventionsmaßnahmen sollen hier auf der Verhältnisebene stattfinden wie auch in Angeboten auf der Verhaltensebene (für die einzelnen Arbeitnehmer selbst).

Bildnachweis: konstantynov / Quelle Shutterstock, IBG

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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