Stress trifft auf Konflikt Teil 1: Was Führungskräfte wissen sollten

von in Arbeitsleben, HR am Mittwoch, 25. März 2015 um 11:41

Wenn es im Team zwischen Mitarbeitern kracht, kann das vielfältige Ursachen haben: Missverständnisse, persönliche Abneigung oder auch Stress. Konfliktexperte Timo Müller und Stressexperte Markus Frey über den hohen Preis, den man bezahlt, wenn Stress auf Konflikt trifft und warum der schwarze Peter nicht nur bei den Führungskräften liegt.

Die Unfähigkeit, verzeihen zu können

Stress als Auslöser für Konflikte: Handelt es sich dabei um Konflikte, die sich länger hinziehen, oder eher um kurzfristige Unstimmigkeiten?

Markus Frey: Zunächst könnte man meinen, dass es sich tendenziell um kurzfristige Unstimmigkeiten handelt. Leider wirken aber auch solche stressbedingten Konflikte wegen einer weitverbreiteten Unfähigkeit oft noch lange nach: Es handelt sich dabei um die Unfähigkeit, verzeihen zu können.

Timo Müller

Timo Müller

Timo Müller: Um diese Zusammenhänge zu verstehen, ist ein konkretes Fallbeispiel hilfreich. Nehmen wir an, dass eine Person – eine Führungskraft oder ein Mitarbeiter – im Zeitstress ist und sich gerade mit der Arbeitssituation überfordert fühlt. Nehmen wir weiter an, dass diese Person sich als Folge barsch gegenüber einer anderen Person B verhält. Ob dieser „Vorfall“ zu einem kurzen oder längeren Konflikt wird, hängt davon ab, wie Person B die Situation aufnimmt. Wird das Verhalten als Aggression verurteilt? Oder wird Verständnis für die Situation der gestressten Person gezeigt? Das Verzeihen, das Herr Frey ansprach, ist dann leichter möglich.

Wird in der Praxis bereits ausreichend zwischen stressbedingten Konflikten und anderen Ursachen unterschieden?

Timo Müller: Meine Einschätzung nach nicht – denn es fehlt an Wissen. Hier sprechen Sie ein grundsätzliches Problem an. Es wird versucht, Konflikte mit Alltagswissen zu lösen. Es fehlen bei vielen Führungskräften professionelle Kenntnisse, wie in Konflikt-Kontexten angemessen zu handeln ist. Dazu gehört auch, die Ursachen von Konflikten zu erkennen und diese im eigenen Handeln zu berücksichtigen: als Beteiligter eines Konfliktes oder – das ist Führungsaufgabe! – als Moderator eines Mitarbeiter-Konflikts. Der schwarze Peter liegt aber nicht allein bei den Führungskräften. Geschäftsführungen bzw. Personalabteilungen qualifizieren ihre Führungskräfte häufig nicht so, wie es notwendig wäre.

Markus Frey

Markus Frey

Markus Frey: Die Frage ist, von wem entsprechend unterschieden wird. Von den Konfliktparteien selbst allzu oft eher nicht. Gerade in solchen Situationen kann ein Coach hilfreich sein, der als Außenstehender in der Lage sein sollte, diese Unterscheidung vorzunehmen und die Konfliktparteien auf einen Weg zu führen, der sie wieder miteinander zusammenarbeiten lässt.

„Wichtigster Motivationsfaktor für Mitarbeiter ist der respektvolle Umgang.“

Gibt es klassische Stresssituationen, die besonders oft zu Konflikten führen?

Timo Müller: In meinen Trainings und Konfliktmoderationen höre ich immer wieder, dass respektloses bis hin zu aggressivem Verhalten zu Konflikten führt. Teilweise werden durch ein solches Verhalten auch Konflikte, bei denen es um ein Sach-Thema geht, weiter eskaliert. Eine Studie aus dem Jahr 2011, bei der 30.000 Mitarbeiter aus 17 Ländern befragt wurden, ergab, dass der wichtigste Motivationsfaktor für Mitarbeiter der respektvolle Umgang ist. It’s the respect, stupid. – frei nach Bill Clinton. Dieses Bedürfnis nach Respekt wird teilweise nicht erfüllt.

Markus Frey: Klassische Stresssituationen: Da gibt es viele. Bei Projekten z.B. der klassische Konflikt zwischen Menschen, die sehr genau arbeiten und solchen, die schnelle Resultate wollen. Wenn dann noch ein Abgabetermin näher rückt… Auch Stress-Situationen, die durch unklare Entscheidungsstrukturen bedingt sind, sind recht häufig. Es macht allerdings auch durchaus Sinn, noch einen weiteren Schritt zurückzugehen. Dieser besteht darin, zu fragen, wie die Belastungsfähigkeit erhöht werden kann, sodass „stressige“ Zeiten auch ohne größere Konflikte gemeistert werden können. Menschen, die die Zuflüsse zu ihrer Lebensenergie besser sichergestellt haben, neigen auch in Zeiten hoher Belastungen weniger zu Respektlosigkeiten und anderen Überreaktionen, die Konflikte auslösen oder verschärfen können.

Zu den Personen
Dr. Timo Müller
leitet das IKuF – Institut für Konfliktmanagement und Führungskommunikation. Er ist Doktor der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und hat in der Konfliktforschung promoviert. Als Experte für erfolgreiches Konfliktmanagement und gelungene Feedback-Kommunikation engagiert er sich im deutschsprachigen Raum als Business-Trainer, Vortragsreferent, Konfliktmoderator/-coach und Autor. Markus Frey gehört zu den bekanntesten Stress- und Burnoutexperten im deutschsprachigen Raum und ist der Autor von „Mit Stress zur Spitzenleistung“ und „Den Stress im Griff“. Er war zunächst vor allem im Hochleistungssport unterwegs, hat seinen Arbeitsschwerpunkt mittlerweile auf die Wirtschaft verlagert. Seine Angebote umfassen sowohl Keynote-Referate als auch Seminare und Coachings.

Bildnachweis: Nomad_Soul / Shutterstock

Martina Kettner

Martina hat zwei Leidenschaften: Schreiben und Fotografieren. Für karriere.at macht sie Ersteres und bloggt am liebsten über alles, was den Arbeitsalltag schöner und Karriereplanung einfacher macht.

Durch die Nutzung unserer Angebote erklärst du dich mit dem Setzen von Cookies einverstanden. Mehr erfahren