Stress trifft auf Konflikt – Teil 2: Diese Streitigkeiten werden teuer

von in Arbeitsleben, HR am Donnerstag, 26. März 2015 um 11:30

Über den Clash zwischen Stress und Konflikt haben Timo Müller und Markus Frey im ersten Teil des Beitrags berichtet. Heute analysieren die beiden Experten, was stressbedingte Konflikte auslösen und was sie kosten – finanziell und gesundheitlich.

Kosten für Konflikte werden durch übliche Controlling-Systeme nicht erfasst

Kann man einschätzen, wie viel ein Konflikt am Arbeitsplatz finanziell kostet?

Markus Frey: Vor neun Jahren haben zwei Forscher am betriebswirtschaftlichen Institut der Universität Köln die Kosten der Angst (die mit Stress in engem Zusammenhang steht) mit etwa 100 Mrd. Euro pro Jahr beziffert, was kurze Zeit später von der WHO bestätigt wurde. Auch Konflikte dürften nicht gerade billig sein.

Timo Müller: Konflikte verursachen volks- wie betriebswirtschaftlich hohe finanzielle Kosten. Problematisch ist, dass die Kosten von Konflikten durch übliche Controlling-Systeme nicht erfasst werden. Dies hat zur Folge, dass die große Bedeutung von Konflikten am Arbeitsplatz häufig nicht erkannt wird. Eine Studie der Österreichischen Wirtschaftskammer hat 2006 die Folgekosten von Konflikten bei kleinen und mittelgroßen Unternehmen berechnet: Es sind 19 Prozent der Gesamtkosten eines Unternehmens.

Welche Auswirkungen haben stressbedingte Konflikte auf die Psyche und Motivation der Beteiligten?

Markus Frey: Wenn Sie Umfragen von Berufstätigen lesen, was ihnen in Bezug auf ihren Arbeitsplatz am wichtigsten ist, dann steht die Arbeitsatmosphäre meistens ganz oben auf der Liste, noch weit vor dem Gehalt. Daraus können Sie schon ersehen, dass eine atmosphärische Störung durch einen Konflikt i.d.R. sehr starke Auswirkungen auf Psyche und Motivation hat, auch wenn dies natürlich individuell sehr unterschiedlich sein kann.

Stress Angst

Timo Müller:  Dem kann ich nur zustimmen. Eine Person, die negativen Stress erlebt – Stichwort: psychisches Ungleichgewicht – ist anfälliger dafür, Konflikte zu verursachen. Sie ist dünnhäutiger und anfälliger für Überreaktionen, die sie eventuell zu einem späteren Zeitpunkt bedauert. Ein wichtiger Aspekt beim Stresserleben ist die Regeneration. Gehe ich morgens ausgeruht an den Arbeitsplatz? Oder habe ich unruhig bzw. zu wenig geschlafen? Dies alles wirkt sich darauf aus, wie ich mit Situationen am Arbeitsplatz umgehe; und ob am Ende stressbedingte Konflikte entstehen.

Stressige Situationen lassen sich nicht immer verhindern. Wie kann es gelingen, trotz hohem Druck im Job Konflikte und Streitigkeiten zu vermeiden? Was können Arbeitnehmer tun, was können Führungskräfte tun?

Markus Frey: Für Arbeitnehmer und Führungskräfte gleichermaßen gilt: Kommunizieren Sie! Und für die Führungskräfte zusätzlich: Kommunizieren Sie mehr! Kommunizieren Sie klar, transparent und nachvollziehbar, insbesondere auch, wenn es um Unternehmenswerte und –ziele, sowie harte Entscheidungen geht. Das kostet zuweilen viel Kraft und ist harte Arbeit, da brauchen wir nicht drum herum zu reden. Aber am Ende des Tages kostet eine mangelhafte Kommunikation immer mehr Energie und in aller Regel auch mehr Geld.

Timo Müller:  Klare Zustimmung: Es sollte mehr kommuniziert werden. „Ärger-Themen“ sollten angesprochen werden. Dass setzt eine Führungskultur voraus, die nicht autoritär, sondern modern ausgelegt ist. Die Führungskräfte sind hier eine entscheidende Größe. Und: Ist ihre Führungskommunikation nicht kontraproduktiv auf Gehorsam oder Unterordnung ausgerichtet? Können die Führungskräfte professionell mit Konflikten umgehen oder agieren Sie mit einer „Basta“-Politik? Von einer partnerschaftlichen Kommunikation und Konfliktlösungen auf Augenhöhe wird am Ende das ganze Unternehmen wirtschaftlich profitieren. – Übrigens: Nur so können Unternehmen die Mitarbeiter der Zukunft, die Generation Y motivieren und binden.

Zu Teil 1: Stress trifft auf Konflikt – Was Führungskräfte wissen sollten

Zu den Personen
Dr. Timo Müller
leitet das IKuF – Institut für Konfliktmanagement und Führungskommunikation. Er ist Doktor der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und hat in der Konfliktforschung promoviert. Als Experte für erfolgreiches Konfliktmanagement und gelungene Feedback-Kommunikation engagiert er sich im deutschsprachigen Raum als Business-Trainer, Vortragsreferent, Konfliktmoderator/-coach und Autor. Markus Frey gehört zu den bekanntesten Stress- und Burnoutexperten im deutschsprachigen Raum und ist der Autor von „Mit Stress zur Spitzenleistung“ und „Den Stress im Griff“. Er war zunächst vor allem im Hochleistungssport unterwegs, hat seinen Arbeitsschwerpunkt mittlerweile auf die Wirtschaft verlagert. Seine Angebote umfassen sowohl Keynote-Referate als auch Seminare und Coachings.

Bildnachweis: Vitaliy Krasovskiy / Shutterstock; file404 / Shutterstock

Martina Kettner

Martina hat zwei Leidenschaften: Schreiben und Fotografieren. Für karriere.at macht sie Ersteres und bloggt am liebsten über alles, was den Arbeitsalltag schöner und Karriereplanung einfacher macht.

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