Stress am Arbeitsplatz – Was wirklich dahinter steckt

von in Arbeitsleben am Dienstag, 4. März 2014 um 11:36

Stress am Arbeitsplatz darf nicht unterschätzt werden und ist als Thema wohl aktueller denn je. Was wirklich dahinter steckt, wieso Burnout gar nicht selten auch in der Pension vorkommt und welchen Einfluss die eigenen Kollegen haben, berichten Michael Matzner und Judith Leitner von der Initiative Stressfrei Austria im Interview.

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„Ohne Behandlung explodieren die Kosten“

Stress am Arbeitsplatz betrifft jeden: Wie viel Prozent der Arbeitnehmer leiden ihrer Meinung nach unter zu viel ungesundem Stress?

Michael Matzner

Michael Matzner

Michael Matzner: Viele internationale Studien weisen sehr homogene Ergebnisse auf. Einer von zehn Mitarbeitenden ist im Laufe des Berufslebens zumindest einmal psychisch krank. Nur wenige lassen sich jedoch behandeln oder suchen das Gespräch mit einem Arzt. So werden viele Erkrankungen nicht diagnostiziert. Studien gehen davon aus, dass sich nur jeder 3. Mitarbeitende behandeln lässt. Und hier ist folgendes anzumerken: Ohne Behandlung explodieren die Kosten. Dies belegt eine neue Studie von Prof. Schneider von der JKU. Präventionsmaßnahmen in Betrieben rechnen sich. Jeder investierte Euro bringt zumindest 3 Euro an positiven Effekten.

Das sind die häufigsten Stressoren

Was sind dabei die größten Stressoren?

Michael Matzner: International gehen viele Expertinnen von 10-15 Hauptstressoren bei der Arbeit aus. Häufige Arbeitsunterbrechungen, Multitasking, das Phänomen „Always On“, also stets erreichbar zu sein, sind sehr oft genannte Stressoren. Neben dieser Gruppe haben viele Stressoren mit dem Verhalten der Führungskräfte zu tun: Werde ich als Mitarbeitender gut informiert? Erhalte ich Feedback für meine Aufgaben und habe ich eine Grundorientierung in welche Richtung das Unternehmen steuert.

Welchen Einfluss haben die Kollegen bzw. Führungskräfte?

Judith Leitner

Judith Leitner

Judith Leitner: Meiner Meinung nach ist der Einfluss von Kollegen, vor allem aber von Führungskräften, enorm und wird noch unterschätzt. Gerade in Bezug auf die Stressoren kann man hier einen Zusammenhang erkennen. Viele der bereits genannten Stressfaktoren sind durch Arbeitskollegen oder direkte Vorgesetzte gesteuert.

Checklisten und Stresstests

Wie merkt man, ob der eigene Stresspegel noch gesund ist?

Judith Leitner: Es gibt diverse Checklisten und Stresstests, die Stress und Auswirkungen von dauerhaft anhaltendem Stress einschätzen. Hier findet man Anhaltspunkte, nach denen man sich richten kann. Man merkt  jedoch selbst, ob man sich noch gesund fühlt oder nicht. Wichtig dabei ist, ob man Gedanken wie „Ich kann mich so schlecht konzentrieren“ oder „Das Wochenende ist zu kurz, ich kann mich nicht mehr erholen“ auch ernst nimmt.

„Sensibilität für andere ist ein guter Radarschirm“

Ist Stress unter Kollegen „ansteckend“? Kann jeder lernen, Ruhe zu bewahren?

Stress am ArbeitsplatzMichael Matzner: Lächeln kann anstecken. Stress ebenso. Daher legen wir bei unserer Arbeit einen großen Fokus darauf, nicht nur den eigenen Stresslevel besser zu optimieren, sondern auch ein Gefühl und die Sensibilität für die Stresslevels der Kollegen unserem Umfeld zu entwickeln. Sensibilität für andere ist ein guter Radarschirm, der eine Ist-Situation aufzeigt. Wesentlich ist jedoch auch die Feststellung, dass man die Stressbelastung anderer Personen gut mitregulieren kann. Das geht rascher und effizienter als viele Menschen glauben. Jeder weiß aus eigener Erfahrung, wie rasch man jemanden „auf die Palme“ bringen kann. Auch der umgekehrte Weg ist einfach möglich und unterstützt den Erfolg bei der Teamarbeit enorm.

Welche Auswirkungen kann zu viel Stress haben?

Michael Matzner: Die Auswirkungen von Dauerstress sind enorm und lassen sich sowohl auf physischer, als auf psychischer Ebene abbilden.

Die Liste der Stresssymptome bzw. Folgeerkrankungen ist sehr lange, hier nur einige, wenige Beispiele.

Massiver Anstieg psychischer Krankheiten

Viele Studien und Zeitungsartikel berichten über den massiven Anstieg von psychischen Erkrankungen. Immerhin machen diese bereits 2,5 Prozent der Krankenstände aus, diese Krankenstände dauern durchschnittlich 40 Tage! Diese alarmierenden Zahlen sollten endlich ernst genommen werden.

Stress am Arbeitsplatz EntspannungWie kann man als einzelner Arbeitnehmer rechtzeitig vorbeugen?

Michael Matzner: Wie bei allen Dingen im Leben benötigt man Know How, Technik und Übung. Tennisspielen zu lernen ist jedoch wesentlich komplizierter als Stressmanagement zu praktizieren. Stressmanagement kann man an einem Tag lernen, ebenso wie Nordic Walking. Nur anwenden muss man es nach der Lernphase selbst. Egal ob Nordic Walking, Stressmanagement oder eine andere leicht zu lernende Tätigkeit. Die Eigenverantwortung und eine Portion Konsequenz sind bei allen Dingen wichtig.

Judith Leitner: Ein wesentlicher Aspekt ist für mich Achtsamkeit. Diese bedeutet sich selbst und die Welt rund herum achtsam wahrzunehmen. Wie bereits angesprochen geht es vor allem darum, sich seiner (und seinen Ressourcen) bewusst zu werden. Es braucht gewisse Zeiten, in denen man zur Ruhe kommt, Regenerationsphasen. Stressmanagement lehrt, diese Phasen im Alltag zu integrieren und regelmäßig zu praktizieren.

25 Prozent der Burnout-Fälle nach der Pension

Gibt es Arbeitsformen, die helfen, Stress zu nehmen? Etwa flexible Arbeitszeiten, Homeoffice oder Teilzeit?

Stress am Arbeitsplatz BurnoutMichael Matzner: Etwa 25 Prozent der Burnout-Fälle treten erst nach der Pension auf. Dafür gibt es ein einfaches Erklärungsmodell. Wir haben in der Pension keinen „Chef“ mehr, bestimmen unseren Tagesablauf autonom und können tun und lassen, was wir wollen. Wer bei dieser großen Eigenverantwortung keinen Rhythmus findet, den Alltag taktet und Regelmäßigkeiten lebt wird rasch überfordert. Im Berufsleben schaffen selbst viele Spitzenmanager mit regelmäßigen 16 Stunden Tagen einen Rhythmus zu finden, auch wenn dieser Rhythmus wie im Spitzensport im extrem hohen Niveau angesiedelt ist. Cool und gelassen bleiben nur jene Personen, die es schaffen irgendwie einen Rhythmus zu finden. Diese sind auch wesentlich seltener von Burnout betroffen.

Zu den Personen: Michael Matzner und Judith Leitner

Der Sozial- und Betriebswirt Michael Matzner ist Programm-Manager von Stressfrei Austria. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Kommunikation, Organisation und Sustainability Management.

Die Sozialwirtin Judith Leitner ist für die Programmentwicklung von Stressfrei Austria zuständig. Die Gesundheitsmanagerin in Ausbildung hat als Arbeitsschwerpunkte HR-Management, Projektmanagement und -marketing sowie Beratung.

Bildnachweis: Stressfrei Austria, igor.stevanovic /Quelle Shutterstock, oticki /Shutterstock, Spectral-Design /Quelle Shutterstock, Sirocco /Quelle Shutterstock

Heike Frenner

Heike Frenner schreibt seit April 2012 für karriere.at In nächster Zeit jedoch nicht so oft und vermutlich mit leichtem Baby-Schwerpunkt.

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