Sieben Fakten über Streit am Arbeitsplatz: Gibt der Klügere wirklich nach?

von in Arbeitsleben am Mittwoch, 4. Januar 2012 um 12:54

Gerade nach den Feiertagen fällt es uns besonders auf: Unsere Kollegen nerven! Sie zanken, sie brüllen und schlagen mit Argumenten um sich. Kurzum, in Österreichs Büros kracht es richtig! Und statt einzugreifen und zu beschwichtigen, schauen wir – meistens – einfach weg. Die Tendenz, Streit als Frustventil zu nutzen, steigt laut neuesten Studienergebnissen rasant! Aber wodurch wird Streit begünstigt und was sind die Auslöser? Unsere sieben Fakten geben Ihnen einen neuen Einblick in die österreichische Konfliktkultur!

Die Kampfstätte Arbeitsplatz, ein treffender Titel für die aktuelle Umfrage des internationalen Forschungs- und Beratungsinstituts OEKONSULT im Auftrag des Standard. 1163 Teilnehmer wurden in einer Face-to-Face Befragung zu ihrer Toleranzgrenze und den Erfahrungen mit Streitigkeiten am Arbeitsplatz befragt. „Besorgniserregend“, so äußert sich OEKONSULT-Chef Joshi Schillhab zu den Ergebnissen der Umfrage. „Sei es, dass die positiven Vorbilder seltener geworden sind, sei es, dass existenzielle Nöte und Zukunftssorgen die Entsolidarisierung beschleunigen, oder auch, dass sich gesellschaftliche Grundwerte in einer Konsum- und Spaßgesellschaft zwangsläufig zu mehr Egoismus hin und weg von Toleranz verschieben – die Entwicklung ist unübersehbar: Harmonisches Miteinander und Deeskalation haben mehr und mehr ausgedient“, warnt Schillhab.

Sieben Fakten aus der Studie zu Streit am Arbeitsplatz:

1. Streiten gehört zum normalen Leben

Um die Ergebnisse der Umfrage auf den Punkt zu bringen: Streiten ist für 95 Prozent der Befragten ‚ganz normal‘, wenn Menschen zusammenarbeiten. „Wettstreit und Auseinandersetzungen sind per se nichts Schlechtes und kommen in allen Gesellschaften vor“, so Schillhab. „Es kommt jedoch auf das Einhalten von Regeln an und auf das Setzen von Grenzen. Wir leben in einer sich entsolidarisierenden Arbeitswelt. Die Schwäche des Kollegen wird knallhart zum eigenen Vorteil, der eigenen Profilierung, zum eigenen Karriereschritt genützt. Chefs spielen gerne auf diesem Klavier der Entsolidarisierung.“ Die Ergebnisse der Umfrage zeigen: Gerade mal ein Prozent sind der Meinung, dass Streit am Arbeitsplatz durchaus nicht normal ist.

2. Wegschauen statt eingreifen

Zivilcourage ist das Stichwort. Ob Mobbing im Büro oder Übergriffe in öffentlichen Verkehrsmitteln – schon allzu oft wurde bewiesen, dass wir als Zeugen im Streitfall eher wegschauen, als eingreifen! „Wir finden das Phänomen des Non-Involvements mehr und mehr in allen Bereichen der Gesellschaft. Denken wir an die am Boden liegende Person am Gehsteig, der die allermeisten Passanten wegschauend ausweichen“, erzählt Schillhab. Auch die Ergebnisse der Umfrage verdeutlichen diese Tatsache aufs Neue. Nur jeder fünfte Befragte würde bei einem Streit schlichtend eingreifen. 80 Prozent hingegen sagen, sie würden sich im Streitfall auf jeden Fall heraushalten. „Das ‚Not my Business‘ hat sich beängstigend breitgemacht. Sich besser nicht engagieren, sich ja nicht exponieren, aus der Masse nicht herausragen und sich neutral verhalten sind Verhaltensweisen, die auch in unserem Kulturkreis zur gängigen Norm werden oder schon geworden sind. Mobbing ist immer das Problem der Anderen, immer das der Schwachen“, so Schillhabs traurige Bilanz.

3. Der Chef hat immer Recht

Wenn die Argumente sich dem Ende zu neigen, wird die Chef-Karte ausgespielt. Denn der Chef hat immer recht, auch wenn er völlig daneben liegt. Die übliche Vorgehensweise bei Konflikten am Arbeitsplatz, so bestätigen auch 85 Prozent der Befragten. Aber wer ist der wahre Verlierer? Der Chef, der sich eine innere Niederlage eingestehen muss oder der Mitarbeiter, der gegen seine Überlegung handelt? Schillhab meint: „Was kümmern ‚innere Niederlagen‘, solange die Machthaber dies halbwegs übertünchen können. Moralische Sieger können sich von ihrer Moral nichts abschneiden, sie lukrieren keinen Vorteil, oft genug nicht mal den einer Anerkennung oder Respektgewinnes.“ Verschwindend geringe drei Prozent lehnen sich gegen diese ‚Muh und Amen‘ Politik auf. „Chefs haben die Macht. Sie zahlen Frauen glatt ein Drittel weniger Lohn für gleiche Arbeitsleistung. Die Arbeitswelt ist wieder Kampfstätte geworden, auf der das Recht des Stärkeren knallhart vorgibt, wo’s lang geht“, weiß Schillhab.

4. Immer öfter, immer heftiger

Streit am Arbeitsplatz nimmt zu. 81 Prozent der Befragten sind davon überzeugt, dass es in den letzten Jahren zu einer Steigerung der Konflikte am Arbeitsplatz gekommen ist. „Immer mehr Menschen müssen immer mehr Leistung bringen für immer weniger Gegenleistung. Und das in immer kürzerer Zeit. Die schöne neue Arbeitswelt mit ihren technischen Neuerungen hält uns immer mehr auf Trab. Wenn der Druck zunimmt, nehmen Gelassenheit und Toleranz ab. Der Kollege ist störender Konkurrent. Obwohl wir sowieso mit der Arbeit niemals fertig werden, müssen wir immer mehr und schneller und besser arbeiten, um mit allem fertig zu werden, was sich vor uns an Aufgaben und Verpflichtungen auftürmt“, erklärt Schillhab.

5. Unpeinlich: Die Lustigkeit des öffentlichen Streitens

Streiten in der Öffentlichkeit? Na und? Konflikte vor den Augen und Ohren der Öffentlichkeit auszutragen, hat an Peinlichkeit verloren. Aber auch für die Zeugen ist das Beobachten eines öffentlichen Streits nichts Unangenehmes mehr. 78 Prozent der Befragten fühlen sich stattdessen eher amüsiert als beschämt. „Was zahlreiche Talkshows und Sendeformate als quotenträchtiges Genre für sich entdeckt haben, genießt auch im normalen Leben durchaus Unterhaltungswert“, so Schillhab. Dass öffentliche ‚Fetzen‘ ist zwar in vielen Kulturkreisen, wie beispielsweise in Asien, aufs Äußerste beschämend, aber im voyeuristischen Österreich stören sich gerade mal vier Prozent der Befragten daran.

6.Großmutters Loser-Prinzip des Nachgebens

‚Der Klügere gibt nach‘ hieß es immer von Oma. Aber hat diese Haltung in der heutigen Streitgesellschaft überhaupt noch Bestand? Wir haben Herrn Schillhab gefragt: „Das ist längst vorbei. Das wollte uns Großmutter weismachen, als Konfliktvermeidung noch als Tugend galt. Heute lernen wir schon am Schulhof: Nachgeben ist etwas für Loser. The Winner takes it all.“ Auch die Umfrage-Ergebnisse spiegeln das sehr gut wieder. Zwei Drittel aller Befragten sehen das Prinzip des Nachgebens eher als ‚Loser-Prinzip‘. „Im Berufsleben und ganz sicher auch in der Zivilgesellschaft ist das Nachgeben des ‚Klügeren‘ zumeist von geringem Respekt begleitet. Berater, Coaches und Gruppentrainer predigen Teamgeist, Konsens und Konfliktvermeidung, aber schon jenseits des Seminarraumes sieht die reale Arbeitswelt ganz anders aus“, mahnt Schillhab.

7. Streit suchen gegen den Frust

Streit als Frustventil? 68 Prozent der Umfrageteilnehmer bestätigen, dass sie oft Streit gezielt suchen, um Frust abzubauen. „Wer tagtäglich im Job vorm Chef ducken muss, ständig von zunehmendem Arbeitsdruck gestresst und nun auch nicht selten von Existenzsorgen und Krisengedanken getrieben ist, gerät leichter aus der Fassung. Negative Emotionen bahnen sich dann eben ihren Weg. Das Ergebnis ist Streit. Mit realem, konkretem Anlass oder einfach als Selbstzweck gesucht und vom Zaun gebrochen“, weiß Schillhab. Konflikte vom Zaun zu brechen um Frust abzubauen kommt für neun Prozent nicht in Frage.

Das Einmaleins des Streitens

Diese sieben Fakten verdeutlichen nur allzu gut, was tagtäglich im Büro zu Konflikten führt. Wir wissen, dass es Streitpunkte gibt, aber wir versuchen sie zu übersehen. Die Probleme betreffen ja immer die Anderen. Man selbst weiß seine Streitigkeiten auszufechten. Aber genau das ist das Problem: Wir wissen es eben nicht! Die Konfliktkultur in Österreich ist kaum ausgeprägt. Jeder ist immer auf seinen eigenen Vorteil aus, vor allem auch durch den ständigen Arbeitsdruck und der vorherrschenden Existenzsorge geht es nur darum sich gegen die Anderen durchzusetzen. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist das friedliche Miteinander.

Auch wenn sich Streitigkeiten im Büro nicht vermeiden lassen, ist es besonders wichtig Grenzen einzuhalten und nicht angestauten Frust an anderen auszulassen. Auch ein ‚Entschuldigung‚ ist mit Sicherheit öfter angebracht! Schließlich will man dem Streitpartner auch in Zukunft noch in die Augen sehen und vor allem mit ihm arbeiten können.

Redaktion

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